Götz Werner: "Kopplung des Einkommens an die Arbeit macht krank"
Götz Werner, Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm mit 60.000 Mitarbeitern, tritt für das Grundeinkommen ein. Das Gespräch mit dem Vorkämpfer für das bedingungslose Grundeinkommen führte die Kleine Zeitung im Mai 2017.

Sie setzen sich seit elf Jahren für das bedingungslose Grundeinkommen ein – warum?
GÖTZ WERNER: Die Koppelung des Einkommens an die Arbeit macht uns krank. Wenn wir in der Wirtschaft rationalisieren, rationalisieren wir auch Einkommen. Wir müssen aber Einkommen und Arbeit voneinander entkoppeln. Das Einkommen ist die Ermöglichung der Arbeit - und nicht die Belohnung der Arbeit.
Viele meinen, durch ein Grundeinkommen würde der Anreiz zu arbeiten sinken, Faulheit würde belohnt.
Das ist das moralische Problem, zu meinen, wir wären fleißig, aber die anderen muss man auf Vordermann bringen. Es gibt keine unangenehmen Arbeiten, nur Arbeiten, die nicht wertgeschätzt werden. Wenn wir Leistung von anderen in Anspruch nehmen, müssen wir sie auch wertschätzen – sie besser bezahlen oder, in Österreich, etwa einen tollen Titel vergeben. Unser Problem ist der materialisierte, völlig einseitige Arbeitsbegriff.
Experten halten das für schlichtweg unfinanzierbar.
Das Grundeinkommen ist ein Sockelbetrag, der dem Staat wahnsinnig viel Arbeit ersparen würde. Die heute ausbezahlten Sozialleistungen werden erst wirksam, wenn sie höher als das Grundeinkommen sind.
Wie hoch soll das Grundeinkommen sein?
Der Einzelne muss damit bescheiden, aber menschenwürdig leben können, in Deutschland wären das etwa 1000 Euro pro Monat.
Wer soll das bezahlen?
Voraussetzung ist, dass das Steuersystem auf den Verbrauch abzielt. Unser Steuersystem kommt aus der Zeit des Zehenten und setzt an der Leistung an. Wir müssen aber die Leistungsentnahme besteuern. Das ist ein Denkproblem, das uns als Gesellschaft arm macht.
Sie sagen auch, uns gehe die Arbeit aus.
Die Arbeit geht uns schon die ganzen letzten 50 Jahre aus. Uns gelingt es immer mehr, durch Digitalisierung Zeit einzusparen. Dadurch gehen immer mehr Einkommen verloren. Der Mensch braucht Einkommen, um zu leben und Arbeit, um sich zu entwickeln. Wir waren noch nie in der Lage, so viele Güter hervorzubringen, bezahlt haben wir sie ja schon.
Ist die Zeit schon reif für ein Grundeinkommen?
Es wird immer enger. Die Menschen lernen durch Einsicht, notfalls durch Katastrophen. Das Grundeinkommen versetzt den Einzelnen in die Lage, Nein sagen zu können. Zum Vorgesetzten, zu Mann oder Frau.
