Suchtgefahr: Kommt der Aus-Knopf für Algorithmen?
Australiens Regierung will, dass große Social-Media-Plattformen zulassen, auf User zugeschnittenen Algorithmus zu deaktivieren. Expertin Jana Lasser von der Universität Graz ordnet ein.

Australien, das Ende 2025 als erstes Land weltweit Social-Media-Konten für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verboten hat, dreht weiter an den Schrauben: Nun soll „down under“ den auf den Plattformen bislang standardmäßig vorgegebenen Algorithmen der Kampf angesagt werden.
Nutzer ab 16 Jahren sollen demnach fortan wählen können, ob sie einen von Algorithmen zusammengestellten Feed in ihren sozialen Netzwerken sehen wollen – oder lediglich Beiträge von Freunden und „Content Creators“, denen sie selbst bewusst folgen: eine Art „Aus-Knopf“ also. Die Regierung stellte jetzt einen Gesetzesentwurf vor, der die Betreiber der Plattformen verpflichten soll, ihren Usern diese Wahlmöglichkeit anzubieten – auf freiwilliger Basis gibt es dies bislang noch nicht. „Es geht nicht darum, der Regierung Kontrolle zu geben, sondern den Menschen“, betonte Premierminister Anthony Albanese. Man hätte dadurch „die Chance, die Technologie zum Guten zu verändern, statt sich von ihr verändern zu lassen“.
Ist Deaktivierung die Lösung?
Die bekannte australische Frauenrechtsaktivistin Chanel Contos ging zuletzt in einer vielbeachteten Rede noch weiter und forderte, dass personalisierte Social-Media-Feeds künftig nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Nutzerinnen und Nutzer aktiviert werden können. Anders formuliert: Personalisierte Empfehlungen sollen standardmäßig deaktiviert sein. Algorithmen könnten junge Menschen mit frauenfeindlichen Inhalten konfrontieren und in weiterer Folge zur Verbreitung von sexueller Gewalt beitragen, argumentiert sie.

Algorithmen leisten sicher einen Beitrag zum Suchtverhalten. Man sollte sie also personalisieren können.
— Jana Lasser, Forschungsgruppe „Complex Social & Computational Systems“, Universität Graz
Für Jana Lasser, Leiterin der Forschungsgruppe „Complex Social & Computational Systems“ am „IDea_Lab“ der Universität Graz, steht außer Frage, dass „Algorithmen einen Beitrag zum Suchtverhalten leisten“. Die Expertin betont im Interview aber auch, dass Social-Media-Plattformen weitere Werkzeuge haben, die darauf abzielen, „Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange auf der Plattform zu halten“ und damit potenziell Suchtverhalten fördern: „Dazu zählt insbesondere das endlos mögliche Scrollen, also die Tatsache, dass der Feed nie aufhört, sondern immer neue Inhalte eingespielt werden. Es gibt zudem ,Push-Nachrichten‘ am Smartphone, sobald mit eigenen Inhalten interagiert wurde.“ Nicht zuletzt sei da „das allgemein sehr ,reibungsfreie‘ Design von Social-Media-Apps, das es sehr einfach macht, immer mehr Inhalte zu konsumieren.“
„Negative Konsequenzen für Individuen“
Laut Lasser gebe es mittlerweile „eine gute Studienlage, die zeigt, dass Empfehlungsalgorithmen, die insbesondere zum Ziel haben, Menschen lange auf Plattformen zu halten, negative Konsequenzen für Individuen und die Gesellschaft haben.“ Es sei löblich, über Alternativen zu den aktuell vorherrschenden Empfehlungsalgorithmen nachzudenken. Allerdings sei „zu bedenken, dass es ganz ohne Empfehlungsalgorithmus rein funktional nicht geht“, wie die Expertin erklärt: „Auf modernen Social-Media-Plattformen werden jeden Tag Hunderte Millionen von Posts erstellt. Viele davon in Sprachen, die eine Nutzerin oder ein Nutzer nicht spricht oder Themen, die sie oder ihn nicht interessieren. Es braucht also einen Mechanismus, der aus dieser riesigen Flut von Inhalten solche auswählt, die für das Individuum ,relevant‘ sind. Was genau ,relevant‘ bedeutet, darüber lohnt es sich aber nachzudenken!“ Aktuell sei man hier „komplett der Interpretation der Konzerne unterworfen“.
Dass Gegner der australischen Pläne Zensur befürchten, kann Lasser nicht nachvollziehen: „Zensur würde bedeuten, dass die freie Meinungsäußerung auf der Plattform eingeschränkt wird, z. B., indem Inhalte gelöscht oder Accounts gesperrt werden. Das passiert hier nicht.“ Das Recht auf Reichweite sei eben nicht Teil vom Recht auf freie Meinungsäußerung.
Voreinstellungen sind oft tückisch
Am Ende sei es enorm wichtig, welcher Algorithmus als Standardeinstellung vorgegeben ist: „Studien zeigen, dass selbst bei Wahlfreiheit relativ wenige Menschen vom voreingestellten Standard aktiv abweichen“, betont die Forscherin. Insgesamt würde sie es für am besten halten, wenn es gar keinen als Standard eingestellten Algorithmus gibt: „Stattdessen sollte sich jede Userin und jeder User bei der Erstinstallation der App Gedanken darüber machen müssen, welche Art von Inhalten sie oder er gerne konsumieren möchte. Man sollte den Algorithmus also entsprechend personalisieren können.“
In der EU gibt es bereits Vorschriften für den Umgang mit Empfehlungsalgorithmen: Der Digital Services Act (DSA) verpflichtet große Plattformen unter anderem dazu, mindestens eine Alternative anzubieten, bei der Empfehlungen nicht auf dem herausgefundenen persönlichen Profil von Userin oder User beruhen. Funktioniert das in der Praxis? „Der Teufel steckt hier im Detail: Solche ,Alternativen‘ können beliebig versteckt angeboten werden oder in der Praxis unpraktisch sein, was dann natürlich wieder dazu führt, dass niemand sie nutzt“, gibt Lasser zu bedenken.