„Unter Tieren“: Es muss doch wo bessere Menschen geben
Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek maßregelt den Menschen mit den Stimmen der Tiere. Regisseur Nicolas Stemann findet bei den Salzburger Festspielen dafür viele passende Gefäße.

Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Die einen verlassen das Auditorium der Halleiner Pernerinsel, andere kommen nach einer Auszeit zurück: unüblich am Theater, aber Regisseur Nicolas Stemann ist eingangs an die Rampe getreten und hat das ausdrücklich erlaubt: Die Uraufführung von Elfriede Jelineks jüngstem Stück „Unter Tieren“ würde mindestens 3 Stunden 40 Minuten dauern, avisierte er, vielleicht auch etwas länger, jedenfalls ohne Pause; wer sich im Hof die Beine vertreten wolle, könne das gern tun. Bemerkenswert: Das Gros des Publikums bleibt sitzen wie angeleimt. Der Abend fesselt. Trotz etlicher Redundanzen, die dem Stück eingeschrieben sind, als eines der Stilmittel, mit denen Jelinek arbeitet, und zu denen auch Sprachverschachtelungen gehören, Wortspiele, Assoziationsströme, Kalauer, Unterbrechungen – immer dann, wenn Jelinek sich selbst und ihr Schreiben zur Rede stellt.
„Das gehört meiner Mama!“

„Unter Tieren“, als Buch derzeit auf Platz 1 der Morawa-Bestsellerliste, ist ein Theatertext, in dem nur Tiere zu Wort kommen. Tauben, Hasen, Bären, Schweine, Kühe, Stockenten, ein Wombat, sogar ein „Für und Widder“ monologisieren anstelle der Menschen über Welt und Geld. Es gab offensichtlich ein paar wesentliche Schreibanlässe für Jelinek: Benko-Skandal, Wirecard-Skandal, „schweigsame Milliardäre“, die sich im Umgang mit Finanz und Politik unglaubliche Unverschämtheiten geleistet haben, korrupte (Ex-)Politiker, aufgedeckte Finanzmalversationen von Bank Burgenland bis zum „Sigi auf der Steuerleiter“. Ein paar von ihnen werden alsbald auftauchen, als Pappnasen und auf Transparenten: Papp-Benko ( „Das gehört meiner Mama!“) schleppt Mobiliar aus dem Saal. Kurz, Musk, Bezos, Peter Thiel tauchen auf. Letzterer wird später, KI-generiert und von einem enormen Monitor herunter, die libertären Phrasen, für die er bekannt ist, weicher und weicher dreschen. Vorerst aber erlebt man unter anderem einen lispelnden Hasen, der sich als „Wirtschaftsprüfer der Salzburger Festspiele“ vorstellt und Geldtheorie und Kapital erklärt, einen Dachs als betrogenen Kleinanleger („Der Mensch findet immer einen Arsch, in den er treten kann“), Schweine und Kühe, die sich dank menschlicher Verwertungslogik nur noch als Ware begreifen können: „Ich bin nicht mehr als die Summe meiner Teile. Mein Grab, das sind Sie!“ Die ausführlichen Wortmeldungen der Nutztiere sind die anrührendsten Passagen des wild mäandernden Texts. Es muss doch wo bessere Menschen geben. Oder?

„Unter Tieren“ ist eine wütende Abrechnung mit der kapitalistischen Logik, der der Mensch sein ganzes Tun unterworfen hat, und nach der längst auch Politik und Technologie funktionieren. Wo das Geld herkommt, wo es hingeht, ist völlig unübersichtlich, relevant ist nur, ob man welches hat oder nicht. Aber das Stück geht weit über bloße Kapitalismuskritik hinaus, denn Jelinek, die sich nach eigenem Bekunden mit Geld überhaupt nicht auskennt, verknüpft in diesem Text Motive aus Finanzmarktgeschehen und Geldtheorie, Betrugsaffären, industrielle Landwirtschaft, Schlachterlogistik, Zahlungsversprechen, fingierte Kredite, Luftbuchungen, Migrationspolitik, ohne Zusammenhänge zu konstruieren – es ist viel mehr, als häuften sie sich an und systematisierten sich von selbst.
Das liegt wohl auch an Nicolas Stemanns geschickter Inszenierung. Nach eigener Aussage ist es seine ca. 15. Jelinek-Regie, eine „Textumsetzungsmaschine“ war angekündigt, das Versprechen ist eingelöst in einer wilden, chaotischen, oft überbordend komischen und alles in allem wunderbaren Agglomeration aus Text und Körpertheater, Improvisation, Video, Live-Musik (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel), aus Jelinek und Umgebung: Zweimal marschiert zünftig tutend eine Blasmusikkapelle den Saal, für den ortsansässigen Milliardär Wolfgang Porsche, der nach einem Immobilienstreit angekündigt hat, Salzburg verlassen zu wollen, weil ihm die Stadt zu „reichenfeindlich“ ist, wird als Solidaritätsbeweis eine Kollekte angezettelt.
Am Ende spricht ein körperloser toter Hund
Weil im Text irgendwann das Geschehen unter giftigem Bärenklau erstickt, passiert das auch hier. Dann überwuchern auch noch Künstliche Intelligenzen das Bühnengeschehen: Claudia Lehmann und Konrad Hempel, die die mediale Inszenierung des Abends besorgen, haben die KIs Claude und ChatGPT zum Dialog über ein inszenatorisches Konzept aufgestachelt, nach Vorbild des Bärenklaus wächst nun die KI über das analoge Theater hinaus: Das Bühnenbild von Katrin Nottrodt fällt in sich zusammen, ein körperloser toter Hund spricht, am Ende bleibt nur das Rauschen des Universums, White Noise, mehr ist nicht mehr zu erwarten.
Das ist bitter, auch insofern als die sieben Darstellenden – Mavie Hörbiger, Caroline Peters, Sebastian Rudolph, Branko Samarovski, Thiemo Strutzenberger, Azaria Dowuona-Hammond und Inge Maux – zuvor drei Stunden lang hinreißendes Theater geliefert haben, sichtbar unter völliger Verausgabung, oft unter Masken, teils mit den Textseiten der 110-seitigen Fassung in der Hand. Man hätte ihnen noch stundenlang zusehen und zuhören können, diesen Tieren und den Abbildern menschlicher Gier, Verzweiflung und Verworfenheit, die sie zeichnen. Bei den Festspielen sind bis 26. August noch sechs Vorstellungen zu sehen, die Premiere am koproduzierenden Burgtheater ist für Anfang September angesetzt.

Zum Stück
„Unter Tieren“. Von Elfriede Jelinek. Pernerinsel Hallein.
Regie: Nicolas Stemann
Bühne: Katrin Nottrodt
Kostüme: Marysol del Castillo
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
Mi: Mavie Hörbiger, Caroline Peters, Sebastian Rudolph, Branko Samarovski, Thiemo Strutzenberger, Azaria Dowuona-Hammond, Inge Maux. Uraufführung der Salzburger Festspiele in Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater. Weitere Termine am 18., 19., 21., 22., 24. und 26. August. Wien-Premiere: 4. September.
www.salzburgerfestspiele.at
Buchausgabe bei Rowohlt: 220 Seiten, 24,70 Euro
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