10 Fragen, 10 Antworten Alzheimer: Von der Vorsorge bis zu neuen Therapien

Was man weiß, woran geforscht wird und was man selbst tun kann, um sein Demenzrisiko zu senken: 10 Antworten auf 10 wichtige Fragen.

Alzheimer
Alzheimer © freshidea - Fotolia
 

1. Demenz, Alzheimer - was ist der Unterschied?

Demenz ist der Überbegriff: Demenz bedeutet, dass die intelektuellen Fähigkeiten nachlassen. Die häufigste Ursache dafür ist Alzheimer, die daher auch Alzheimer-Demenz genannt wird. Andere Ursachen für Demenz können zum Beispiel Durchblutungsstörungen im Gehirn sein oder sogenannte Levy-Körperchen, die sich als Veränderungen im Gehirn zeigen.

2. Was ist die Ursache für die Alzheimer-Erkrankung?

Durch Alzheimer passieren Veränderungen im Gehirn. In und zwischen den Nervenzellen lagert sich Eiweiß ab, in Form von Plaques und Fibrillen. Dadurch sterben Gehirnzellen ab, die Weiterleitung der Signale zwischen den Nervenzellen funktioniert nicht mehr. Die Folge ist, dass im Verlauf der Erkrankung sehr viel Hirngewebe verloren geht.

3. Was sind erste Symptome der Erkrankung?

Das erste Zeichen ist die Vergesslichkeit - und zwar das Vergessen von Dingen, die man selbst erlebt hat. Zu vergessen, wo man den Schlüssel hingelegt hat, ist meist nur ein Zeichen für Unkonzentriertheit, nicht unbedingt für eine Form der Demenz. Auch Veränderungen der Persönlichkeit, die meist zuerst von der Familie bemerkt werden, können ein Anzeichen sein. Außerdem können auch Orientierungsstörungen, in Zeit und Raum, ein Hinweis auf eine Demenzerkrankung sein. Die endgültige Diagnose sollte ein Facharzt, in diesem Fall ein Neurologe, stellen. Dazu gehört ein ausfühlriches Gespräch, kognitive Tests und der Ausschluss anderer Erkrankungen (Tumore, Schlaganfall).

 

Geruchsstörungen als frühes Anzeichen?

Die Studie der McGill University in Quebec analysierte, ob Geruchsstörungen ein früher Hinweis auf Alzheimer sein kann. Sie untersuchten Hochrisikopatienten, deren Eltern schon an Alzheimer litten.

Sie führten mit den Teilnehmern Riechtests durch und analysierten dann die Rückenmarksflüssigkeit der Menschen - dort lassen sich Stoffe feststellen, die auf Alzheimer hindeuten. Es zeigte sich: Jene Teilnehmer, die die größten Probleme hatten, Gerüche zu erkennen, zeigten auch biologisch die meisten Alzheimer-Marker.

Aber: „Diese Studie sagt nichts darüber aus, wie viele der Teilnehmer dann auch tatsächlich Alzheimer bekommen“, sagt Reinhold Schmidt, Neurologe an der Med Uni Graz. Man wisse schon lange, dass das Geruchszentrum sehr früh von Gehirnerkrankungen betroffen ist, aber bis heute könne man Patienten auf dieser Basis keine Prognose geben, ob und woran sie erkranken werden. Denn auch für Parkinson können Geruchsstörungen ein frühes Anzeichen sein.

4. Wie hoch ist mein Risiko, wenn meine Eltern betroffen sind?

Laut der deutschen Alzheimer Gesellschaft, haben Kinder oder Geschwister von Alzheimer-Betroffenen im Durchschnitt ein vierfach höheres Risiko, Alzheimer zu bekommen als der  Bevölkerungsdurchschnitt. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit von Kindern von Alzheimer-Patienten, in ihrem Leben an Alzheimer zu erkranken, liegt bei 20 Prozent.

