„Gentle Monster“: Der Super-GAU im eigenen Wohnzimmer
Marie Kreutzer legt mit „Gentle Monster“ einen hochaktuellen Film über Kindesmissbrauch und die Folgen vor.

Pädophilie und Pädokriminalität sind nicht erst seit dem Fall Teichtmeister medial ein Thema, auch dieser Tage erschüttert ein weiterer prominenter Fall die Öffentlichkeit. Da kommt Marie Kreutzers neuer Film „Gentle Monster“ wie gerufen: es geht um eine Ehefrau, die aus allen Wolken fällt, weil ihr Mann des Kindesmissbrauchs bezichtigt wird. Aber erst als Lucy (Léa Seydoux) mit dem Lift in den zweiten Stock des Polizeipräsidiums geschickt wird, dämmert ihr die seelische Katastrophe, die vor ihr liegt, nachdem ihr Mann Philip (Laurence Rupp) kurz zuvor verhaftet wurde: Im Lift steht da: „Abteilung Kinderpornografie“. Lucy verliert ihre Bodenhaftung: Ihr Mann, ein Pädophiler? Einer, der Tausende Bilder und Videos von Kindern ins Netz gestellt haben soll, die die Darstellung von sexualisierter Gewalt an Minderjährigen zeigen?
Das ist schwer zu glauben. Denn eigentlich lebt die Familie in einer Idylle auf dem Land: Die Französin ist als Pianistin erfolgreich, er ist Dokumentarfilmer, der nach einem Burnout neue Projekte vorbereitet. Der gemeinsame Sohn ist die Vollendung des Glücks. Und dann: der Vorwurf, nicht nur Kinderpornos verbreitet, sondern auch das eigene Kind auf Plattformen angeboten zu haben. Für Lucy ein Super-GAU. Sie sucht nach Gewissheiten, wo es nur Abgründe gibt. Catherine Deneuve spielt ihre Mutter, eine Figur von kühler Autorität mit radikalen Tipps: „Du musst kotzen gehen – und dann seinen Namen nie wieder in den Mund nehmen“, rät sie ihr.


Kreutzer inszeniert keine gewöhnliche Opfer-Täter-Geschichte, sondern konzentriert sich allein auf die Perspektive der Ehefrau. Das Publikum erlebt durch Lucys Augen, was der Familie widerfährt. Die Psychologie des Täters ist ausgeklammert, sein Motiv ebenso. Lieber tischt Philip Lucy die Lüge auf, er habe als Dokumentarfilmer über Kinderpornografie bloß „recherchiert“. Das vertröstet Lucy aber nur kurz, ehe ihr die wahre Motivation des Gatten dräut.
Zwischen der Idee zu „Gentle Monster“ und dem Film legt sich eine bittere Wirklichkeit. Denn Kreutzer entwickelte das Thema bereits, als der Fall Florian Teichtmeister öffentlich wurde – jener Schauspieler, der in ihrem Cannes-Erfolg „Corsage“ (2022) Kaiser Franz Joseph verkörpert hatte und wenig später wegen Besitzes von Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger verurteilt wurde. Ausgerechnet ein Filmprojekt über die Erschütterung durch pädokriminelle Gewalt geriet damit in den Schatten eines realen Skandals aus dem Umfeld von Kreutzers vorangegangenem Werk. Der Film kommt damit aus einem kontaminierten Gelände, einmal mehr ist die vermeintlich freie, tolerante, weltoffene Film- und Künstlerszene Schauplatz für Abgründe. Weshalb auch „Gentle Monster“ in genau dieser Szene angesiedelt ist, verriet die Regisseurin. Es kann eben hinter jeder Fassade passieren.

Schon „Corsage“ war ein Kino der Fassade — der gesellschaftlichen Rolle, des Körpers, des Selbstbildes, an dem man zugrunde gehen kann. In „Gentle Monster“ radikalisiert Kreutzer diese Frage. Was geschieht, wenn das Bild eines geliebten Menschen zerbricht — und man erkennt, zu lange weggesehen zu haben? Ein Blick hinter diese Fassade, unter die Oberfläche, verwehrt uns die Regisseurin durch ihre strenge Perspektivenwahl konsequent, was die Zuschauer mitunter ratlos zurücklässt. Es gäbe einiges zu kritisieren an diesem Film, dramaturgisch oder auch bei der Ausgestaltung mancher Figuren. Aber das Thema überstrahlt hier berechtigterweise alles.
Bewertung: ●●●○○
