„St. Ruprecht ist nicht so problematisch wie sein Ruf“
Was ist das Besondere am Stadtteil St. Ruprecht in Klagenfurt? Persönlichkeiten des Viertels erzählen von ihrem Zuhause.

Gerald Holl (54) kennt St. Ruprecht in Klagenfurt nicht nur aus beruflicher Perspektive. Der Diplom-Sozialpädagoge ist hier aufgewachsen und leitet seit 2009 das Don-Bosco-Heim. Die Entwicklung des Stadtteils hat er über Jahrzehnte hinweg miterlebt. „Das Viertel ist heute nicht mehr so verträumt wie vor 30 Jahren, aber bei Weitem nicht so problematisch, wie sein Ruf vermuten lässt“, sagt er.
Seit Holl die Leitung des Heims übernommen hat, hat sich St. Ruprecht aus seiner Sicht weniger grundlegend verändert, als Außenstehende vielleicht annehmen würden. Dennoch sind manche Entwicklungen deutlich sichtbar. Besonders kritisch beobachtet er den Handel und Konsum von Drogen, der sich zeitweise an bestimmten Orten konzentriere. Als Beispiele nennt er den Bahnhofsbereich sowie das Areal rund um Kirche und Friedhof. Dauerhaft festlegen ließen sich diese Brennpunkte allerdings nicht. Abhängig von der Polizeipräsenz verlagere sich das Geschehen immer wieder.
Vor allem nachts nimmt Holl in einzelnen Bereichen des Stadtteils eine angespannte Atmosphäre wahr. Spaziergänge im Umfeld des Bahnhofs seien mitunter von einem latenten Unwohlsein begleitet. Ähnliche Erfahrungen schilderten Bewohnerinnen des Don-Bosco-Heims, wenn sie spätabends den Weg vom Bahnhof zur Unterkunft zurücklegen müssten. Holl spricht dabei bewusst von einem subjektiven Sicherheitsgefühl und nicht von einer pauschalen Gefährdung. In den 17 Jahren seiner Tätigkeit als Heimleiter habe es im unmittelbaren Umfeld des Heimes keinen kriminellen Zwischenfall gegeben.
St. Ruprecht ist internationaler geworden, zugleich beobachtet Holl eine starke Fluktuation. Viele Menschen kämen für eine begrenzte Zeit, um dann den Stadtteil wieder zu verlassen. Ein Gefühl der Zugehörigkeit entsteht so nur schwer. Die wenigen größeren Veranstaltungen im Stadtteil, etwa der Feuerwehrkirchtag, zeigen jedoch, dass Gemeinschaft durchaus möglich sei. Zumindest für einige Stunden werde dort sichtbar, was im Alltag oft fehle: Begegnung über soziale und kulturelle Grenzen hinweg.
Die zunehmende Internationalität spiegelt sich auch im Straßenbild. Die Zahl der Barbershops und Kebab-Imbisse habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Holl versteht diese Veränderungen zunächst als sichtbaren Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. Entscheidend sei weniger, welche Geschäfte neu hinzukämen, sondern ob sich im Stadtteil Räume entwickelten, in denen Menschen miteinander in Kontakt treten könnten.
Der Wandel zeigt sich ebenso im Don-Bosco-Heim. Früher lebten dort vor allem Schüler aus Kärnten und der Steiermark, heute nehmen zunehmend Studierende das Wohnangebot in Anspruch. Die Bewohnerschaft setzt sich derzeit aus Menschen mit zehn verschiedenen Nationalitäten zusammen. Damit bildet das Heim im Kleinen jene Internationalisierung ab, die auch im gesamten Stadtteil sichtbar geworden ist.
Die Nähe zur Innenstadt auf der einen Seite und die ländliche Prägung in Richtung Sattnitz machen St. Ruprecht lebenswert.
— Gerald Holl
Trotz der Herausforderungen überwiegen für ihn die Qualitäten des Stadtteils. Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist gut, Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind leicht erreichbar. „Die Nähe zur Innenstadt auf der einen Seite und die ländliche Prägung in Richtung Sattnitz machen St. Ruprecht lebenswert“, sagt Holl. Für die Zukunft wünscht er sich dort, wo es notwendig ist, eine stärkere Polizeipräsenz. Sein Gesamtbild bleibt dennoch differenziert: St. Ruprecht ist für ihn ein Stadtteil im Wandel – mit sichtbaren Spannungen, einer zunehmend internationalen Bevölkerung und Qualitäten, die in der öffentlichen Wahrnehmung leicht übersehen werden.
Familie genießt den Ruhestand in St. Ruprecht
Anita (66) und Ernst (70) Kogler verlegten 2008 ihren Wohnsitz von St. Peter in den Süden der Stadt – eine Entscheidung, die sie bis heute keine Sekunde bereut haben. Einen grundlegenden Unterschied zwischen den beiden Stadtteilen können sie in ihrem Alltag nicht erkennen. St. Ruprecht ist für das pensionierte Ehepaar vor allem eines: ein angenehmer Ort zum Leben.

Dass sich ihre Wohnung in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof befindet, ist dort kaum zu spüren. Besonders schätzen sie das harmonische Zusammenleben mit ihren Nachbarn und auch die Infrastruktur lässt aus ihrer Sicht kaum Wünsche offen. Öffentliche Verkehrsmittel sind rasch erreichbar, die Innenstadt liegt nahe und selbst der Wörthersee ist nicht weit entfernt. Geschäfte, Ärzte und andere Einrichtungen des täglichen Bedarfs befinden sich in der Umgebung. Im Alltag fehle es ihnen an nichts, sagen die beiden. Gerade im Ruhestand empfinden sie diese Lage als besondere Qualität.
Die internationale Zusammensetzung der Bevölkerung fällt auch ihnen auf. Unterschiedliche Lebensgewohnheiten und kulturelle Prägungen gehören für sie zum Erscheinungsbild des Stadtteils, ohne ihren Alltag negativ zu beeinflussen. Ganz frei von Spannungen ist ihre Wahrnehmung dennoch nicht. Auch ihnen entgehen jene Plätze nicht, an denen nach ihrer Beobachtung offen mit Drogen gehandelt und konsumiert wird. In diesen Bereichen wünschen sie sich eine stärkere und vor allem regelmäßigere Präsenz der Polizei. Auch das Ordnungsamt sollte seine Aufmerksamkeit deutlicher auf solche Problembereiche richten.
Für die Zukunft haben Anita und Ernst Kogler keine lange Wunschliste. Etwas mehr Ruhe rund um den Spielplatz und ein konsequenteres Vorgehen gegen die sichtbaren Drogenhotspots würden ihre Lebensqualität weiter verbessern. Abgesehen davon fühlen sie sich in St. Ruprecht ausgesprochen wohl. Für die Koglers ist St. Ruprecht kein problematischer Randbezirk, sondern ein gut angebundener, international geprägter und überraschend ruhiger Wohnort, an dem sie ihren Ruhestand gerne verbringen.