5. Warum gibt es noch keine effektiven Therapien gegen Alzheimer?

Das Gehirn gilt als die komplexeste Struktur im bekannten Universum - eine Erkrankung dieses Organs zu verstehen ist daher alles andere als einfach. Bisher verfügbare Therapien können die Ursachen der Erkrankung nicht beheben, sie können nur den Verlauf etwas hinauszögern. Aktuell konzentriert sich die Forschung darauf, die Erkrankung früher als heute zu erkennen. Denn: Treten die ersten Symptome wie Orientierungsstörungen und Vergesslichkeit auf, ist schon sehr viel Schaden im Gehirn passiert. Schon viele Jahre vor den ersten Symptomen verläuft die Krankheit "stumm", es gibt schon krankhafte Veränderungen im Gehirn, die aber noch keine Symptome verursachen. Nun ist das Ziel der Forschung, schon in dieser Phase in den Krankheitsverlauf einzugreifen und ein Fortschreiten zu verhindern.

Biomarker

Große Hoffnung ruhen auf den Biomarkern: Das sind biologische Veränderungen, an denen sich die Krankheit schon vor den ersten Symptomen erkennen lässt.

"Mit MRT oder PET-Untersuchungen können Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn sichtbar gemacht werden", sagt Reinhold Schmidt, Neurologe an der Med Uni Graz.

Auch in der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit können solche Biomarker gefunden werden.

 6. Wann wird es Therapien geben?

Führende Alzheimer-Spezialisten gehen heute davon aus, dass es bis 2025 tatsächlich neue Therapien geben wird. Entscheidend wird aber sein, diese Therapien rechtzeitig einzusetzen - also bevor viel Hirngewebe zerstört wurde. Dafür wiederum müssen die Patienten frühzeitig entdeckt werden.

7. Kann ich mich vor Alzheimer schützen?

Es ist möglich, sein Risiko zu senken - indem man die sogenannte kognitive Reserve aufbaut. Dadurch ist das Gehirn in der Lage, krankhafte Veränderungen auszugleichen. Die drei Säulen, auf denen die Alzheimer-Vorsorge aufbaut, sind:

  1. ein gesunder Körper: Regelmäßige Bewegung, ausreichend trinken, genügend Schlaf: Das sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein gesundes Gehirn. Außerdem sollten Seh- und Hörschwächen ausgeglichen werden! Bekommt das Gehirn nämlich zu wenige Reize über die Sinnesorgane, bauen die Nervenzellen ab.
  2. seelisches Wohlbefinden: Soziale Kontakte sind für eine gesunde Psyche zentral. Einsamkeit hingegen ist ein Risikofaktor für Demenz. Pflegen Sie Freundschaften, veranstalten Sie gemeinsame Essen, bleiben Sie sozial aktiv.
  3. geistige Aktivität: Auch das Gehirn kann man trainieren. Komplexe Aufgaben, wie das Spielen eines Instruments, Tanzen, Brettspiele oder das Erlernen einer Fremdsprache fordern und fördern das Gehirn.

Neun Risikofaktoren, die man vermeiden sollte

Um ein Drittel könnten die weltweiten Demenzfälle gesenkt werden, würde man neun Risikofaktoren konsequent und von Kindheit an bekämpfen. Zu diesem Schluss kommen internationale Experten im renommierten Magazin „Lancet“.

Laut der Untersuchung beginnt die Demenzvorsorge bereits in der Jugend: Mangelnde Bildung sei einer der wesentlichen Risikofaktoren. Eine gute schulische Ausbildung erhöhe die kognitiven Fähigkeiten und die Belastbarkeit des Gehirns.

Nur Schwerhörigkeit und der Verlust des Gehörs habe größere negative Auswirkungen: Wird das Gehirn über die Sinnesorgane nämlich nicht mit Reizen gefüttert, bauen die Nervenzellen ab und die Hirnleistung wird schlechter.

Im mittleren und höheren Lebensalter wirken sich dann Übergewicht, hoher Blutdruck, Rauchen oder soziale Isolation nachteilig aus.

Diese neun Faktoren gilt es zu vermeiden:

  1. Übergewicht
  2. hoher Blutdruck
  3. Hörverlust
  4. soziale Isolation
  5. Depression
  6. Diabetes
  7. Rauchen
  8. mangelnde Bewegung
  9. mangelnde Bildung

8. Wie steht es um die Pflege von Betroffenen in Österreich?

In Österreich sind geschätzte 100.000 Menschen an Alzheimer erkrankt, bis zum Jahr 2050 soll diese Zahl auf 230.000 Betroffene steigen. 80 Prozent der Betroffenen werden zuhause gepflegt, von Töchtern, Söhnen oder Partnern. Die Belastung für diese pflegenden Angehörigen sind immens, es werden Pflegeleistungen von bis zu 70 Stunden pro Woche erbracht. Gleichzeitig fehlt aber oft die wichtige Unterstützung: Laut der Volkshilfe Österreich gebe es zum Beispiel viel zu wenige Angebote für Tagesbetreuung, damit sich pflegende Angehörige eine Auszeit nehmen können. Auch bräuchten die Angehörigen ein spezielles Training und viel mehr Information, um mit der Krankheit besser umgehen zu können.

