Marie Kreutzer: „Ein guter Lügner muss sich selbst auch glauben“
Ihr Film „Corsage“ wurde international gefeiert, dann kam der Fall Teichtmeister. Warum sich Marie Kreutzer in ihrem neuen Drama ausgerechnet an das Thema Kindesmissbrauch heranwagt.

Marie Kreutzers letzter Film, das hochmoderne Sisi-Biopic „Corsage“ mit Vicky Krieps als unglücklicher, aber widerspenstiger Kaiserin, wurde international gefeiert. Dann wurde der Fall Teichtmeister öffentlich – Florian Teichtmeister, der in „Corsage“ Franz Joseph spielte, wurde wegen Besitzes von Unmengen Dateien, die sexuellen Missbrauch an Kindern zeigen, angeklagt und zu zwei Jahren bedingter Freiheitsstrafe verurteilt – auf Bewährung.
Nun startet Marie Kreutzers neuer Film „Gentle Monster“ im Kino. Im Zentrum steht Konzertpianistin Lucy Weiss (Léa Seydoux) – ihr Mann Philip (Laurence Rupp) wird zuhause verhaftet, weil auf seinem Computer Mengen von Bildern gefunden wurden, die sexuellen Missbrauch an Kindern zeigen. Sonderermittlerin Elsa Kühn (Jella Haase) geht den Ausreden des Täters nicht auf den Leim, Lucy weiß nicht, wie ihr geschieht. War der gemeinsame Sohn gefährdet? Lucys Mutter (Catherine Deneuve) rät zu klaren Schritten. Die Solidarität von Lucys Schwiegermutter (Regina Fritsch) ist anders gelagert. Polizistin Elsa Kühn (Jella Haase) hat selbst die Betreuung ihres zunehmend dementen und übergriffigen Vaters zu organisieren und nimmt dafür Dinge in Kauf, die ihrem Berufsethos widersprechen sollten – diese gleichsam als Kommentar gebaute Nebenhandlung gerät zur These. Die Liebe der Protagonistin zum Täter bleibt irgendwann kaum nachvollziehbar, so auch die abgrundtiefe Einsamkeit einer Musikerin, die offenbar keine einzige gute Freundin hat – auch wenn das der Geschichte dient.
Das Thema des Films ist eine mutige Entscheidung. Haben Sie sich gefürchtet?
Marie Kreutzer: Ja. Nein. Aber das ist schon lange her. Ich habe ab Ende 2020 recherchiert, angefangen zu schreiben, habe dann „Corsage“ gemacht. Dann ist passiert, was passiert ist – und ich dachte, den Film kann ich jetzt nicht mehr machen. Aber letztlich musste ich den Film gerade deswegen machen. Die Erkenntnis, dass ich auch Täter kennen muss, war der Ursprung des Projekts und das ist ja eigentlich das, was dann passiert ist. Meiner Agentin und meinen Produzentinnen und Produzenten war klar, da lässt man sich auf etwas ein und weiß, das wird immer wieder zur Sprache kommen.
Was war das Überraschende bei der Recherche?
Die Recherche war intensiv und auch krass. Eine große Überraschung war, zu erfahren, dass es sich nur bei ungefähr 40 Prozent der Täter wirklich um Männer mit pädophilen Neigungen handelt. Ungefähr 60 Prozent der Täter haben dagegen keine primären pädophilen Neigungen, sondern werden aus anderen Gründen zu Tätern, das sind zum Beispiel Verfügbarkeit, Machtfantasien, Gewaltfantasien, die an Kindern leicht auszuleben sind, weil sie leichter zu manipulieren sind. Das war schockierend, das war mir zuvor nicht klar. In meiner Recherche habe ich erfahren, dass der Austausch von Videos und Bildmaterial im Internet und im Darknet nicht primär kapitalistischen Motiven folgt. Es geht um gemeinsame Interessen und um Austausch von Material zur Befriedigung dieser gemeinsamen Interessen.
Wie geht es einem nach so einer Recherche? Geht man dann verstört durch die Welt?
