Ein Blick in den Spiegel und auf die Grenzen der Dämonisierung

Ganz Deutschland diskutiert über eine Titelseite. Mit dem „gefährlichsten Mann Deutschlands“ auf dem Cover erleidet das Flaggschiff des Magazinjournalismus einen veritablen Schiffbruch.
Wollen Sie wissen, wer der „gefährlichste Mann Deutschlands“ ist? Dann müssen Sie in den Spiegel schauen. Also, bitte nicht missverstehen: Sie müssen einen Blick in das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“ werfen. Selbiges hatte nämlich diese Schlagzeile jüngst auf der Titelseite. Der am Cover abgebildete Mann ist der AfD-Spitzenkandidat von Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund. In Zeiten sinkender Auflagen ist dem Flaggschiff des deutschen Magazin-Journalismus damit etwas gelungen, was heutzutage nicht mehr alltäglich ist. Politiker und Kommentatoren debattieren im ganzen Land über Sinn und Unsinn dieser ultimativen Dämonisierung auf einer Titelseite. Der Grundtenor - gerade auch vom publizistischen Mitbewerb - das sei quasi stümperhafte Wahlhilfe für einen von ganz rechts außen gewesen.

„Spiegel“-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit rechtfertigt den Aufmacher mit dem legendären journalistischen „Spiegel“-Leitsatz Rudolf Augsteins: „Sagen, was ist.“ Er argumentiert sinngemäß: Ulrich sei der Wolf im Schafspelz, ein sympathischer Rechtsextremist, der möglicherweise vor der Machtübernahme stehe. Das mache ihn so gefährlich. Und weiter: „Relevanz ist unser oberstes Kriterium, nicht die Frage, wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet.“
Vom Angeprangerten zum Star
Siegmund reibt sich die Hände und trägt das Cover wie einen Orden vor sich her, witzelt vor seiner Gefolgschaft darüber und gibt darauf Autogramme. War er gerade noch ein aussichtsreicher Kandidat, ist er nun in seinen Kreisen ein Star. Er und seine Kreise sind längst mehrheitsfähig.
Österreich kennt diese Geschichte bereits. Die Magazine Profil und News haben mit derartigen Dämonisierungen eines gewissen Jörg Haider, den sie mit einem Hitler-Bart-Schatten oder Teufelshörnern aufs Cover gehoben haben, ihre Auflagen in den 1980ern und 1990ern hochgeschraubt. Was in Deutschland die (bröckelnde) Brandmauer gegen die AfD ist, hat in Österreich „Vranitzky-Doktrin“ geheißen. Die SPÖ hielt sich, trotz aller Schwächen, noch lange an der Macht, weil sie eine Koalition mit der rechten FPÖ ausgeschlossen hat. Ehe ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel die Blauen in eine Koalition geholt hat.
Heute braucht die FPÖ nicht einmal mehr einen im Übermaß talentierten Charismatiker wie Jörg Haider. Der hölzern-polternde Herbert Kickl überflügelt seinen rechten Vorreiter in unserer Multi-Krisen-Kulisse in allen Umfragen und erscheint aktuell als nächster Fixstarter fürs Kanzleramt. Die AfD, mit deutlich jüngerer Parteigeschichte, schafft ihren politischen Aufstieg beim großen Nachbarn deutlich rascher. Vom „abgehängten“ Ostdeutschland schwappt die rechte Welle längst über die ganze Nation. Die Gassenhauer vom totalitären „Corona-Regime“, der „Klimawandel-Hysterie“ und dem großen „Bevölkerungsaustausch“ haben die Menschen im Land erreicht.
Österreich weiß heute. Die Dämonisierung rechter Politiker und ihrer Wählerschaft ist kein Erfolgsrezept der Linken oder der Mitte. Je ruppiger es in der Welt zugeht, desto stärker sehnen sich immer mehr Menschen danach, dass jemand nicht immer alles ausbalanciert, moralisch abwägt, sondern sich vermeintlich einfach nur für sie ins Zeug legt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ob es tragfähige Lösungen im Programm gibt, ist längst zweitrangig.
Zusammengeschweißte Schicksalsgemeinschaft
„Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist", hat die FPÖ einst zuerst mit Haiders Konterfeit plakatiert. Ja, es ist auch die Dämonisierung der Rechtswähler, die diese Schicksalsgemeinschaft so zusammenschweißt. Rückt der Mainstream nach rechts, wird selbst – wie in Deutschland – Rechtsaußen regierungsfähig. Weil sich das, was einst der schwarze Zuchtmeister der ersten ÖVP-FPÖ-Koalition, Andreas Khol, den Verfassungsbogen nannte, deutlich nach rechts ausdehnt. Und, ja, auch wenn der schwächelnde Mitbewerb kocht, passiert das aktuell demokratisch legitimiert.
Einen Rechtsextremisten muss man als rechtsextrem benennen
Regieren die Ränder ist eines gewiss: Der gesellschaftliche Frieden steht auf dem Spiel, Politik befeuert den Konflikt und spaltet, statt Lösungen zu suchen. Karl Marx, Säulenheiliger der Linken, hätte zu diesem deutsch-österreichischen Doppelpass auf dem Spielfeld von Politik und Journalismus, einen Satz parat gehabt: „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.“ Nur eines sei dazu noch gesagt: Die viel diskutierte Titelseite des Spiegel war wohl ein Eigentor. Und doch muss Journalismus „sagen, was ist“: Einen Rechtsextremisten muss man als rechtsextrem benennen.
Sagen, was ist? Tragödie oder Farce? Europa, der Welt stehen wohl noch unruhigere Zeiten mit vielen Umbrüchen bevor. Gerade deshalb sollten wir uns aufs Brückenbauen konzentrieren. Die Mitte, auch wenn sie eine fluide Fiktion ist, ringt darum, den Sorgen und Ängsten der Menschen in unserem Land mit politischen Lösungen zu begegnen. Aber es wird mehr brauchen, als den kleinsten gemeinsamen Nenner. Nämlich entschlossene Reformen und eine zugehörige Erzählung, die die Menschen trotz notwendiger, auch schmerzhafter Lösungen wieder an die Zukunft glauben lässt.

