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Hybride Kriegsführung: Die Steiermark in Russlands Fadenkreuz

In Europa häufen sich russische Angriffe. Auch in der Steiermark schließt man Attacken nicht mehr aus. Aber wie geht man mit der Zeitenwende um?

Das Schienenetz zählt zu den wichtigsten Teilen der zivilen Infrastruktur
© IMAGO/Jochen Tack
Das Schienenetz zählt zu den wichtigsten Teilen der zivilen Infrastruktur
Tobias Kurakin
Redakteur Steiermark-Ressort

„Wir können einen Angriff nicht ausschließen“, heißt es in mehreren Gesprächen mit Vertretern der kritischen Infrastruktur in der Steiermark. Ebenso klar betont man, dass man sich der Gefahrenlage bewusst ist und die richtigen Schlüsse daraus ziehe. Reicht das?

In Europa hat sich etwas in der Sicherheitsstruktur verschoben. Auf Russlands Überfall auf die Ukraine folgten hybride Attacken auf andere europäische Staaten. Sprengstoff-bestückte Drohnen auf Flughäfen in Deutschland, brennende Warenhäuser in Litauen, abfackelnde Drohnenfabriken in Polen. Beispiele für Russlands Attacken gibt es genug. Österreich ist reich an kritischer Infrastruktur, dicht vernetzt. Im Verfassungsschutzbericht des Jahres 2025 wird festgehalten, dass sich russische Sabotageakte in Europa vor allem gegen „militärische und logistik- bzw. transportbezogene Ziele“ richten. Österreich sei Teil davon.

Und auch Paul Schliefsteiner vom Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) der Uni Graz sagt: „Österreich und die Steiermark sind ein potenzielles Ziel für Russland, wenn es seine Interessen durchsetzen will – insbesondere wenn es darum geht, westliche Gesellschaften zu destabilisieren.“ Er sagt auch: „Gerade, wenn es zu einem Konflikt mit der Nato kommt, ist Österreich jedenfalls interessant. Allein schon wegen der geographischen Lage wären Verkehrsachsen, wie jene in der Mur-Mürz-Furche, die schnelle Truppenbewegungen ermöglichen , ein potenzielles Angriffsziel – Neutralität hin oder her“.

Österreich als russisches Ziel

Die Herausforderung, die hybride Bedrohungslagen mit sich bringt ist: Man muss einen Schuss hören, der noch nicht gefallen ist. Klare Beweise für einen russischen Angriff auf die steirischen Infrastruktur gibt es nicht. Eine Garantie, dass das auch so bleibt, ist das keine. Der Militäranalyst Franz-Stephan Gady hält in seinem Buch „Überfall“ fest: „Östliche Teile Österreichs wären jetzt schon im Fadenkreuz dieser neuen Drohnen, wenn sie von Kaliningrad oder Weißrussland starten würden“.

Österreich ist ein mögliches Angriffsziel – Neutralität hin oder her.

— Paul Schliefsteiner, Direktor vom Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS) 

Spricht man mit den steirischen Firmen, wird einem klar, die Betriebe sind sich der Gefahren bewusst, auch der Staat. Seit März ist das Resilienz-kritischer-Einrichtungen-Gesetz in Kraft, das Unternehmen zu schärferen Kontrollen verpflichtet. Vom Energieunternehmen Verbund heißt es: „Als Kraftwerksbetreiber und Unternehmen der kritischen Infrastruktur ist Sicherheit oberstes Gebot für uns“. Man habe demnach Maßnahmen getroffen, um Anlagen zu schützen, Redundanzen zu bilden und die Awareness der Mitarbeiter zu heben. Regelmäßig finden Krisenübungen statt, in denen – auch gemeinsam mit den Einsatzkräften – unterschiedliche Szenarien beübt werden. Hinzu kommt. Cybersicherheit nimmt einen großen Raum im Unternehmen ein, auch weil Angriffe auf die IT-Systeme keine Seltenheit sind.

Paul Schliefsteiner
© Uni Graz
Paul Schliefsteiner

Der Militärexperte Gerald Karner sagt: „Eine der größten Gefahren, die Unternehmen betreffen, sind Angriffe auf die Cyberinfrastruktur“. Derartige Attacken können sowohl von staatlichen Akteuren als auch von anderen Unternehmen durchgeführt werden. Die Lösung? Investitionen, Aufrüstung, Bewusstseinsbildung. „Unternehmen können sich hier nicht nur auf den Staat verlassen, auch dieser hat nur begrenzte Mittel. Firmen müssen auch selbst nachschärfen“, sagt Karner.

Eine der größten Gefahren, die Unternehmen betreffen, sind Angriffe auf die Cyberinfrastruktur

— Gerald Karner, Militäranalyst

Die ÖBB lassen wissen, dass man schon seit Längerem an Stellschrauben dreht; ins Detail wolle man nicht gehen. Nur so viel: Man befinde sich im ständigen Austausch mit der DSN. Zudem habe man Maßnahmen zur „frühzeitigen Erkennung und Verhinderung potenzieller Sabotage- und Eindringversuche“ getroffen.

Gerald Karner
© Jürgen Fuchs
Gerald Karner

Auch andere Betriebe wiederholen, dass man sich im engen Austausch mit den Behörden befinde. Zur Wahrheit gehört auch: Es bleibt ihnen auch nichts anderes übrig. Denn offiziell haben in Österreich nur das Bundesheer und das Innenministerium die technische Ausrüstung und die Erlaubnis Drohnenflüge zu detektieren und bei Bedarf zu stören. „Bei größeren Angriffen müssen Unternehmen und der Staat Hand in Hand gehen – eine Firma alleine kann dieser Gefahr nicht Herr werden“, sagt Karner.

Die Aufgabe der Zivilgesellschaft

Für Schliefsteiner ist klar: Es braucht auch die Zivilgesellschaft, die selbst mit Desinformationskampagnen im Fadenkreuz landen. Das Ziel Russlands: Zweifel sollen gesät werden, so sehr, dass man sich letztendlich auf keine gemeinsamen objektiven Fakten mehr einigen kann ,. Wie aber darauf reagieren? Schliefsteiner sagt: Durch mehr Bewusstseinsbildung innerhalb der Bevölkerung. „Die Menschen sollen keine Panik haben, aber sie sollen sich bewusst über die Gefahrenlage sein“. Karner ergänzt: „Dafür braucht es auch kritischen, ehrlichen und nachvollziehbaren Journalismus“.