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Im Schatten des Intendanten, der keiner mehr ist

Die Salzburger Festspiele biegen auf die Zielgerade. Die großen Premieren sind geschlagen, dabei ist die Kunst vielleicht nicht das, was in diesem Sommer am meisten besprochen worden ist.

Salzburgs Ex-Intendant Markus Hinterhäuser: auch nach dem Abgang an der Salzach höchst präsent | Salzburgs Ex-Intendant Markus Hinterhäuser: auch nach dem Abgang an der Salzach höchst präsent
© Franz Neumayr/Montage WP
Salzburgs Ex-Intendant Markus Hinterhäuser: auch nach dem Abgang an der Salzach höchst präsent|Salzburgs Ex-Intendant Markus Hinterhäuser: auch nach dem Abgang an der Salzach höchst präsent
Martin Gasser
Von   und Ute Baumhackl

Es ist ein merkwürdiger Festspielsommer. Markus Hinterhäuser, der Umstände halber und unter viel Trara vom Hof gejagter Künstlerintendant, blieb nicht der große Vertriebene, sondern zeigte Präsenz. Nicht nur am Konzertpodium, wo er sich bei seinen zwei Auftritten als Pianist symbolträchtige Ovationen abholen konnte. Viele Künstlerinnen und Künstler nutzen diesen Sommer jede sich bietende Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass es ohne Hinterhäuser die Festspiele in dieser Form nicht gegeben hätte, und Hinterhäuser war darüber hinaus auch hinter den Kulissen durchaus anwesend.

So etwas funktioniert auch deshalb, weil Karin Bergmann offenbar eine pragmatische Veranlagung hat und nicht unbedingt ins Rampenlicht drängt. Bergmann – erst Hinterhäusers Favoritin für die Schauspielleitung, dann seine überraschende Interims-Nachfolgerin – hatte zwar eine riesige Aufgabe zu schultern, aber sah sich in der Rolle jener, die das Hinterhäuser-Programm uneitel über die Bühne bringt. Nächstes Jahr wird ihr Profil sich weiter schärfen. Doch dazu später.

Die Pro-Hinterhäuser-Stimmung war greifbar, in den Schaufenstern sah man das Büchlein „Das Große Salzburger Affentheater“ aufliegen, in dem der ehemalige Kulturmanager Sven Hartberger die Causa akribisch aufgearbeitet hat. Der Streit zwischen dem Intendanten und dem Festspielkuratorium ist noch längst nicht Festspielgeschichte. Es folgt mindestens ein Akt: Laut Gerichtsbeschluss müssen die Gesamtkosten der Trennung offengelegt werden.

Vieles der Trennung bleibt ja im Dunkel, umso mehr Meinung konnte sich breitmachen. Da kommt bisweilen auch viel durcheinander: Man verwechselte künstlerische Freiheit und Managementqualitäten, Wohlverhalten und Expertise. Die Figur des Künstlerintendanten ist natürlich wie geschaffen dafür, solche Verwirrung zu stiften, aber mancher verteidigende oder anklägerische Kommentar scheint eher an Klicks und Aufmerksamkeit interessiert, als einer Einschätzung, die dem Geschehen Genüge tut.

Musiktheater: Fragwürdige Tendenz in der Bewertung

Und die Kunst? Der ging‘s prächtig, auch wenn sich beim Musiktheater immer stärker ein unguter Trend bemerkbar macht. Riskante Inszenierungen und Ansätze werden als misslungen abqualifiziert, etwa Ersan Mondtags spannende „Ariadne auf Naxos“. Dagegen werden Regietheatergrößen abgefeiert, die schon so lange da sind, dass ihre einstmals neuen Zugänge schon als bekannt und quasi-klassisch rezipiert werden können. Barrie Kosky, Christof Loy und Romeo Castellucci werden nun als Altmeister rezipiert. Das wird ihren Inszenierungen allerdings nicht gerecht, im Schlechten wie im Guten.

Man könnte indes behaupten, diesen Trend gibt es seit Jahrzehnten. Ersan Mondtag trifft heute exakt die selbe Unterstellung des Dilettantismus und der Werkbeschädigung wie vor 40 Jahren Hans Neuenfels. Ein Zwischending war die „Carmen“-Inszenierung Gabriela Carrizos, ein respektabler Versuch, eine besonders dunkle Lesart des Stücks zu bieten. Rezipiert als Absage an „Carmen“-Klischees, was insofern merkwürdig ist, weil solche Klischees im Grunde seit 25 Jahren auf keiner relevanten Bühne mehr anzutreffen sind.

