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Onlinehandel: Sinkende Umsätze und Kampf der Giganten

Mit Interio ist ein weiterer prominenter Händler insolvent. Zugleich meldet die Post einen Paketrekord – gewachsen sind 2023 vor allem Onlinebestellungen aus China. Handelsforscher Christoph Teller analysiert die Zusammenhänge.

Der chinesische Onlinemarktplatz Temu wächst auch in Österreich schnell
© IMAGO / Felix Schlikis
Der chinesische Onlinemarktplatz Temu wächst auch in Österreich schnell
Hannes Gaisch-Faustmann
Stv. Ressortleiter Wirtschaft

Erst kürzt Niceshops 90 Stellen, dann rutscht mit Interio ein weiterer (Möbel-)Händler in die Insolvenz. Im Handel beginnt das neue Jahr, wie das alte aufgehört hat. Für die 78 Beschäftigten an sechs Interio-Standorten, darunter einer in Graz und einer in Klagenfurt, geht es vorerst weiter, den Gläubigern soll die gesetzliche Mindestquote, 20 Prozent binnen zwei Jahren, geboten werden. Rund 9,4 Millionen Euro hoch seien die Außenstände, berichteten am Mittwoch die Kreditschützer von AKV und KSV.

Das Unternehmen selbst – die frühere Rewe-Managerin Janet Kath hatte die Filialen vor 23 Jahren übernommen – nennt massive Umsatzeinbußen nach der Covid-19-Pandemie als Ursache der Pleite. Nicht nur litt der Handel an der Konsumflaute infolge der Inflation, speziell im Möbelhandel verschärfte sich der Wettbewerb nach den Vorziehkäufen in den Lockdowns. Der Onlinehandel habe das nicht ausgleichen können, heißt es von Interio.

Post feiert einen Rekord – auch dank China

Shoppen am Handy oder am PC soll ja selbst in der Krise stecken. Aber stimmt das? Ja – und nein. Zahlen, die die österreichische Post am Mittwoch veröffentlichte, sprechen nicht dafür. Der teilstaatliche Marktführer transportierte 2023 in Österreich erstmals 200 Millionen Pakete, rund zehn Prozent mehr als 2022. „Das Wachstum kam dabei sehr stark aus den internationalen Märkten, aus dem Fernen Osten, und hier schwerpunktmäßig aus China“, erläutert Peter Umundum, Logistikvorstand der Post, der Kleinen Zeitung. Indes ist US-Gigant Amazon nach wie vor der größte Kunde der österreichischen Post – zugleich wachsender Mitbewerber. Amazon baut die Eigenzustellung aus, in der zweiten Jahreshälfte geht in Premstätten bei Graz ein neues Verteilzentrum in Betrieb.

Post-Vorstand Peter Umundum im Logistikzentrum Kalsdorf
© KLZ/Fuchs Juergen
Post-Vorstand Peter Umundum im Logistikzentrum Kalsdorf

„Den Händlern geht es nicht gut und der Onlineboom ist ins Stottern geraten“, fasst Christoph Teller, Leiter des Instituts für Handel der Uni Linz, die Lage zusammen. Die goldenen Zeiten seien nun einmal vorbei, die Umsätze im Onlinehandel klar negativ. Die Frage sei, so der Handelsforscher: „Ist das nur ein Sattelpunkt oder schon das Maximum?“

Temu fordert Amazon

Für Temu stehen die Zeichen auf Wachstum. Der chinesische Onlineprimus ist aktuell der große Herausforderer von Platzhirsch Amazon. Im ersten Jahr auf dem österreichischen Markt erlangte Temu bereits eine Bekanntheit von 76 Prozent, ergab eine Analyse des Linzer Institutes im November. 56 Prozent der 16- bis 74-jährigen österreichischen Bevölkerung besuchte die Plattform bereits und 29 Prozent kauften dort ein – Tendenz stark steigend.

Hinter chinesischen Onlineplattformen stehen absolute Profis. Das wird Amazon auch spüren, es wird zu einer Kannibalisierung kommen.

— Christoph Teller, Leiter des Instituts für Handel, Absatz und Marketing, Universität Linz
Handelsforscher Christoph Teller von der Universität Linz
© Markus Traussnig
Handelsforscher Christoph Teller von der Universität Linz

Während Amazon mit schnellen, verlässlichen Lieferungen punktet, lockt bei Temu offenbar der Preis. In diesem Zweikampf „geht es brutal um den Preis“, sagt Teller, „das Marktklima für China ist günstig.“ Denn die Privathaushalte „müssen mit ihrem Budget auskommen“, erklärt Teller die Anziehungskraft billiger Angebote. Die Inflationserfahrung wirke noch in den Köpfen. Eine der Fragen für 2024 werde sein, wie sich die hohen KV-Erhöhungen auf den Konsum niederschlagen.

2024 sieht es zwar nach einer langsamen Erholung aus – auch für den Handel –, aber Konsumentinnen und Konsumenten schätzen die Entwicklungen pessimistischer ein als die Wirtschaftsforschung.

„Ein Schritt zurück ist manchmal nötig“

Dass ein Unternehmen wie Niceshops, das lange mit dem Onlineboom mitgewachsen ist, in dieser Situation „einen Schritt zurück macht“, beurteilt Teller grundsätzlich sogar positiv. „Das ist manchmal nötig, um dann wieder Schritte vorwärts zu machen. Unternehmen haben ein Recht dazu. Es gehen jetzt zwar Jobs verloren, aber davor sind viele Arbeitsplätze geschaffen worden.“ Für Onlinehändler gelte, dass diese Logistikunternehmen seien und mit Kostensteigerungen konfrontiert sind.

Handel ist Wandel, das zeigen die Zahlen. Im Einzelhandel werden pro Jahr mehr als 4000 Unternehmen (!) gegründet, während jedes Jahr 3500 aus dem Markt ausscheiden. Der Saldo ist also klar positiv, betont Teller. „Es ist ein Kommen und Gehen. Aber es ist bei Weitem keine Handelsapokalypse.“

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