„Die amerikanischen Cowboys sind risikobereiter als das alte Europa“
Der ehemalige „Zeit“-Herausgeber Josef Joffe im Gespräch über die florierenden USA, das hinkende Europa und weshalb die Gesellschaft eigentlich gar nicht so gespalten ist, wie man gerne annimmt.

Geist und Gegenwart – ab 18 Uhr LIVE
Josef Joffe liefert eine Diagnose und ein Rezept für den Standort Europa. Ab 18 Uhr im Grazer Mumuth und im Livestream auf www.kleinezeitung.at.
Das Interview mit Josef Joffe
Das BIP pro Kopf von Frankreich ist ungefähr so hoch, wie das von South Dakota – einer relativ armen Region der USA. Das BIP von Deutschland ist in den letzten vier Jahren um gerade einmal 0,5 Prozent gestiegen, das amerikanische hingegen wächst mit 8,1 Prozent seit 2019. Europa ist Trittbrettfahrer. Für manche militärisch impotent, wirtschaftlich zu unbekümmert, technologisch erschrocken. Ist das Selbstverständnis Europas zu nachlässig?
Josef Joffe: Ja, es passt nicht in die Zeit. Der alte Dynamo läuft nicht mehr, die Zahlen bezeugen Stagnation. Dabei ist nicht China, sondern immer noch die EU-plus, also mit England, die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Und wir haben noch alles, was Europa einst groß gemacht hat: ein Übermaß an Talent, Knowhow und Bildung.
Ist Europa faul geworden?
Eher schläfrig. Wir arbeiten weniger pro Woche und gehen früher in Rente als die Amerikaner. Dort kann einer weit über 65 Jahre arbeiten. Das widerspiegelt die wachsende Lebenserwartung und die sinkende Mühsal. Wir schuften nicht mehr im glühenden Stahlwerk oder hinter dem Pflug. Die Arbeit ist gesundheitsfreundlicher, also lebensverlängernd, geworden. Die Tastatur fordert einen Bruchteil der Energie im Vergleich zur Knochenarbeit von gestern.
Müssen wir uns überhaupt an den USA orientieren? Ist das europäische Modell nicht schützenswert? Müssen wir Arbeitnehmerrechte über Bord werfen, um Schritt halten zu können?
Der Status quo ist der Konsens. Wir, so denken wir, haben den Wohlfahrts-, die Amis den „Raubtierkapitalismus“, wie der deutsche Kanzler Helmut Schmidt einst verkündete. Diese Lesart ist längst widerlegt. Amerika hat ein expandierendes Sozialsystem. Bloß hat es noch nicht ganz aufgeholt. In Frankreich verteilt das Sozialsystem 30 Prozent, in den USA um die 20. Holland ist mit 17 Prozent geiziger.
Deutschland verzeichnet weniger Arbeitszeit und Produktivität. Wie kann die Qualität statt der Quantität gesteigert werden?
Die Arbeitszeit sinkt überall in Westeuropa; nur die Schweizer ziehen nicht mit. Europas Produktivität hat sich nach Covid nicht wirklich erholt; sie dümpelt, während die amerikanische wächst. Produktivität ist Output gemessen an Arbeitszeit. Nur hängt die Quote auch an Investitionen. Ganz grob: Die US-Investitionsrate überflügelt weit die europäische. Die Folge: Mehr und moderneres Kapital pro Arbeiter erhöht dessen Produktivität. Da fällt die EU deutlich zurück.
In der Corona-Krise hat Europa versucht, die Arbeitslosenzahl so gering wie möglich zu halten. In den Vereinigten Staaten herrschte zeitweise hohe Arbeitslosigkeit, aber die Menschen fanden neue Jobs. Ist unser Wohlfahrtsstaat zu wohlfeil?