Es gab so einen kleinen Moment in einem Gespräch mit einer Psychologin, die sehr, sehr lang mit Opfern gearbeitet hat. Ich habe sie in Bezug auf die Geschichte gefragt: Was kann Lucy tun, damit sie weiß, ob es ihrem Kind passiert ist oder nicht? „Da kann sie gar nichts machen. Das wird sie nie wissen“, meinte sie. Da ist mir richtig kalt geworden. Bei Kindern in einem bestimmten Alter kann man falsche Erinnerungen generieren, wenn man sie etwas zu oft fragt. So funktioniert ein Kindergehirn in einem gewissen Alter, wo sie Fantasie, Realität und Traum noch nicht so eins zu eins unterscheiden, wie wir das als Erwachsene tun. Kinder reagieren extrem unterschiedlich auf Übergriffe und es hängt sehr stark von der Resilienz ab, wie traumatisiert sie sind oder ob man ihnen das gar nie anmerken wird.
Im Film kommt auch ganz gewöhnliche Nacktheit vor – man sieht, wie die Normalität plötzlich mit Bedeutung aufgeladen wird. Welche Überlegungen standen da dahinter?
Das waren wirklich lauter Szenen, die ich als normalen Familienalltag empfinde. Ich wollte am Anfang ein Paar mit Kind zeigen, die lieben sich, haben ihre Probleme, reagieren auch einmal gereizt aufeinander oder auf ihr Kind, aber im Prinzip gibt es so eine Grundharmonie – ein Paar, in das sich die meisten von uns hineinversetzen können. Das sollten Freunde von mir sein können. Über das denken wir nicht nach, wenn wir mal kurz vor unserem Kind nackt durchs Zimmer gehen oder wenn wir unser Kind mal schnappen, weil es nicht Zähne putzen will. Aber natürlich wird rückblickend im Kontext dieses Films jeder dieser Momente aufgeladen. Für mich war diese filmische Herausforderung schon am Anfang klar: Ich möchte über dieses Thema erzählen, ohne solche Bilder zu produzieren oder zu reproduzieren. Das heißt: Wie filmen wir dieses Kind – das war ein ganz großes Thema.
Wie haben Sie gemeinsam mit Laurence Rupp die Täterrolle erarbeitet?
Er sagt, er vertraut mir total und er weiß nicht, ob er es sonst machen würde. Wir haben immer wieder geredet und Infos ausgetauscht. Ich schreibe für die Hauptfiguren immer eine Biografie – nicht, dass diese Biografie in dem Fall jetzt seine Neigung erklärt oder seine Tat. Aber es gibt einem trotzdem ein bisschen Futter und etwas, woran man sich anhalten kann. Es war mir wichtig, dass er so ist wie wir alle, so wie wir alle unsere eigenen Entscheidungen, ob sie gut oder schlecht sind, für uns immer rechtfertigen, uns ein Narrativ zimmern, dass es passt. Er ist einfach ein guter Lügner über lange Strecken – und ein guter Lügner muss sich selbst auch glauben.
Wie kam Catherine Deneuve an Bord?
Sie hat „Corsage“ gesehen und mochte ihn sehr. Dann habe ich einmal einen Podcast gehört, in dem Léa Seydoux sagt, sie würde gern einmal mit Catherine Deneuve drehen. Woraufhin mein französischer Produzent meinte: Sollen wir nicht Catherine fragen, ob sie das spielen will? Und dann bin ich tatsächlich, als ich letztes Jahr in Cannes war, um Investorinnen und Investoren zu treffen, direkt von hier mit dem Zug nach Paris gefahren, um sie zu treffen, und sie hat sofort ja gesagt. Sie fand das Drehbuch super. Ich war ungemein beeindruckt bei dem Gespräch, weil sie so eine Cineastin ist. Es ist wahnsinnig schön, wenn sie über Filme spricht.
Haben in Österreich jetzt die Regisseurinnen das filmische Erbe von Haneke & Co. in Cannes angetreten?
Ich fand es großartig, als ich gehört habe, dass Sandra Wollner auch hier ist, auch wenn ich sie noch gar nicht persönlich kenne. Und dann noch zwei Steirerinnen! Ich finde es super. Wir sind bereit.
Zur Person
Marie Kreutzer, geboren 1977 in Graz, ist eine Filmregisseurin und Drehbuchautorin. Ihr letzter Film „Corsage“ wurde international gefeiert. Nach der Veröffentlichung wurde der Kinderpornografie-Fall von Hauptdarsteller Florian Teichtmeister bekannt. Ihr neuer Film „Gentle Monster“ (mit Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp und Catherine Deneuve) lief im Wettbewerb von Cannes.
Filmstart in Österreich: 17. September 2026