Maja fühlt sich hier angekommen. Die Regenbogenflagge hat sie sich wie eine Decke über den Oberkörper geschwungen, ihre beiden Fäuste umgreifen die Fahne dabei fest. Sie lächelt. „Ich fühle mich noch nicht bereit in meiner Klasse und in meinem Umfeld zu sagen, wie ich mich fühle und für wen ich etwas fühle, aber hier kann ich einfach normal sein“, sagt sie. Maja ist 13 und steht bei der CSD-Parade in der Grazer Innenstadt, gemeinsam mit – laut Veranstalter – rund 13.000 anderen.

So wie Maja fühlen sich an diesem Tag viele. Das Gefühl, das Innere nach außen tragen zu können, sei einfach nur wunderschön, erzählen mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Es wird getanzt, gesungen, gelacht. Ist das jetzt noch eine Demonstration oder schon eine große Party? „Beides“, sagt der 24-jährige Kärntner Leon, „und genau das macht es so besonders“. Denn während Sonnenschirme zum Beat von Lady Gagas „Born This Way“ in den Himmel gereckt werden und Seifenblasen abheben, wird ganz klar Stellung bezogen. „Wir sind hier für Menschenrechte – weil auch queere Personen Menschen sind, die es verdient haben, akzeptiert zu werden“, sagt Leon.

„Der Weg zur Akzeptanz ist noch weit“

Queeres Leben hat es im Verlauf der Geschichte immer gegeben. Vielerorts fand es im Verborgenen statt, mancherorts ist das heute noch so. Zahlen der EU zeigen: Elf Prozent von LGBTIQA+-Personen wurden in den letzten fünf Jahren Opfer von körperlichen oder sexuellen Übergriffen, bei Transgenderpersonen liegt der Wert bei 17 Prozent. Nur einer von fünf Vorfällen von körperlicher oder sexueller Gewalt wurde einer Organisation gemeldet. „Der Weg ist noch weit“, sagt Valentina. Sie ist mit ihrer Freundin am CSD Graz, hat im Schatten Schutz vor der Sonne gesucht und versucht sich mit einem Fächer in Regenbogenfarben zumindest etwas abzukühlen. „Natürlich habe ich schon blöde Kommentare gehört – allein wegen meiner kurzen Haare“, erzählt sie. In der blonden Frisur steckt heute umso stolzer ein Regenbogenanstecker.

Die Politik versucht mitzumischen. Als die Parade gegen 15 Uhr vom Stadtpark über den Hauptplatz kommend in den Grazer Volksgarten einzieht, werden von SPÖ, Neos, Grüne und KPÖ Gummibären und Flyer verteilt. Auch hier ist Wahlkampf. Was aber müsste wirklich geschehen, um mehr Akzeptanz zu schaffen, kann Politik hier seinen Beitrag leisten? Die Pride-Teilnehmer zögern. Sie sagen es brauche „mehr Sichtbarkeit“ und „mehr Zeit“. Phillip, 30 Jahre aus Wien, die kurze Hose weit oberhalb der Knie tragend, sagt am Rande des CSD: Die Pride könne Veränderung bewirken. „Sie ist so etwas wie ein Mittelfinger in das Gesicht einer konservativen Gesellschaft. Sie zeigt: Wir sind da, wir sind viel und wenn es darauf ankommt, können wir uns formieren.“

Der Grazer CSD will letztlich Demo und ein Fest für alle sein. Gabi, 64, hat die Regenbogenfahne in die Hose gesteckt: „Ich bin für einen queeren Freund gekommen, der herzkrank ist und selbst nicht kann, ich vertrete ihn.“ Solidarität in Reinkultur. Auch von Erik. Vor elf Jahren floh er von Syrien nach Graz. Homosexualität hätte er früher aufgrund seiner Erziehung als Sünde begriffen, heute denkt er anders. „Diese offene Gesellschaft bereichert uns alle, sie macht uns stärker“, sagt er, während er den pinken Cowboyhut langsam über sein Gesicht zieht.