Schlussapplaus für <u>„Saint Francois d‘Assise“ in der Felsenreitschule</u>
© © Marco Borrelli
Schlussapplaus für <u>„Saint Francois d‘Assise“ in der Felsenreitschule</u>

„Carmen“ krankte am Dirigenten. Mit seiner langsamen, manierierten Begleitung hat Teodor Currentzis seinen Nimbus als Pultgenie weiter gelichtet. Sonst waren die Dirigenten gut bis überragend: Und Manfred Honeck kam endlich zu Festspiel-Ehren. Sängerisch war das meiste festspielwürdig, ausgerechnet bei „Così fan tutte“ war noch Luft nach oben. Die eindrucksvollste Performance: Philippe Slys sängerisch und darstellerisch unvergesslicher Heiliger Franziskus in Messiaens katholischer Oper „Saint François d‘Assise“.

Schauspiel: Zurück zur Klassik?

Durchwegs beeindruckend gestaltete sich auch das Schauspielprogramm, das offenbar den Versuch unternahm, in nur vier Eigen- bzw. Koproduktionen und einem Gastspiel ein „Best of“ der Theaterliteratur zu erstellen. Offiziell erstellte Markus Hinterhäuser das Programm für 2026 selbst (bis 2025 hatte die Ende 2024 abrupt entlassene Schauspielchefin Marina Davydova das Programm geplant); seine spätere Nachfolgerin Karin Bergmann hat ihn dabei bereits beraten. Mittlerweile hat die ehemalige Burg-Chefin, die statt Schauspiel-Leiterin nun Interims-Intendantin ist, in Interviews eine Neuausrichtung des seit Jahren eher stiefmütterlich behandelten Schauspielprogramms angekündigt – inklusive einer Rückkehr zu „großen Stoffen“ und klassischen Texten.

Das Schauspielprogramm 2026 könnte man als Vorgeschmack darauf interpretieren, es bot große Namen und ersparte sich das Experiment: Nebst Krzysztof Warlikowskis blutigem Gastspiel „Europa“ gab es als Premieren Goethes „Faust“ und Moliéres „Menschenfeind“, dazu neue Theatertexte der beiden heimischen Literaturnobelpreisträger Elfriede Jelinek und Peter Handke, zu sehen durchwegs in Inszenierungen renommierter Regiepersönlichkeiten: Ulrich Rasche formte aus dem „Faust“ die Manifestationen eines vielfach gespaltenen Ichs,  Jossi Wieler ließ Jens Harzer und Marina Galic in Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ heiter querweltein strolchen, Jette Steckel verjüngte Moliéres „Menschenfeind“ mit Rap-Battles und einem Hauch Feminismus, Nicolas Stemann gestaltete mit einem hinreißenden Burgtheaterensemble Elfriede Jelineks kapitale Kapitalismus-Abrechnung „Unter Tieren“ zur ausufernden Theaterfete.

Jubel für Jette Steckels „;Menschenfeind“-Inszenierung im Landestheater
© © Marco Borrelli
Jubel für Jette Steckels „;Menschenfeind“-Inszenierung im Landestheater

Bei allen Unterschieden im Zugang zu Text bzw. Material ist diesen vieren auch eines gemein: Radikalitäten, die ein Festspielpublikum verschrecken könnten, sind von ihnen nicht zu erwarten, man arbeitet auf etabliertem Niveau. Mehr davon ist künftig wohl auch von Bergmanns Salzburger Intendanz zu erwarten, vielleicht mit Favoriten wie Alvis Hermanis, Stephan Kimmig, Antu Romero Nunes, Dusan David Parizek. Gespannt darf man auf etwaige weibliche Regiehandschriften sein, auch darauf, was ihr zu weiblicher Dramatik jenseits von Jelinek einfällt.

Keine Änderungen sind nach 2026 wohl am Dreh- und Angelpunkt des Schauspielprogramms zu erwarten: Robert Carsens solide, kluge „Jedermann“-Inszenierung mit Philipp Hochmair in der Titelrolle ist nach drei Saisonen nach wie vor ein verlässlicher Kassenfüller und wird das wohl auf absehbare Zeit auch bleiben. Ambition, ihre Intendanz mit einer Hofmannsthal-Neuinszenierung auf dem Domplatz zu schmücken, hat Bergmann jedenfalls noch nicht gezeigt. Ihr Zugang ist vermutlich auch da pragmatisch: Was funktioniert, muss man nicht ändern. Umso interessanter wird zu sehen sein, was sie 2027 reformiert. Und ob es längerfristig Spuren hinterlässt. 2028 folgt auf Bergmann bereits die nächste Intendanz, über die nach den Festspielen im September entschieden wird. 21 Persönlichkeiten haben sich beworben, alle Favoritinnen und Favoriten haben entweder abgewunken oder schweigen beharrlich.