In Amerika schoss die Arbeitslosigkeit von 3,5 auf 14,7 Prozent hoch, derweil sie in der EU auf einem hohen Sockel von 7,5 blieb. Auf solchem Niveau bleibt sie. Doch in den USA ist sie wieder unter vier gefallen. Deren Wirtschaft adaptiert sich schneller. Was auch mit hohen Investitionsquoten und flexibleren Arbeitsgesetzen zu tun hat. Die machen Entlassungen leichter, vergrößern das Firmenkapital, das wiederum per Investition neue Arbeitsplätze schafft. Deshalb die schnellere Erholung.
Europa hat alles, was man braucht, bloß nicht eines: den gemeinsamen Staat, der zielgerecht agieren kann. 27 Länder sind kein Eines. Sie tendieren dazu, sich selber zu lähmen.
— Josef Joffe
Gleichzeitig boomen in den USA Gründungen, Start-ups. Gibt es da auch einen gewissen Antiamerikanismus, der die Technologie und Digitalisierung aus den USA in Europa hemmt?
Antiamerikanismus erklärt die Sache nicht. Lieber an Karl Marx und seinen „Unterbau“, die Ökonomie, denken. Es fehlen vor allem breite und tiefe Kapitalmärkte, wo ein Start-up viel leichter ans Risikokapital kommt. Apropos „Risiko“: Die Bereitschaft, es einzugehen, mag auch kulturell sein. Diese „Cowboys“ schießen nicht nur schneller, wie Hollywood es uns zeigt. Sie sind auch risikobereiter als das alte Europa.
Auch die Vormachtstellung der USA schmilzt dahin. Als Anführer einer transatlantischen, multilateralen Welt verliert das Land an Boden. Der Druck aus China wird immer größer. Die Präsidentschaft Trumps hat auch gezeigt, dass wir nicht in jedem Fall auf die USA zählen können. Wie kann Europa handlungsfähig bleiben?
Eine „gute“, also schwierige Frage. Weichen wir also ins Prinzipielle aus. Erstens bleibt Amerika die globale Nummer eins; es kann seine Militärmacht rings um den Erdball projizieren. Es hat Allianzen und Freunde. China hat sie nicht. Zweitens fehlt ihm Amerikas „soft power“, der weltweite kulturelle Einfluss – von Harvard bis Hollywood. Der zeugt einen gewaltigen Nachahme-Effekt. Wir schicken unsere Kinder lieber nach Stanford als an die Schanghai-Uni. Wir hören nicht chinesischen Rock, sondern amerikanischen; wir tragen Baseballcaps, nicht ausladende Strohhüte. Chinesische Kids kleiden sich dagegen in Jeans und Sweatshirts, erfunden in den USA. Hand aufs Herz: Wollen Sie lieber die chinesische als die englische Sprache lernen?
Wie ist es um das transatlantische Verhältnis bestellt? Wie wichtig ist umgekehrt Europa für die USA?
Europa mit seinem Potenzial, strategischem und wirtschaftlichem Gewicht ist und bleibt wichtig. Trotz der endlosen Krisen seit den Fünfzigern hält das Bündnis; das zeugt von gegenseitiger Abhängigkeit. Nun zur Handlungsfähigkeit Europas. Es hat alles, was man braucht, bloß nicht eines: den gemeinsamen Staat, der zielgerecht agieren kann. 27 Länder sind kein Eines. Sie tendieren dazu, sich selber zu lähmen.
Ist Donald Trump für das transatlantische Verhältnis eine Gefahr?
Er ist in seiner Unberechenbarkeit, seiner Willkür vor allem eine Gefahr fürs eigene Land. Sodann für die Allianz, die er „obsolet“ genannt hat. Kamala Harris? Ihre nichtssagenden Einlassungen machen mir Sorgen; was, wohin will sie? Im Handelsbereich sind die Demokraten so protektionistisch wie die Trumpisten. Trotzdem darf man von Harris ein Maß an Kontinuität erwarten. Trump ist wie eine ungelenkte Rakete.
Im Handelsbereich sind die Demokraten so protektionistisch wie die Trumpisten.