9. Was brauchen Betroffene besonders?

"Betroffene brauchen ein konstantes Umfeld und einen regelmäßigen Alltag", sagt Neurologe Schmidt. Dazu gehören eine klare Tagesstruktur mit den immer gleichen Schlaf- und Essenszeiten in gewohntem Umfeld und mit vertrauten Gegenständen. Auch die Kommunikation verändert sich: Im späteren Stadium schwinden die Worte, dann stehen Berührungen oder Gesten im Mittelpunkt.

Die Stadien der Demenz

Demenz ist nicht Demenz, die Krankheit kann sehr unterschiedlich verlaufen. Eine ungefähre Einteilung bieten diese drei Stadien.

1. Frühes Stadium

Im frühen Stadium merken Betroffene, dass etwas nicht stimmt und versuchen, die Defizite zu verbergen.

Anzeichen: u.a. Schwierigkeiten beim Sprechen, beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis, Orientierungsprobleme, fehlende Motivation. Interesse an Aktivitäten geht verloren.

Wie kann man helfen? Sich über Demenz informieren, tägliche Abläufe einführen, die Sicherheit und Orientierung geben, Betroffene in Entscheidungen miteinbeziehen.

2. Mittleres Stadium

Schon kleine geistige Herausforderungen (lesen, fernsehen) überfordern Betroffene, alleine zu leben ist oft nicht mehr möglich.

Anzeichen: u.a. Alltagstätigkeiten sind nicht mehr möglich, Orientierung in Zeit und Raum geht verloren, Verhaltensstörungen und Wahnvorstellungen treten auf.

Wie kann man helfen? Betroffene brauchen bei allen Alltagstätigkeiten (essen, waschen) Hilfe - aber nichts abnehmen, was noch selbst getan werden kann.

3. Spätes Stadium

Auch das Langzeitgedächtnis geht verloren, Betroffene bewegen sich immer weiter zurück in die Vergangenheit, fühlen sich z.B. 30 Jahre alt.

Anzeichen: Vertraute Menschen werden nicht erkannt, Gang wird unsicher, Inkontinenz tritt auf, auffälliges Benehmen, bis zur absoluten Pflegebedürftigkeit.

Wie kann man helfen? Im sehr fortgeschrittenen Stadium kann eine Unterbringung im Heim unumgänglich sein, damit die Betroffenen die Pflege bekommen, die sie brauchen.

10. Wie sollen wir in Zukunft mit Menschen mit Demenz umgehen?

Um sich diesen Fragen systematisch anzunähern, wurde die österreichische Demenzstrategie formuliert, eine führende Position dabei nahm Regina Roller-Wirnsberger, Professorin für Geriatrie an der Med Uni Graz, ein. "Eines der Probleme ist, dass die Bevölkerung zu wenig über diese Krankheit informiert ist", sagt die Expertin für Alterserkrankungen. Das führe dazu, dass Demenz zum Tabuthema wird, mit dem viele Ängste verbunden sind. Fehlendes Wissen, das ist auch in der Pflege ein Problem: "Nicht alle Pfleger und Ärzte wissen, wie sie mit dementen Patienten umgehen müssen", sagt Roller-Wirnsberger. Daher brauche es eine bessere Ausbildung ebenso wie mehr Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige.

Pflegende Angehörige sind sehr gefährdet, ein Burn-out oder eine Depression zu entwickeln.

Regina Roller-Wirnsberger, Professorin für Geriatrie

Hier müssen sogenannte teilstationäre Angebote entstehen, in denen Betroffene betreut werden können, wenn ihre Familie zwei Wochen auf Urlaub fährt. Klar sei aber: Ohne die Pflege innerhalb der Familie werde der Bedarf in Zukunft nicht zu decken sein.

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