"Silberner und Goldener Sonntag"Als man an beiden Sonntagen vor Weihnachten einkaufen konnte

Am Sonntag dürfen alle Geschäfte ausnahmsweise für den Weihnachtseinkauf öffnen. Hans Winkler erinnert sich an eine Zeit zurück, als das in Österreich noch üblich war.

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© (c) APA/ROBERT JAEGER (ROBERT JAEGER)
 

Genossen erinnern sich noch daran, dass nach dem Krieg die Geschäfte am vorletzten und letzten Sonntag vor Weihnachten offenhielten. Die beiden Tage trugen die schönen Namen Silberner (der vorletzte) und Goldener Sonntag. Damals traute man sich noch, das Geldverdienen mit klingenden Namen zu veredeln. Viele waren froh darüber: Die Händler wegen des guten Geschäfts, ein Teil der Angestellten, weil sie gerne die Sonntagsüberstunden bezahlt bekamen und die Kunden natürlich auch.


Die Gewerkschaft begehrte kleinlaut auf und die Kirche lamentierte nicht von der besonderen Sonntagskultur, die dadurch in Gefahr sei. Die Leute fanden Zeit, sowohl in die Kirche zu gehen als auch zum Einkaufen. Keine „Allianz für den Sonntag“ schürte die Unzufriedenheit, niemand machte sich Sorgen wegen der „negativen Auswirkungen auf das Familienleben der Handelsangestellten“, denen man die beiden Tage „rauben“ wolle. So klagte der Vorsitzende des Katholischen Familienverbandes voriges Jahr, als die Idee mit dem Geschäftssonntag schon einmal diskutiert wurde. Dieselben Leute sprechen jetzt besorgt darüber, wie sehr das Daheimbleiben-Müssen von Eltern und Kindern im Lockdown das Familienleben belaste.


Irgendwann in den Sechzigerjahren ging es uns dann allen so gut, dass die beiden Einkaufssonntage stillschweigend aufgelassen wurden. Sie gingen niemandem mehr ab. Freizeit zu haben, war den Menschen wichtiger geworden. Arbeitgebern und Arbeitnehmern reichten jetzt zum Geldverdienen- und -ausgeben die Wochentage. Momentan geht es uns – hoffentlich nur vorübergehend – wieder nicht so gut und da war die Idee naheliegend, die Tage wieder einzuführen. Heuer kam wegen des Lockdown ohnehin nur der „Goldene Sonntag“ in Frage und wir werden ihn bekommen – leider ohne den klingenden Namen.


In jenen Tagen nach dem Krieg ging man noch nicht shoppen, sondern einkaufen. Das sind verschiedene Dinge. Zwar war die Zeit der selbstgestrickten Socken unter dem Christbaum bald vorbei und es folgten Pullover in Patentmuster mit dem schönen Namen Parallelo, aber Einkaufen war eine vergleichsweise ernste Sache. Freilich war die Freude daran nicht geringer als heute beim Shoppen. Aber man ging nicht herum, um zu schauen, was es gibt und man vielleicht kaufen könnte, sondern man benötigte etwas und ging gezielt auf die Suche danach. Die Auswahl war nicht groß. Unter dem Christbaum lagen dann Dinge, die man ohnehin gekauft hätte, nur waren sie eben in Weihnachtspapier gewickelt. Das Papier war übrigens reichlich kitschig: Ein dünnes, knittriges, helles Etwas bedruckt mit Kerzen- und Tannenzapfen-Mustern.


Ein Umtausch von Geschenken und von Kleidungsstücken, die nicht passten, war zwar auch damals schon möglich, aber doch irgendwie peinlich. Etwas einfach ohne weitere Erklärung zurückzugeben, war noch nicht vorgesehen. Auch wusste man, dass die Dinge, die man zurückbrachte, nicht wie heute massenhaft weggeworfen und vernichtet wurden, sondern wieder verkauft werden sollten. Sie mussten daher ungebraucht und in der Original-Verpackung sein. Deshalb war man beim Einkaufen auch sehr überlegt, vor allem, wenn man nicht viel Geld hatte und sparsam sein musste.


Es muss zu Weihnachten 1950 gewesen sein. Das Kind sollte feste Schuhe bekommen. Es waren nicht richtige Bergschuhe, sondern hohe Schuhe mit einem hübschen Stoffrand und jedenfalls schon mit einer rutschfesten Gummisohle und nicht mehr genagelt, was sie es zu dieser Zeit auch noch gab. Die Familie ging ins Schuhgeschäft, suchte die Schuhe aus, die man vorher schon der Auslage gesehen hatte und der Bub musste sie anprobieren. Man erzählte ihm, sie seien für den Cousin bestimmt, der woanders wohnte, aber angeblich dieselbe Schuhgröße hatte. Der Bub war etwas traurig, dass er die schönen Schuhe für den Cousin probieren musste, dem es ohnehin viel besser ging und der immer alles bekam, was er sich wünschte. Aber er schluckte die Enttäuschung tapfer hinunter. Umso größer war die Freude, als die Schuhe dann unter dem Christbaum lagen.


