Zwei junge Inder und ihr besonderer Sommer in Kärnten
Saubere Seen, freie Wochenenden und Kärntner Wein: Für Samrat Patra und Sukhendu Mondal ist vieles neu. Der Sommer auf zwei St. Veiter Weingütern soll ihnen vor allem helfen, ihre Zukunftsträume zu verwirklichen.

„Gott muss gerade auf Urlaub gewesen sein, als er Kärnten erschaffen hat.“ Samrat Patra gefällt es hier. Sehr sogar. Die sanften Hänge der Weinberge des Vinum Virunum bei St. Veit, die Seen, die Berge am Horizont, das viele Grün – all das fasziniert ihn. Und dann ist da noch das Wasser: „Man kann es einfach aus der Leitung trinken.“ Für den jungen Mann aus der Millionenmetropole Kalkutta ist das keineswegs selbstverständlich. Gemeinsam mit Sukhendu Mondal verbringt er seinen ersten Sommer in Österreich und erlebt dabei fast täglich etwas Neues.
„Ich habe Pünktlichkeit gelernt“
Die beiden 25-jährigen Inder arbeiten seit Mai auf Kärntner Weingütern. Patra ist am Vinum Virunum tätig, Mondal auf Taggenbrunn. Weinbau? Davon hatten sie vorher keine Ahnung. Reben einstricken, Triebe ausbrechen, Blätter entfernen, jäten – Patra zählt auf, was er inzwischen gelernt hat. Besonders eine Ansage hat sich eingebrannt: „Schneller, schneller.“ Das Arbeitstempo war anfangs eine Herausforderung. Und die Pünktlichkeit. „Das nehme ich aber mit nach Indien und möchte es beibehalten.“

Mondal hat für sich wiederum etwas anderes entdeckt: die Work-Life-Balance. In Indien können Arbeitstage zwölf oder 14 Stunden dauern, erzählt er. Man arbeite, bis die Arbeit fertig ist. Ein fixes Wochenende sei keineswegs selbstverständlich. Hier haben die jungen Männer samstags, sonntags und an Feiertagen frei. Eine ganz neue Erfahrung.
Ich war überrascht, dass bei der Feier mit Alkohol nicht geschrien wurde, dass es keinen Kampf gab.
— Samrat Patra
Auch kulinarisch arbeiten sie sich durch ihre neue Heimat auf Zeit: Schnitzel, Apfelstrudel und Pizza stehen auf dem Programm. Kärntner Nudeln müssen erst noch probiert werden. Und dann ist da natürlich noch der Wein. Vor ihrer Reise hatten beide kaum Erfahrung damit. Alkohol war in ihrer Kindheit negativ besetzt. Zu oft hatten sie erlebt, wie Alkoholismus in ihrem Umfeld mit Armut und Gewalt einherging. In Kärnten machten sie jedoch eine andere Erfahrung: Nach der Arbeit trinken die Menschen gemeinsam ein Glas, reden und feiern miteinander. „Ich war überrascht, dass nicht geschrien wurde, dass es keinen Kampf gab“, sagt Patra. Nach erster Skepsis haben die 25-Jährigen sogar einen Favoriten: Schaumwein.
Erste Wörter haben die beiden Männer auch schon gelernt. Neben „Servus“ und „Pfiati“ wissen sie auch, dass sie die Weinreben „einstricken“ mussten.
Ein Sommer, der die Zukunft verändert
Dass die beiden heute in Kärnten sind, war vor 20 Jahren kaum vorstellbar. Patra und Mondal stammen aus ärmsten Verhältnissen in Kalkutta. Ihre Mütter brachten sie aus Verzweiflung ins Kinderdorf des österreichischen Vereins „ZUKI – Zukunft für Kinder“. Dort bekamen sie ein sicheres Zuhause und vor allem Bildung. „Das ist so wichtig“, sind sie sich einig.
Wenn ich die beiden hier sehe, ist für mich jeden Tag Weihnachten.
— Claudia Stöckl, ZUKI-Obfrau und Ö3-Moderatorin
Ö3-Moderatorin Claudia Stöckl engagiert sich seit zwei Jahrzehnten für ZUKI und ist seit 18 Jahren Obfrau. Patra und Mondal kennt sie seit ihrer Kindheit. „Wenn ich die beiden hier sehe, ist für mich jeden Tag Weihnachten“, sagt sie. Viele Eltern der Kinder im Projekt können selbst weder lesen noch schreiben. Die Kinder besuchen dagegen eine englischsprachige Schule und die Besten später ein College. Aus ehemaligen Straßen- und Slumkindern sind inzwischen Krankenschwestern, Lehrer, Steuerberater oder IT-Fachkräfte geworden.

