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Salzburger Opernmarathon in Richtung Erlösung

Der Jubel nach sechs Stunden klang zwar schon ein wenig erschöpft, aber „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaen ist wohl das Opernereignis der heurigen Festspiele.

Philippe Sly als Heiliger Franziskus
© Rittershaus/Salzburger Festspiele
Philippe Sly als Heiliger Franziskus
Martin Gasser
Ressortleitung Kultur und Medien

In seinem Gesicht scheinen sich Verblüffung, Konzentration und plötzliche Erkenntnis zu spiegeln. Der Bub aus einem Gehörloseninstitut im bayerischen Straubing hat bei einem Hörtest erstmals etwas gehört. Sein Lehrer Bruno Mooser hat im Jahr 1956 ein Foto von diesem Moment gemacht. Dieses Foto spielt eine große Rolle in Romeo Castellucis Inszenierung von „Saint François d’Assise“. Auch als der Heilige Franziskus erstmals die „unsichtbare Musik“ vernimmt, wird es eingeblendet. Der Moment einer Erleuchtung, vom Komponisten Olivier Messiaen mit Ondes Martenots charakterisiert, einem frühen elektronischen Instrument, das er in seinem Opus Magnum immer wieder zum Einsatz bringt.

Es geht bei diesen Szenen aus einer Heiligenvita ja zwar sehr um die Religion, aber eben auch um die Musik. Zwei Sphären, die für Messiaen ohnehin untrennbar waren. „Musik und Poesie haben mich zu dir geführt“, singt Bassbariton Philippe Sly  gegen Ende der sechsstündigen Aufführung: Mit diesem Franziskus hat sich Messiaen offenbar auch selbst gemeint.

Castellucci ist sozusagen ein Fachmann fürs Sakrale: Gerade in geistlichen Werken und bei religiösen Themen ist der italienische Bildfinder in seinem Element. Und „Saint François d’Assise“ ist alles andere als eine gewöhnliche Oper. Es ist eher eine spirituelle Meditation über die Schöpfung, ein Koloss, der die Form transzendiert. Richard Wagner hätte dazu eventuell „Bühnenweihfestspiel“ gesagt. Castellucci hält sich anfangs noch sehr zurück, fast schon kühl ist das Bühnengeschehen, im starken Kontrast zu den ekstatischen Klängen aus dem Orchestergraben.

Es geht um Teig und Ton: Die Mönche backen Brot in echten Öfen, sie töpfern große Krüge, dazwischen freundet sich Vater Franziskus mit der Natur, etwa einem Wolf an. Ein Engel verbreitet Angst und Schrecken unter den Brüdern und Franziskus hört die „unsichtbare Musik“. Castellucci streut allmählich apokalyptische Bilder dazwischen, Vögel fallen vom Himmel, bei der Stigmatisierung des Heiligen quält der strenge Gott den armen Franziskus bis aufs Blut, Schwester Tod hebt ein Grab aus. Natürlich geht es dabei verschlüsselt auch um die Katastrophen der Jetztzeit, um die Vernichtung der Natur.  Vor allem im dritten Akt gelingen Castellucci wieder packende Sinnbilder, bevor sich zum Schluss ein Kreis schließt. Der Leprakranke des Beginns, den Franziskus gewaschen hat, wäscht nun ihn, der Heilige ist zum Niedrigsten geworden und stirbt in Demut. Seine nackte Hülle bleibt in einer Ecke liegen, und eine Schafherde läuft über die Bühne.

 Philippe Sly verkörpert den Franziskus mit enormer Intensität und gibt ihm seinen schönen Bassbariton mit. Doch im Mittelpunkt steht das Orchester. Die Wiener Philharmoniker und ihr Dirigent Maxime Pascal legen die Musik eher verhalten an, das gleißend Intensive wird eher sparsam eingesetzt, die Farbwerte sind nicht ganz so kontrastreich wie man es sich vorstellt. Großartig ist die Umsetzung des unglaublich komplexen zweiten „Vogelkonzerts“, eine Wucht ist die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor.  

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Philippe Sly
Philippe Sly © Rittershaus