„Die Bahn ist das zehnte Bundesland in der Energiestrategie Österreichs“
Der für Energie zuständige Infrastrukturchef der ÖBB Johann Pluy über die Erneuerbaren-Ausbauziele. Um letztlich Ticketpreise zu stabilisieren, soll durch mehr Eigenstrom und Effizienz möglichst wenig zugekaufter Strom ins Bahnnetz eingespeist werden.
Ausstieg aus russischem Gas, die Gazprom-Gerichtsverfahren, die Zeichen stehen auf steigende Gaspreise. Durch die Merit-Order würde das auch Strom wieder verteuern. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Johann Pluy: Angst ist ein schlechter Ratgeber, das kann ich auch als Leiter des Krisenmanagements der ÖBB sagen. Ich denke, dass die österreichischen Energieversorger Vorkehrungen treffen werden und auch getroffen haben, denn wir als ÖBB haben ja nur saubere Energie und verwenden kaum Gas zum Heizen. Für diesen Winter bin ich wirklich optimistisch, dass die Lehren von vor zwei Jahren gezogen worden sind. Aber ja, auf die Preise wird es eine Auswirkung haben, weil die Marktpsychologie zuschlagen wird. Es wird wie immer Unternehmen geben, die versuchen, Profit daraus zu ziehen.
Bis 2030 soll der Anteil der Energie, die zugekauft werden muss, von 40 auf 20 Prozent reduziert werden. Die Energiestrategie kommt von Ihnen, ein schaffbares Ziel?
Einfach ist es nicht. Unser Programm, das wir mit vielen Partnern realisieren, ist ambitioniert. Aber Preisstabilität und Kostenstabilität sind enorm wichtig. Der Strompreis als Produktionskostenfaktor schlägt sich ja in den Ticketpreisen beziehungsweise Gütertransportkosten nieder. Wir trachten diese niedrig und stabil zu halten, um die Mobilität auf der Schiene zu fördern.
Die ÖBB erzeugen immer mehr Strom selbst. Wie läuft der Ausbau, mit dem Ziel, die Eigenversorgung mit Bahnstrom von 60 auf 80 Prozent zu steigern?
Die Frage lautet immer, was wir dazu bauen. Dabei geht es zu einem erheblichen Teil darum, wie und wo der Strom gewonnen wird, in Abstimmung mit dem Verbrauch. Und natürlich auch um den sparsamen Umgang. Was gar nicht erst verbraucht wird, muss nicht erzeugt werden. Deshalb wollen wir unsere Energieeffizienz bis 2030 um 25 Prozent verbessern. Das klingt jetzt wenig, aber diese jährliche Energieersparnis reicht, um eine mittelgroße Stadt in Österreich mit Strom zu versorgen. Zur Veranschaulichung: Vom Stromverbrauch her sind wir das 10. Bundesland, vergleichbar mit Vorarlberg. Und unsere Strategien sind jenen der öffentlichen Stromversorger ähnlich. Deshalb gehen von einer Milliarde Investitionsvolumen 30 Prozent in die Netzertüchtigung, um es auszubauen, der Rest geht in die Erzeugung. Jede von uns selbst erzeugte Kilowattstunde entlastet auch die öffentlichen Versorger und Netze.
Was wird in Kärnten und der Steiermark umgesetzt?
Bisher wurden zehn eigene Photovoltaikanlagen auf Betriebsgebäuden in der Steiermark errichtet. Aktuell befinden sich zehn weitere Anlagen in Planung, allesamt für die Versorgung der Gebäude und Betriebsanlagen. In Kärnten kommen zu den bestehenden fünf PV-Anlagen heuer acht weitere hinzu. Die beiden Großprojekte Weißenstein und Thalsdorf, Österreichs erste PV-Anlage für Bahnstrom mit großflächiger landwirtschaftlicher Nutzung, werden noch diesen Sommer fertiggestellt. Sie sorgen auf der Südstrecke und zwischen Villach und Spittal für Bahnstrom, das sind umgerechnet 500 bzw. 4000 Railjetfahrten von Villach nach Wien.
Abseits der Schienen sollen künftig zwei Drittel des Strombedarfs selbst gedeckt werden. Also kein Bahnhof ohne Stromerzeugung am Dach?
Wir wollen jedes Potenzial nutzen und nahmen kürzlich die 100. PV-Anlage in Betrieb. Für die Eigenversorgung der Betriebsanlagen und Bahnhöfe bauen wir zwischen 20 und 25 Stück pro Jahr. Zudem soll eine eigene Potenzialstudie klären, welche Böschungen sich eignen. Es gibt sogar Projekte auf Schallschutzwänden, wobei Faktoren wie Lärmausbreitung zu berücksichtigten sind. Neben dem Nutzen von versiegelten Flächen, ist das Gebot der Stunde, sich Speicherlösungen anzusehen. Denn es gibt immer mehr Restriktionen, was den Anschluss von PV-Anlagen an das öffentliche Netz betrifft. Die großen Megawattanlagen hängen hauptsächlich direkt am Bahnnetz.
Geht es schnell genug, um den „Fahrplan“ bis 2030 zu halten?
Bei den größeren PV-Projekten kommt es darauf an, wie die Genehmigungen laufen. Es gibt hier lange Vorlaufzeiten von zwei bis vier Jahren. Für eine größere Windkraftanlage braucht es ungefähr acht Jahre. Wir haben noch ein Wasserkraftwerksprojekt in der Pipeline für die nächsten Jahre, aber der Rest ist Wind und Photovoltaik. Wie sich das aufteilt, wurde bewusst offen gelassen, da es davon abhängt, wo wir bauen können. Da hoffen wir, dass es schneller und einfacher möglich wird, Energieinfrastruktur aufzubauen. Gleichzeitig braucht es einen tragfähigen Kompromiss zwischen dem Wunsch der nachhaltigen Energieversorgung und den Interessen der Bevölkerung, die dort lebt, wo gebaut wird.
Zur Person
Johann Pluy (55) ist seit 2019 Vorstandsdirektor für das Ressort Betrieb (u.a. Energie), Markt und Digitalisierung in der ÖBB-Infrastruktur AG zuständig.
Der promovierte Elektro- und Energietechniker arbeitet seit 1997 für die Österreichischen Bundesbahnen.