Patra ist einer von ihnen. Er hat Pharmazie studiert und in Indien in einer Apotheke gearbeitet. Irgendwann möchte er seine eigene eröffnen. Das Geld, das er in Kärnten verdient, bringt ihn diesem Traum näher. Denn sein Monatsverdienst hier entspricht in etwa dem, was er in Indien in vergleichbaren Verhältnissen in einem Jahr verdienen würde.
Für seine Mutter sorgen
Für Patra ist seine Mutter noch wichtiger. Sie hält sich mit körperlich anstrengenden Gelegenheits- und Haushaltsarbeiten über Wasser, obwohl sie bereits mehrere Operationen hinter sich hat. Er erinnert sich daran, wie sie mit Schmerzen nach Hause kam und manchmal weinte. Seit er in Kärnten Geld verdient, sagt er zu ihr: „Geh nicht mehr arbeiten.” Jetzt kann er für sie sorgen.
Auch Mondal möchte seine Mutter unterstützen, Geld für seine weitere Ausbildung zurücklegen und sich später eventuell selbstständig machen. Was genau er anbieten will, weiß er noch nicht: „Ich will recherchieren, was die Menschen in meiner Heimat tatsächlich brauchen, damit ich das dann anbieten kann.“
Ich will recherchieren, was die Menschen in meiner Heimat tatsächlich brauchen, damit ich das dann anbieten kann.
— Sukhendu Mondal
Beide wissen, wie anders ihr Leben hätte verlaufen können. Mondal erzählt von einem seiner besten Freunde. Sie kamen gemeinsam ins Kinderdorf, doch dessen Mutter holte ihn wieder nach Hause. Heute muss der Freund seine Familie mit Gelegenheitsjobs durchbringen. Wenn Mondal sein Leben mit dem seines Freundes vergleicht, wird ihm bewusst, was die Chance auf Bildung verändert hat.

Chancen bekommen, aber selbst ergreifen
Auch Vinum-Virunum-Chefin Romana Candussi ist von den beiden beeindruckt. Sie seien engagiert, zuverlässig und lernwillig. Natürlich habe es kulturelle Unterschiede gegeben, manches habe man zunächst erklären müssen. „Zunächst muss man das riesige Glück haben, die Chance überhaupt zu bekommen“, sagt Candussi. Sie selbst wurde in der damaligen Tschechoslowakei geboren und erlebte als Jugendliche die politische Wende. Eine Chance müsse man bekommen, ergreifen müsse man sie aber selbst.
Genau das tun Patra und Mondal. Sie wollen ihre Erfahrungen weitergeben. Wer als ehemaliges ZUKI-Kind einen Job in Europa bekommt und eigenes Geld verdient, übernimmt selbst eine Patenschaft. Mit 35 Euro im Monat unterstützen die jungen Männer nun ein Kind, so wie einst sie selbst unterstützt wurden.
Patra möchte diesen Gedanken gerne weiterverfolgen. Sein Traum ist es nicht nur, ein erfolgreicher Pharmazeut zu werden. Er möchte später anderen Menschen die gleiche Möglichkeit geben, die er selbst bekommen hat.
Jeden Tag mit der Freundin facetimen
Bis Ende Oktober bleiben die beiden auf jeden Fall noch in Kärnten, vielleicht auch länger. Die Weinlese steht noch bevor. Danach warten Kalkutta, ihre Familien und Zukunftspläne auf sie. Auf Patra wartet auch seine Freundin, die derzeit in Bangalore arbeitet. Sie facetimen jeden Tag. Einen Tag auslassen? „Keine gute Idee“, scherzt er: Dann werde sie böse.
Zurück nach Indien nehmen sie Geld, Erfahrungen und unzählige Fotos mit – Mondal außerdem ein bisschen Sinn für österreichische Work-Life-Balance. Patra will künftig schneller und vor allem pünktlicher sein. Vermutlich werden beide von einem Land erzählen, in dem man das Wasser aus der Leitung trinken kann und die Seen glasklar sind. Offensichtlich hatte Gott besonders viel Zeit, als er Kärnten erschuf.
