Missbrauchsfall in Marchtrenk: Das „Monster“ im eigenen Bett
Neben den Details zur Tat in Marchtrenk erschüttert erneut die Erkenntnis, wozu „ganz normale Männer“ fähig sein können. Gesetzesverschärfungen allein werden daran nichts ändern.
Sie hat sich über Jahre aufgebaut, Medienbericht um Medienbericht. Aus anfänglicher Irritation und späterer Fassungslosigkeit ist es inzwischen Wut, die viele Frauen im Land – die Autorin dieses Textes eingeschlossen – verspüren. Es sind Berichte wie jener aus der oberösterreichischen Gemeinde Marchtrenk, die eben diese Wut weiter schüren. Die Wut darüber, wozu vermeintlich „normale Männer“ fähig sind.
Ein 51-Jähriger soll seiner 40-jährigen Ehefrau derart schwere Verletzungen im Zuge sexueller Missbrauchshandlungen zugefügt haben, dass das Opfer daran verstarb. Doch nicht nur der Ehemann soll sich an der Frau vergangen haben, sondern auch ein gleichaltriger weiterer Tatverdächtiger. Laut „Krone“ sollen die Männer in Chats gemeinsam Gewaltfantasien ausgetauscht haben. Beide sitzen inzwischen in Untersuchungshaft, der Anwalt des Ehemanns spricht von einem „Unfall“. Auch ein mögliches „Anbieten“ seiner wehrlosen Ehefrau an andere Männer gegen Geld steht im Raum. Damit hätte Österreich seinen ganz eigenen „Pelicot-Fall“, der in Frankreich und weit darüber hinaus für Entsetzen gesorgt hatte.
Das angebliche „Monster“
Schnell wird bei Wahnsinnstaten wie diesen das Wort „Monster“ gebraucht. Es spricht den Tätern die Menschlichkeit und damit eine Gemeinsamkeit mit „uns anderen“ ab. Eine Abgrenzung, die vermeintliche Sicherheit gibt. Doch die Zuschreibung ist schlicht falsch. Es sind vermeintlich „ganz normale Männer“, die diese Taten begehen. Im Fall von Gisèle Pelicot waren es Nachbarn, LKW-Fahrer, Handwerker, Journalisten und – Krankenpfleger. Sie alle eint jedoch zwei Dinge: tiefsitzender Hass gegen Frauen und die gegenseitige Akzeptanz für ihre Taten – bis hin zum wechselseitigen Ansporn. Aufgezeigt in jüngsten Berichten über ein Online-Netzwerk, in dem sich die Mitglieder in Sachen Betäubung und Vergewaltigung ihrer Partnerinnen mit Rat, Tat und Fotomaterial beistanden. Immer geht die Gewalt dabei von jener Person aus, die das größte Vertrauen des Opfers genießt – der eigene Partner.
Der zunehmenden Wut der Frauen, die sich inzwischen auch in popkulturellen Phänomenen wie dem Erfolg der Deutsch-Rapperin Ikkimel manifestiert (Songbeispiel: „Giftmord“), steht die Stille vieler Männer entgegen. Und wenn man sich doch zu solchen Taten zu Wort meldet, dann vielfach nur, um zu betonen: Wir sind nicht alle so – „not all men“. Das hat aber auch niemand behauptet. Es braucht keine Selbstgeißelung für Taten, die andere begehen, nur weil man sich mit ihnen Geschlecht, Religion, Hautfarbe, Herkunft oder sonstige Merkmale teilt. Was es hingegen braucht, ist eine klare Verurteilung nicht nur solcher Taten, sondern bereits jener teils harmlos wirkenden Vorstufen von Frauenhass, die einem tagtäglich in Familie, Freundeskreis, Sportverein oder am Stammtisch begegnen.
Verschärfungen
Solange das nicht geschieht, werden auch (die wichtigen und richtigen) Verschärfungen im Strafrecht allein wenig ausrichten. Das ist freilich auch Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) bewusst, die sich in der „ZiB2“ durchaus betroffen darüber zeigte, dass sie beinahe jedes Halbjahr neue Tatbestände ins Sexualstrafrecht aufnehmen muss. Noch im September wird eine eigene Arbeitsgruppe die bisherigen Maßnahmen evaluieren und weiterentwickeln, verspricht die Ministerin. Unter anderem könnte der Besitz von Missbrauchsdarstellungen allein bald strafbar sein, wird erklärt. Die Frage, warum es das nicht längst ist, ist nur eine von vielen, die man sich als Frau dieser Tage stellt.
Hilfe bei Gewalt
In Österreich finden Frauen, die Gewalt erleben, u. a. Hilfe und Informationen bei der Frauen-Helpline unter: 0800-222-555, www.frauenhelpline.at; beim Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) unter www.aoef.at sowie beim Frauenhaus-Notruf unter 057722 und den Österreichischen Gewaltschutzzentren: 0800/700-217; Polizei-Notruf: 133 sowie in Oberösterreich beim Autonomen Frauenzentrum - Frauennotruf OÖ unter 0732/602200)