Müssen wir Putins Drohnen auch in Österreich fürchten?
Russland ist im Begriff, eine große Drohnenstreitmacht aufzubauen. Europas Verteidigung gegen Drohnen ist im Moment jedoch nur rudimentär vorhanden. Das weiß der Kreml.

When the legend becomes fact, print the legend“, wie es im Westernklassiker „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ heißt. Auf Deutsch: Menschen ziehen eine aufregende und große „Geschichte“ den nackten und oft langweiligen Fakten im Leben vor. Die Nachricht über bis dato geheim gehaltene russische Drohnenstützpunkte in Russland, von denen modernste düsengetriebene Angriffsdrohnen tief nach Osteuropa eindringen und Ziele anfliegen können, ist jedoch genauso aufregend, wenn auch zutiefst besorgniserregend, wie die „Geschichte“, die ich in meinem Buch „Überfall“ darlege, in der russische Drohnen eine zentrale Rolle in Moskaus Angriff auf Österreich spielen.
Vorneweg: Dass Russland im Begriff ist, eine große Drohnenstreitmacht aufzubauen, ist unumstritten. Russland produziert derzeit rund 120.000 Drohnen größerer Reichweite pro Jahr. Es handelt sich zum Teil um Drohnen der sogenannten Geran-Familie, die ursprünglich auf einem iranischen Design, der sogenannten Shahed-136, beruhen.
Zehn neue Drohnenstützpunkte
Laut Recherche der britischen Zeitung „The Telegraph“ hat Russland zehn Drohnenstützpunkte nahe der weißrussischen und ukrainischen Grenze mit neu errichteten Startanlagen ausgebaut, von denen düsengetriebene Drohnen gestartet werden können: die Geran-4 und Geran-5, die schneller und damit tödlicher sind als ihre kolbenmotor- bzw. propellergetriebenen Vorgängerversionen. Osteuropäische Hauptstädte wie Warschau liegen nun in Reichweite solcher moderner unbemannter Systeme.
Östliche Teile Österreichs wären jetzt schon im Fadenkreuz dieser neuen Drohnen, wenn sie von Kaliningrad oder Weißrussland starten würden.
Freilich, ältere und langsamere Varianten wie die Geran-2 können jetzt schon Ziele in Deutschland und Österreich treffen und werden zu Tausenden jeden Monat in Russland produziert. Was die Nachricht im „The Telegraph“ besonders macht, ist zweierlei: Einerseits unterstreicht sie, dass Russland seine Fähigkeiten zur Drohnenkriegsführung massiv ausbaut und nach einem potentiellen Ende des Krieges in der Ukraine hier massiv an militärischer Stärke gewonnen haben wird. Andererseits zeigt sie den rapiden Fortschritt in der Drohnenentwicklung, was Reichweite und Geschwindigkeit der Drohnen in den letzten Jahren betrifft.
Östliche Teile Österreichs wären jetzt schon im Fadenkreuz dieser neuen Drohnen, wenn sie von Kaliningrad oder Weißrussland starten würden. In meinem Buch „Überfall“, situiert im Jahr 2029, kommt eine modernere Variante der Geran-5 zum Einsatz, die eine größere Reichweite als die heutige Version hat. Unter anderem schlägt so eine Drohne fiktiv auch im Dachstuhl des Steffls ein. Das Ziel der Russen im Buch, als auch in der Realität, ist die sogenannte Sättigung der europäischen Luftverteidigung. Hunderte oder Tausende Drohnen greifen zusammen mit ballistischen Raketen und Marschflugkörpern Ziele in Europa an, um Terror und Zerstörung über den Kontinent zu bringen, bevor ein einziger russischer Panzer in Osteuropa losgerollt sein wird. Das ist die Gegenwart und auch die Zukunft der Kriegsführung: der Krieg mit unbemannten Systemen über Hunderte, ja sogar Tausende von Kilometern.
Europas Verteidigung hinkt hinterher
Europas Verteidigung gegen Drohnen ist im Moment nur rudimentär vorhanden. Tatsächlich sind wir gegenüber einem sogenannten Sättigungsangriff von mehreren Hunderten oder Tausenden Drohnen relativ hilflos ausgeliefert. Das wird sich erst in den kommenden Jahren ändern, wenn neue Drohnenabwehrsysteme bei unseren Sicherheitskräften wie der Polizei und den Streitkräften eingeführt werden bzw. wenn flächendeckend damit begonnen werden kann, unsere kritische Infrastruktur wie Flughäfen, Bahnhöfe und Kraftwerke mit solchen Systemen zu schützen.
Bis das passiert, bleibt ein großes Verwundbarkeitsfenster gegenüber Russland vorhanden. Der Kreml und Wladimir Putin wissen das. Europa in der Breite nicht. Fiktion hier von der harten Realität zu unterscheiden und dementsprechende Politik zu machen, die die Chance verringert, dass solche Drohnen je von Russland losgeschickt werden, und sollte der Fall eintreten, darauf vorbereitet zu sein, ist und wird eine Hauptaufgabe der politischen Klasse sein.