Wie ein Grazer Professor zum Feindbild eines Autokraten wurde
Der Grazer Professor Florian Bieber ist eines von vielen Feindbildern der serbischen Regierung. Für das Belgrader Regime wird es bei den Wahlen Ende Oktober nun aber knapp.

Drei Tage vor seiner Reise sagt Florian Bieber in seinem lichtdurchfluteten Büro in einem Grazer Altbau: „Natürlich gibt es die Möglichkeit, dass sie mich einfach nicht reinlassen“. Der Leiter der Südosteuropastudien an der Uni Graz sagt das ohne Groll, ohne Angst – vielmehr sagt er es im Tonfall einer nüchternen Analyse eines Politikwissenschaftlers. Sie – das sind die Grenzbeamten Serbiens. Einem Land, das Bieber seit Jahrzehnten als Forscher beschäftigt und das nun am 25. Oktober vor seiner womöglich wichtigsten Wahl steht.
Die anstehenden Parlamentswahlen werden für die Regierung von Präsident Aleksandar Vučić und seiner Fortschrittspartei zu einer Schicksalswahl. Das erste Mal seit Jahrzehnten gibt es wirklich Konkurrenz im innenpolitischen Serbien. Die anhaltenden Studierendenproteste, die seit nun zwei Jahren gegen die Korruption im Land auf die Straße gehen, haben sich zu einer politischen Kraft entwickelt. Zu einer, die tatsächlich die Chance hat, die Machtverhältnisse in Serbien umzudrehen.
Serbien im Spannungsfeld
Das Regime in Belgrad sieht politische Kontrahenten und Kritiker als Feinde. Das gilt auch für Bieber. Für die serbische Regierung ist der 53-Jährige nämlich nicht der renommierte Professor. Für sie ist er ein albanischer Lobbyist, ein Propagandist, eine Persona non grata am ganzen Balkan. All das haben Regierungsmitglieder öffentlich über den Dozenten gesagt. Der Universitätprofessor ist nämlich seit Jahren bekannt für seine pointierten Analysen und teils klare Kritik an Serbiens Machthaber. Bieber sagt über sie: „Die Regierung in Belgrad ist keine demokratische, in Serbien regiert man autokratisch.“
Die Regierung in Belgrad ist keine demokratische, in Serbien regiert man autokratisch.
— Florian Bieber
Die Attacken auf den Grazer Professor stehen sinnbildlich für das System Vučić, das nur schwarz oder weiß kennt, nur Freund oder Feind, nur Unterstützer oder Gegner. In den letzten Jahren von Vučićs Herrschaft hat sich Serbien verändert. Kritische Medien, die landesweit senden können, gibt es nicht. Stattdessen dominiert der Präsident, er ist rund um die Uhr auf den Kanälen zu sehen, in denen er Reden hält, in denen er die Opposition als Verräter denunziert.

Verräter sind nach Meinung von Vučić auch Bieber und seine Kollegen. Serbische Politikwissenschaftler bekommen das System noch unvermittelter zu spüren. Bieber erzählt: „Es gibt Forscher in Serbien, deren Autos mal kurzerhand zerstört wurden – einfach um eine Botschaft zu senden“. Nachweisbar sind der Regierung derartige Aktionen nicht. Die offizielle Erzählung: Fußball-Hooligans stecken hinter den Übergriffen. Meist hartgesottene Schlägertrupps, die erstaunlich enge Verbindungen zur serbischen Regierung aufweisen.
Zur Person:
Florian Bieber, geboren im Jahr 1973 in Luxemburg, lehrt seit 2010 als Professor an der Karl-Franzens-Universität Graz. Dort leitet er das Zentrum für Südosteuropastudien. Seine Analysen und Bücher genießen in Expertenkreisen hohe Anerkennung.
Bieber selbst sieht sich nicht als Gegner Serbiens, er sieht sich als Forscher, als Analyst. Seit mehr als 30 Jahren begleitet er das Land. „Mein Interesse für den Balkan entwickelte sich zur Zeit des Jugoslawienkriegs. Ich wollte einfach verstehen, wie in Europa wieder Krieg herrschen kann", sagt Bieber. Die Politik Serbiens hat ihn seither nie losgelassen. Manchmal sei es deprimierend, ernüchternd und mühsam. Echte Reformen fehlen im Land seit Jahren. Die wirtschaftliche Stabilität und die zunehmenden Repressionen halten die Regierung an der Macht.
Machtwechsel in Belgrad?
Wie lange noch? Vielleicht bis Sonntag. Aus den Studierendenprotesten hat sich in Serbien mittlerweile eine Bewegung entwickelt. Sie soll der Regierung tatsächlich Konkurrenz machen. Die Umfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin. Als Analyst sagt Bieber; „Es wird mit Sicherheit sehr, sehr knapp“. Er wird die Wahl in Serbien verfolgen – sofern er reinkommt.