— Josef Joffe
Zur Person
Josef Joffe, geboren 1944 in Łódź/Polen, damals Litzmannstadt, ist ein deutscher Publizist, Dozent und Übersetzer. Von 1985 bis 2000 war Joffe Leiter des Ressorts Außenpolitik bei der „Süddeutschen Zeitung“. Von April 2000 bis März 2023 war er Mitherausgeber der renommierten deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. Als Dozent für internationale Politik lehrte Joffe u.a. in Harvard sowie in Stanford.
Ist Amerika ein faires Land? Gibt es den amerikanischen Traum?
Dass es den gibt, suggeriert eine ungebrochene Einwanderungswelle. Die Leute suchen nicht nur Jobs oder staatliche Goodies, sondern auch Selbstverwirklichung wie die Abermillionen vor ihnen. Gibt es einen österreichischen oder deutschen Traum?
Wenn wir über Wirtschaft sprechen, müssen wir auch über Bildung sprechen. In den USA sinkt das Vertrauen in die Hochschulen. Dort tobt ein Kampf um die Deutungshoheit. Critical Race Theory, Queerness, Genderismus. Für Europäer ist der Kulturkampf schwer vorstellbar. Sie haben selbst in Amerika studiert und gelehrt, wie beurteilen Sie die Lage?
Vorweg: Wie so vieles hat Europa auch diese Attitüden importiert; es ist ein westliches Phänomen. Harvard, Stanford und Co. waren bloß die Speerspitze. Wir waren zu meiner Zeit ebenfalls Revoluzzer, haben aber den intellektuellen Kanon geehrt. Keine ideologischen Auswüchse im Seminar, es zählte das scharfe Denken. Inzwischen schlägt das Pendel zurück. Die Universitäten besinnen sich wieder auf das Wesentliche.
Wieso lassen sich die Universitäten auf diesen Kulturkampf ein?
Die Gefahr ist der Kultur-, aber auch der Verlust von Studenten. Der Andrang geht rapide zurück. Ein Bachelor (vier Jahre) ist nicht mehr die 300 000 Dollar wert, welche die „Efeu-Liga“ (Anm. Der Begriff bezieht sich auf die Gruppe von acht privaten Universitäten: Brown, Columbia, Cornell, Dartmouth, Harvard, Princeton, Pennsylvania und Yale) kassiert.
Amerika nicht wirklich zerrissen. Die diffuse breite Mitte hält. Aber die Aktivisten, etwa sieben Prozent, kriegen die Schlagzeilen.
— Josef Joffe
Der soziale Frieden und die politische Mitte erodieren. Droht uns Ähnliches in Europa?
Auch hier gibt es Polarisierung, denken wir nur an den Vormarsch der Weit-Rechten; zuletzt in Österreich. Schaut man genauer auf die Meinungsdaten, ist Amerika nicht wirklich zerrissen. Die diffuse breite Mitte hält. Aber die Aktivisten, etwa sieben Prozent, kriegen die Schlagzeilen. Wie übrigens auch bei uns.
Was kann man von den USA lernen, was sollte man nicht nachmachen?
Lernen kann man den Optimismus; vermeiden – jetzt das Unerwartete – den wuchernden Bürokratismus. Sagen wir’s so: Ich möchte lieber mit dem deutschen Finanzamt verhandeln als mit dem amerikanischen. Telefonieren heißt eine Stunde in der Warteschleife. Sodann muss man ein Dutzend Formulare ausfüllen und monatelang warten. Unsere Bürokratie ist zugänglicher und effizienter, jedenfalls hier in Bayern.
Veranstaltungstipp
„Amerika läuft, Europa hinkt“ - Diagnose und Rezept für den Standort Europa
Montag, 14. Oktober 2024, 18 Uhr
Haus für Musik und Musiktheater (MUMUTH) der Kunstuniversität Graz, Lichtenfelsgasse 14, 8010 Graz
Diskussion mit Josef Joffe (Moderation Stefan Winkler)