Da wird jeder Cent dreimal umgedreht

Landeshauptmannstellvertreterin Gaby Schaunig informiert im Interview über die aktuelle Situation rund um Frauen- und Kinderarmut in Kärnten

Interview Gaby Schaunig Landesregierung Klagenfurt Juni 2023
© Markus Traussnig
Interview Gaby Schaunig Landesregierung Klagenfurt Juni 2023

Mehr als eine halbe Million Frauen in Österreich gelten als armutsgefährdet – wie sieht die Situation derzeit in Kärnten aus?

Gaby Schaunig: Tatsächlich ist es so, dass es keine detaillierten Zahlen für die Bundesländer gibt. Das zu ändern, und zwar rasch, war der erste Auftrag, den ich nach dem ersten Kärntner Armutsbekämpfungsgipfel
erteilt habe. Parallel dazu arbeiten wir bereits intensiv neue Instrumente zur Armutsbekämpfung aus.

Wie ist die Situation zu erklären – und wie kann man ihr entgegenwirken?

Die zahlreichen Bemühungen der Vergangenheit zur Bekämpfung der Armut in Österreich sind angesichts der aktuellen Teuerungskrise nicht mehr ausreichend. Wir müssen neue Mittel und Wege finden. Das Land
Kärnten hat mit dem „Kärnten Bonus“ rasch reagiert und knapp 50.000 Haushalte in Kärnten mit je 1100 Euro unterstützt. Der „Kärnten Bonus Extra“ in Höhe von 300 Euro kann auch jetzt noch – bis Ende November – beantragt werden. Von den Einmalzahlungen möchten wir aber weg zu
einer strukturellen Unterstützung kommen.

Sind alleinerziehende Frauen stärker betroffen?

Ich schaue mir seit Monaten die Anträge auf „Hilfe in besonderen Lebenslagen“ an, die bei uns einlangen. Und es zeigt sich ein klares Bild:
In Armut geraten Frauen fast immer durch Scheidung bzw. Trennung oder in Folge einer schweren Erkrankung oder eines Todesfalls im Familienkreis. Und was ich auch sehe: Die Menschen, die um Unterstützung ansuchen, gehen unglaublich sparsam mit ihrem
Geld um. Da wird jeder Cent dreimal umgedreht und irgendwie geht es sich jeden Monat aus. Aber dann wird die Waschmaschine kaputt oder es fällt ein Einkommen weg und plötzlich kippt das fragile finanzielle Gleichgewicht.

Was kann man Ihrer Meinung nach dagegen tun?

Die Frage, wie man Armut am effizientesten bekämpfen kann, ist einfach zu beantworten: mit Geld. Daher arbeiten wir derzeit an einem Modell einer Kindergrundsicherung, mit dem Kärnten Vorreiter für Österreich werden soll. Denn wenn wir Kinder absichern, ist der ganzen Familie nachhaltig geholfen. Mein zweiter Schwerpunkt wird die Finanzierung der Wohnversorgung sein. Wir haben in Kärnten zwar die günstigsten Mieten Österreichs, sehen aber, dass seit Jahren die Betriebskosten steigen. Ich bin der Überzeugung, dass niemand mehr als 30 Prozent des Einkommens für Wohnen ausgeben sollte. Um das sicherzustellen, überarbeiten wir das Modell der Kärntner Wohnbeihilfe. Wenn wir beides geschafft haben – neue Wohnbeihilfe und Kindergrundsicherung –, bin ich überzeugt, dass wir Frauenarmut in Kärnten überwinden können.

Wie belastet so eine Situation die Kinder?

Armut macht krank: Arme Kinder haben bei ihrer Geburt ein geringes Gewicht, sind häufiger in Unfälle verwickelt, klagen öfter über Bauch- oder Kopfschmerzen. Bildung gilt als Möglichkeit, aus der Armut auszubrechen. Aber: Nachhilfeunterricht oder Förderkurse kosten Geld, ebenso wie die Teilnahme an schulischen und außerschulischen Aktivitäten. All das wird von Kindern und
Jugendlichen erlebt und gefühlt und hat auch Auswirkungen auf ihren späteren Werdegang. Daher ist jeder Cent, den wir im Kampf gegen Kinderarmut einsetzen, eine Spareinlage für eine gute Zukunft unserer
Kinder.

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