Nullzinsen und mehr InflationWas die neue EZB-Strategie für den Geldbeutel bedeutet

Die EZB erlaubt künftig auch Inflationsraten über 2,0 Prozent. Welche Auswirkungen hat die neue politische Linie der EZB für Sparer und Kreditnehmer?

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Die Zentrale der EZB in Frankfurt
Die Zentrale der EZB in Frankfurt © AP
 

Warum war diese EZB-Zinssitzung etwas Besonderes?

Mitte Juni hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Strategie angepasst. Die einzige Aufgabe der EZB ist ja, für stabile Preise zu sorgen. Seit 2003 galt das Credo, dass dies mit einer Inflation knapp unter 2,0 Prozent zu erreichen sei. Nachdem dieses Ziel seit Jahren verfehlt wird, wurde die Strategie angepasst. Mittelfristig soll eine Inflation von 2,0 Prozent erreicht werden. Das Ziel ist symmetrisch, sowohl moderat höhere als auch moderat niedrigere Inflationsraten werden zeitweise akzeptiert. Nun hat die EZB erstmals ihre Maßnahmen nach dieser neuen Strategie ausgerichtet.

Was wurde beschlossen?

Eigentlich nichts Neues. Der Leitzinssatz bleibt bei 0,0 Prozent, Banken müssen weiter 0,5 Prozent Strafzinsen auf ihre Einlagen bei der EZB zahlen. Auch die massiven Anleihekaufprogramme gehen weiter. Was aber anders ist: Die neue Strategie erlaubt es der EZB nun auch bei höheren Inflationsraten diese ultralockere Geldpolitik weiterzuverfolgen. Denn das Inflationsziel von zwei Prozent gilt ja mittelfristig über einen Zeitraum von drei Jahren. 2020 lag die Inflation in der Eurozone nur bei 0,3 Prozent. Dementsprechend wären 2021 und 2022 auch Inflationsraten deutlich über 2,0 Prozent möglich.

Wie lange ist noch mit Nullzinsen seitens der EZB zu rechnen?

Derzeit geht die EZB nicht davon aus, dass die Inflation bis 2023 deutlich unter den gewünschten 2,0 Prozent bleiben wird. Und auch danach kann nur mit einer Anhebung der Zinsen gerechnet werden, wenn der Rat der EZB, also die Notenbank-Präsidenten der Euroländer, überzeugt sind, dass der Wert langfristig stabil bei 2,0 Prozent bleiben wird. Es geht wohl noch einige Jahre so weiter.

Aber die Inflation steigt doch. Wie lange geht das so weiter?

Hier gibt es durchaus unterschiedlichen Auffassungen. Getrieben wird die Inflation derzeit durch zwei Faktoren. Einerseits sind die Lockdowns zu Ende und die Leute können und wollen wieder Einkaufen. Konjunkturhilfen rund um den Globus sorgen für mehr Investitionen bei Firmen. Andererseits gibt es globale Lieferengpässe bei Rohstoffen und eine Knappheit bei Transportcontainern. Ein Cocktail, der für steigende Preise für Waren und Dienstleistungen sorgt. Volkswirte gehen allerdings davon aus, dass diese Phase nur vorübergehend ist und der Auftrieb bereits ab 2022 nachlassen könnte. Die starken Preissteigerungen des heurigen Jahres sind dann freilich längst Realität.

Gibt es noch eine Perspektive für das traditionelle Sparen mit dem Sparbuch?

Nullzinsen gepaart mit steigender Inflation sind Gift für Sparer. Denn egal ob am Sparbuch oder unterm Kopfpolster: Die Euros verlieren jeden Tag an Kaufkraft. Das ist zum Teil auch das Ziel dieser Geldpolitik. Die EZB will das Geld im Wirtschaftskreislauf halten, Menschen sollen ihre Euros ausgeben und nicht auf die hohe Kante legen.

Was bedeutet das für Haushalte mit Krediten?

Wer derzeit einen Kredit für den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung aufnimmt, bekommt Konditionen, die noch vor zehn Jahren als undenkbar galten. Dementsprechend boomt die Baubranche, was aber wieder zu höheren Rohstoffkosten und damit höheren Preisen führt. Dennoch: Solange die Kreditzinsen unter der Inflation liegen, ist das für Kreditnehmer gut, da auch ihre Schulden weniger wert werden.

In welchen Bereichen war die Teuerung am höchsten?

Gemessen am sogenannten HVPI, der für die gesamte Eurozone gleich ist, sind die Preise in Österreich vor allem im Tourismus gestiegen. Hier gab es zwischen Juni 2019 und Juni 2021 ein Plus von 7,2 Prozentpunkten. Vor allem der Besuch im Restaurant ist deutlich teurer geworden. Doch auch die Preise für Wohnen und Energie haben um 5,8 Prozentpunkte zugelegt. Preistreiber sind hier die stark gestiegenen Mieten und die höheren Strom- und Heizkosten.

Wann und wie schlägt sich die Entwicklung in höheren Löhnen nieder?

Die Industriegewerkschaft Pro-Ge und die GPA haben bereits angekündigt, dass sie eine harte Herbstlohnrunde erwarten. Mit einer reinen Abgeltung der inzwischen gestiegenen Inflation wolle man sich nicht zufriedengeben, richtet man den Arbeitgebern aus. Doch steigende Löhne schlagen sich über kurz oder lang wieder in höheren Preisen für Konsumenten nieder und heizen die Inflation damit erst recht an. Solche Zweitrundeneffekte werden von der EZB allerdings sehr negativ bewertet.

Wann hat es bei uns zuletzt sehr hohe Inflationsraten gegeben?

Die letzte echte Hyperinflation gab es in Österreich (und in Ungarn) nach dem Ersten Weltkrieg. Schon während des Krieges halbierte sich der Wert der Krone jährlich. Danach ging es noch dramatischer bergab. Ein Betrag, mit dem man 1910 noch ein Haus kaufen konnte, reichten 1923 gerade einmal für ein paar Grundnahrungsmittel. Auch die Wiedereinführung des Schilling nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu einer schnellen Geldentwertung, die sich erst nach 1955 beruhigte. Die letzte große Inflationswelle kam in den 1970er Jahren. Zu der Zeit wurde die Goldbindung der Währungen abgeschafft, gleichzeitig bildete sich das Ölkartell Opec und trieb die Treibstoffpreise in die Höhe. Zwischen 1971 und 1981 halbierte sich die Kaufkraft des Schilling. Seit der Einführung des Euros lag die durchschnittliche jährliche Inflation hingegen nur in neun Jahren über dem EZB-Ziel von zwei Prozent mit dem Höchstwert von 3,55 Prozent im Jahr 2011 und dem Tiefstwert von 0,41 Prozent im Jahr 2009.

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