Vergoldetes EM-Ende mit „Hilfslinien“ auf dem Oberschenkel
Magdalena Lobnig sichert sich nach Silber auch noch Gold bei der EM im Coastal Rowing. Im Oktober steigt die WM in China.
Mit all ihrer Kraft zog Magdalena Lobnig die Ruder durch das Salzwasser vor der Küste von La Línea de la Concepción, knapp nördlich von Gibraltar. „Ich wollte unbedingt als Erste bei der ersten Boje sein“, sagte die Völkermarkterin nach dem „Endurance Race“ der Europameisterschaft in Spanien, „wenn du da vorne bist, ist es für die anderen hart, vorbeizukommen. Das kostet dann richtig viel Kraft.“ Wie weiland auf dem Flachwasser zeigte sie auf offener See eine enorme Kraftentfaltung in der ersten Rennphase – ein perfekter Blitzstart in dem Massenstartrennen, in dem jede Berührung das Ende bedeuten kann. „Und dann habe ich geschaut, dass ich keine Fehler mache.“ Und das gelang ihr. Am Ende siegte die 36-Jährige nach einem harten Wettstreit über sechs Kilometer. 29:29 Minuten benötigte sie für die Fahrt und hatte am Ende 15 Sekunden Vorsprung auf die Ukrainerin Kateryna Dudchenko.
Doch musste sich Lobnig auf dem Weg zum Titel überwinden. Die Strapazen der Vortage machten sich bemerkbar. „Bei der ersten Boje habe ich's bereut, dass ich heute gestartet bin“, sagte sie und lacht, „ich habe die Vorbelastung echt gespürt. Es war brutal, auch weil die hinter mir richtig Tempo gemacht haben. Aber im Ziel war dann alles vergessen.“ Apropos Vorbelastung: Lange ließ sie die Silbermedaille aus dem olympischen „Coastal-Sprint-Einer“, die sie am Vortag errudert hatte, nicht um ihren Hals baumeln. Denn sie entschied sich dazu, die Strecke des „Endurance Race“ genau zu begutachten, und das zahlte sich wahrlich aus. „Ich habe mir zum Glück alles gemerkt, obwohl es sehr kompliziert war.“ Doch hatte sie mit einem Lackstift vorgesorgt. Auf ihren Oberschenkel hat sie sich die Strecke gezeichnet – sicherheitshalber: „Für den Fall, dass ich ein Blackout habe.“
Das blieb aus, und so unterstrich Lobnig ihre Qualität, sich in einem Wettstreit besonders quälen zu können. „Ich liebe es einfach, wenn es um etwas geht, wenn ich mich beweisen muss. In diesen Situationen hole ich immer die letzten Prozent raus.“ Wie hart die Belastung war, zeigte auch, dass sie nach dem Rennen ganze 45 Minuten auf dem Ergometer ausgeradelt hat, um die Beine wieder locker zu bekommen. Die Aufnahme von Coastal Rowing in das Olympische Programm von Los Angeles hat nicht nur die Professionalisierung des Sports vorangetrieben, sondern auch den Konkurrenzkampf angefacht.
Mit Gold sind die „European Rowing Coastal and Beach Sprint Championships“, wie das Rennen hochoffiziell heißt, für Lobnig beendet. Gemeinsam mit ihrer verletzten Schwester Katharina – die in Spanien ihre Partnerin im Doppelzweier gewesen wäre – wird sie unter der spanischen Sonne noch bis Montag regenerieren und dann erst in Kärnten und in Spanien jeweils einen einwöchigen Trainingsblock einlegen.
Denn mit der WM in China wartet der Höhepunkt noch. „Die beiden Medaillen sind der perfekte Boost, um noch einmal Vollgas zu geben“, sagt Lobnig, die im Land der Mitte wieder in einem anderen Boot sitzen wird. Denn im Coastal Rowing wird das Material nicht selbst gestellt, sondern vom Veranstalter. So ruderte sie in Spanien mit einem Boot aus Italien (Beach-Sprint) und Deutschland (Endurance). Das Boot der WM aus chinesischer Fabrikation kennt sie bereits und es liegt ihr gut. Darin kommt das Gefühl näher an jenes heran, das sie auf dem Flachwasser hatte.
