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Verein Derad warnt: 250 Extremisten ohne Betreuung

Die Organisation hatte Islamisten und Rechtsextreme betreut, in der Vorwoche beendete das Justizministerium die Zusammenarbeit. Wie es mit der Deradikalisierung weitergeht, ist unklar.

© APA / Hans Klaus Techt
Vilja Schiretz
Innenpolitik

Ein „Sicherheitsrisiko“ sieht der Verein Derad nun in Österreich. Rund 250 Personen hatte die Deradikalisierungsorganisation zuletzt betreut, als am Freitag bekannt wurde, dass das Justizministerium und die Wiener Kinder- und Jugendhilfe ihre Zusammenarbeit beenden. Das Aus kam offenbar überraschend: Man habe kein Gespräch gesucht, Derad keine Möglichkeit eingeräumt, zu Vorwürfen Stellung zu nehmen, kritisiert der Verein am Montag in einer Aussendung.

Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) hatte offenbar eine ideologische Nähe zu den islamistischen Muslimbrüdern geortet, Details drangen bisher aber kaum an die Öffentlichkeit. 2025 gab es vonseiten des Justizministeriums offenbar Neuausschreibungen im Bereich Deradikalisierung, Derad bewarb sich und wurde erneut sicherheitsüberprüft.

Seit 2016 hatte Derad für das Justizministerium Personen aus dem politisch-extremistischen und terroristischen Spektrum sowohl in Justizanstalten als auch nach bedingten Entlassungen im Rahmen von Bewährungsbetreuungen begleitet. Hauptsächlich arbeitete der Verein mit islamistischen Straftätern, betreut wurden aber auch Rechtsextreme.

Offene Fragen zur Zukunft der Deradikalisierung

Durch das Ende der Zusammenarbeit fielen nun „zehn Jahre praktische Expertise in der Extremismusprävention“ weg, bemängelt der Verein und verweist auch auf Aufgaben wie die Sichtung von Büchern in Justizanstalten auf problematische Inhalte. Kritisiert hatte die DSN aber, dass Derad seine Klienten zwar weg vom Dschihadismus gebracht, aber trotzdem nicht zu liberalen Muslimen gewandelt habe.

Die Deradikalisierungsarbeit in Gefängnissen finde auch nach Ende der Kooperation statt, wird im Justizministerium betont. Kurzfristig haben in den Gefängnissen „Fachteams“ übernommen, bestehend unter anderem aus Psychologinnen, Sozialarbeitern, Verbindungsbeamten und der Vollzugsleitung der jeweiligen Einrichtung. Wie die Deradikalisierung längerfristig organisiert sein soll, müsse erst entschieden werden: Also etwa, ob die Leistungen stärker intern erbracht oder wieder an Vereine ausgelagert werden, oder ob ein psychosozialer oder religiöser Ansatz im Fokus stehen soll. Unklar ist, wie nun mit jenen rund 90 Personen umgegangen wird, die nach einer bedingten Entlassung auf freiem Fuß sind und bisher von Derad betreut wurden. Diese Entscheidung liege grundsätzlich bei den Gerichten, heißt es aus dem Justizministerium. Der Bewährungshilfeverein Neustart sei ersucht worden, diese über das Kooperationsende zu informieren.

Überraschung über Vorwürfe gegen Derad

Über das Wochenende hatten sich Islamforscher und ehemalige Weggefährten von Derad-Gründer Moussa Al-Hassan Diaw überrascht über die Vorwürfe gegen den Verein gezeigt. Diaw sei ein konservativer Muslim gewesen, aber er habe „geradezu einen Hass auf die Muslimbruderschaft gehabt“, schreibt etwa Islamforscher Thomas Schmidinger auf Facebook. Er habe vor zwölf Jahren mit Diaw zusammengearbeitet, sich aber schließlich laut eigenen Angaben mit diesem zerstritten. Die Bedenken der DSN dürften sich allerdings weniger auf einzelne Personen als auf die grundsätzliche Einstellung des Vereins beziehen.