„Du bist ein Gauner“: Kärntnerin lockte Liebesbetrüger in die Falle
Angeblicher Chirurg, der im Jemen stationiert war, wollte von seiner Facebook-Bekanntschaft 7000 Euro. Doch er hatte die Rechnung ohne Erika Kulterer gemacht.
Erika Kulterer kann so schnell nichts erschüttern: „Ich war jahrelang Lehrerin und Schuldirektorin. Ich bin authentisch und geradlinig“, sagt die Witwe (73) des im Vorjahr verstorbenen bekannten Künstlers Sigi Kulterer.
Nach dem Tod ihres Mannes hat Erika Kulterer im Frühjahr begonnen die Garage bei ihrem Wohnhaus in Ruden im Bezirk Völkermarkt auszuräumen. Dabei hat sie auch „ein buntes Stoffknäuel“ gefunden. „Das waren die Malfetzen meines Mannes“, erzählt sie. Mit diesen hat sie dann ein Bild gestaltet und einer ihrer beiden Töchter gewidmet. Es folgten weitere Bilder. „Mich haben ja immer viele Leute besucht. Die haben die Bilder gesehen und auch einige gekauft.“ Das habe sie sehr gefreut, sodass sie beschlossen hat, in ihrer Heimatgemeinde Ruden eine Ausstellung zu organisieren: mit eigenen Werken und Bildern ihres Mannes.
Dr. Jonathan Parker
Vor etwa vier Monaten hat Erika Kulterers Sohn seine Mutter auf Facebook angemeldet. „Damit ich meine Arbeiten besser bewerben kann“, sagt sie. „Nicht, weil ich einen Mann suche. So etwas brauche ich nicht.“ Innerhalb kurzer Zeit bekam sie Dutzende Freundschaftsanfragen. Darunter war auch eine von Dr. Jonathan Parker. „Er klang interessant, da habe ich angeklickt.“ Das war vor circa drei Monaten.
Der Beginn einer intensiven „Bekanntschaft“: Der unbekannte Mann gab sich als US-amerikanischer Arzt aus, der im Jemen stationiert ist. Kommuniziert wurde zuerst ausschließlich via Facebook und auf Englisch. „Ich habe ein humanistisches Gymnasium besucht und dort Latein, Griechisch, Deutsch, Slowenisch gelernt. In Englisch bin ich nicht so versiert“, sagt die 73-Jährige. Also wechselte die Kommunikation auf WhatsApp samt Übersetzungsprogramm und dem Austausch privater Fotos.
„Bekannter“ wurde immer massiver
Via WhatsApp schrieb ihr Dr. Parker, dass er auch verwitwet sei, zwei Kinder habe, Krieg hasse und daher aus dem Jemen weg möchte. Am vergangenen Mittwoch ist ihr „Bekannter“ dann immer massiver geworden. Er werde angeblich versetzt, in ein noch schlimmeres Kriegsgebiet im Jemen, wo er in Lebensgefahr komme. „Er wollte nur noch weg“, sagt Erika Kulterer. Und um sich freizukaufen und für den Flug nach Österreich brauche er 7000 Euro. Diese solle ihm die Kärntnerin zukommen lassen. „Außerdem hat er mich angefleht, ich möge ein Bittschreiben an einen General Oliver schicken, damit dieser ihn freilässt.“

Leitartikel verschickt
Da Kulterer aber gezögert hat, legte der falsche Arzt nach: Er hat der Kärntnerin ein Video von sich geschickt, in dem er sie erneut um Hilfe bittet und ihr seine Liebe gesteht. „Aber das war natürlich nicht er, das war KI. Ich kenn mich damit aus“, sagt Erika Kulterer.
Und sie hat am Donnerstagfrüh die Kleine Zeitung gelesen, auch den Leitartikel „Das Geschäft mit der Liebe“, in dem es auch um falsche Militärärzte im Jemen ging. Kulterer war perplex: „Das war ja meine Geschichte.“ Sie hat „ihrem Arzt“ sofort einen Screenshot vom Leitartikel geschickt und ihm geschrieben: „Du bist ein Betrüger!“ Doch „Dr. Parker“ hat alles abgestritten und versichert, dass er in Lebensgefahr sei. Kulterer tat so, als ob sie ihm glaube. „Aber dann habe ich 133 angerufen und Anzeige erstattet.“
Übergabe am Bahnhof Kühnsdorf
Die Polizisten entwickelten einen Plan, um den Betrüger festnehmen zu können. Experten des Landeskriminalamtes übernahmen über Kulterers Handy die Kommunikation mit Dr. Parker. Die 73-Jährige saß da schon auf der Polizeiinspektion Griffen. Nach einigem hin und her wurde der Bahnhof Kühnsdorf als Übergabeort für die 7000 Euro vereinbart. Dort sollte Erika Kulterer das Geld an einen angeblichen Agenten des jemenitischen Geheimdienstes übergeben, den ihr der falsche Arzt geschickt hat. „Am Weg zum Bahnhof musste ich noch ein Foto von mir machen und an Parker schicken, dass er dann an den Boten weitergeleitet hat, damit der mich erkennt.“
Die Ausstellung
Wer Erika Kulterer und ihre Werke kennenlernen will, hat am 24. September die Möglichkeit dazu: An diesem Donnerstag ist im Amtshaus Ruden um 19.30 Uhr die Vernissage zu ihrer Ausstellung „Gemeinsam|2Gether|Skupno“.
„Schämst du dich nicht“
Kulterer ging, bewacht von Polizisten in Zivil, „wie eine Königin“ zum Bahnhof. „Ich hatte keine Angst. Die Beamten haben sehr gut auch mich aufgepasst.“ Am Bahnhof traf sie auf einen „jungen feschen Burschen“. Der war gleich sprachlos. Denn Kulterer legte los: „Ihr seid alle Betrüger. Schämst du dich nicht für das, was du hier tust. Schämt euch alle“, schrie sie ihn an. Ehe der 31-Jährige antworten konnte, klickten die Handschellen.
Ihr seid alle Betrüger. Schämst du dich nicht?
— Erika Kulterer zum Geldboten
Der Wiener war natürlich kein Geheimagent, sondern ein Geldbote im Auftrag von „Dr. Parker“. 100 bis 200 Euro bekam er für einen Auftrag. Seit mindestens zwei Jahren ist er laut eigenen Angaben für eine Tätergruppe unterwegs. Seit Donnerstag nicht mehr: Er wurde festgenommen und in die Justizanstalt Klagenfurt gebracht.
Zwei Glas Sekt und elf Stunden Schlaf
Und Erika Kulterer? Unmittelbar nach der Festnahme des Mannes habe sie „einmal richtig geweint“. Der Druck sei schon sehr groß gewesen. Danach ist sie mit ihrem Auto heimgefahren, hat zwei Zigaretten geraucht, zwei Gläser Sekt getrunken und elf Stunden durchgeschlafen. „So lange wie noch nie in meinem Leben“, sagt Erika Kulterer. „Das war aber auch alles wie im Film.“
Neben Lob für die Polizei (“die waren echt super“) hat sie auch noch einen Tipp: „Seid bitte vorsichtig. Lest das, was über solche Betrügereien in der Zeitung steht. Es gibt das wirklich.“