Nach einem Umweg über meinen älteren Bruder, bei dem er Jahrzehnte lang wenig benützt gestanden war, landete unser bescheidener Stutzflügel schließlich bei zweien meiner Enkel. Das Klavier hat einen argen Schönheitsfehler, der aber die Tonqualität nicht beeinträchtigt und die Buben nicht daran hindert, darauf Klavierspielen zu lernen. Das trug sich so zu: Mein Vater und Bruder achteten beim Aufputzen des Christbaums immer sehr darauf, dass ja nichts anbrennen konnte und die Kerzen zugleich gleichmäßig verteilt waren. Sie machten diese Arbeit aber bei geschlossenem Klavier.
Dann der feierliche Augenblick. Die Kerzen brennen still, meine Mutter setzt sich ans Piano, klappt den Deckel auf und beginnt: „Stiiille Nacht, heiiilige …. hmhm ... Nacht; alles ... hhhm ... schläft ...“ „Was stinkt da?“ Aber da war es schon um einige Sekunden zu spät. Genau an der Stelle, wo der aufgeklappte Deckel über das Klavier hinausragt, brannte eine Kerze. Das hatten Vater und Bruder nicht bedacht. Ob das „Stille Nacht“ wieder aufgenommen wurde, weiß ich nicht mehr. Der runde Brandfleck am Klavierdeckel wurde nie repariert, meine Mutter pflegte diskret ein gehäkeltes Deckerl draufzulegen.

Die „Allianz für den freien Sonntag“ muss sich nicht vor einem großen Kulturbruch fürchten, wenn für einmal am Sonntag die Geschäfte offen haben. Und so bescheidene Weihnachten wie zu Zeiten des Goldenen und Silbernen Sonntags drohen uns auch heuer nicht.

Kommentare (12)
Patriot
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Kaufen, kaufen, kaufen!

Das Motto für Weihnachten 2021.

Musicjunkie
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Was bin ich froh, dass die mit Abstand bescheuertste Zeit des Jahres, bald wieder vorbei ist.

--

Reipsi
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Also wir haben

die zwei Sonntage, silberne und goldener Sonntag Vormittag gearbeitet , möchte dazu sagen als LEHRLING und es war für mich kein Problem das zu tun , obwohl ich 50Km mit dem Zug fahren musste , um zum Arbeitsplatz nach Graz zu kommen, ich weiß nicht warum heute so ein TamTam darüber gemacht wird und wir haben uns nicht als ausgenutzt gefühlt .

melahide
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Und heute

sind die Zugverbindungen um vieles besser und komfortabler. Dennoch ruft die Politik: „Wir brauchen mehr Straßen, die armen Leute stehen alle im Stau“. Weil jeder mit Auto fährt … vergleichen kann man es aber nicht. Die meisten Geschäfte hatten über Mittag geschlossen und Samstag war um 12 Schluss. Die Gesellschaft hat sich seither gewandelt. Einkaufen muss heute schon länger möglich sein, weil die Arbeit ziemlich einschränkt und meistens beide Partner arbeiten. Wäre heute unmöglich, Geschäfte zu haben mit Öffnungszeiten von 8-12 und 15-18 Uhr wie früher …

Meister Proper
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Ja früher

damals war der samstag noch richtiger Arbeitstag und eine 48 Stundenwoche.

menatwork
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Nichstdestotrotz war an allen Samstagen des Jahres zu Mittag Ladenschluss

den Abtausch werden die Verfechter der guten alten Zeit aber eher nicht wollen.

walterkaernten
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sonntagsöffnung

Was bei dem bericht fehlt ist der hinweis, dass zur damaligen zeit die menschen 48 wochenstunden arbeiteten. Und jeder samstag war bis 12 oder 14 uhr ein normaler arbeits- und schultag.

Deshalb waren die beiden sonntage gut zum einkaufen.

Auch heuer ists ja durch die CORONASCHLIESSUNGEN eine gute möglichkeit.

Nicht vergessen:
1. 2. oder 3. IMPFUNG holen
Hygienesmassnahmen wie empfohlen
Abstand halten

Dann wird es sicher ein FROHES FEST für ALLE trotz OMIKRON

deCamps
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Dem kann man nur zustimmen.

Die „Allianz für den freien Sonntag“ muss sich nicht vor einem großen Kulturbruch fürchten, wenn für einmal am Sonntag die Geschäfte offen haben. Und so bescheidene Weihnachten wie zu Zeiten des Goldenen und Silbernen Sonntags drohen uns auch heuer nicht.

deCamps
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Zutreffend. Das war und sollte noch immer sinngemäß unser Leben sein.

Das sollte größtenteils die Essenz unseres Lebens beim "Einkaufen" sein. Aber man ging nicht herum, um zu schauen, was es gibt und man vielleicht kaufen könnte, sondern man benötigte etwas und ging gezielt auf die Suche danach. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
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Menschen mit Jahrgang 1940 einem ereignisreichen Leben in unserer Gesellschaft und vor allem in der N.Ö. und Wiener Besatzungszone könnten einige Artikel dazu schreiben.

martinx.x
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Bravo, super Beitrag!

dann wünsch ich euch morgen ein besinnliches Einkaufen. (Leider ist's in der heutigen Gesellschaft nur mehr ein Gedränge im Shopping-stress)

NIWO
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Wir leben aber nicht in der "guten alten" Zeit.

Sonntags muss nicht geöffnet werden. Nur wohlstandsverwöhnte .... gehen an so einem Tag einkaufen.

deCamps
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Sie haben den Sinn dieses Artikels nicht verstanden.

Daher ihr sinnloses Geschwätz.
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Freiheit ist nicht nur für eine handvoll Schwätzer und Persönlichkeit gestörte, die mit der Freiheit und den Grundgesetzen nicht zu Recht kommen, sondern für alle Menschen in diesem Land. Vom Arbeitslosen zum Vollbeschäftigten bis zu den Selbstständigen und vom Maronibrater bis zum Bundespräsidenten.
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In Österreich (vor der Pandemie) sind derzeit "normal" an Wochenenden, Feiertagen und sonntags ca. 1,7 Millionen Arbeitnehmer wechselseitig unterwegs, wobei auch die Angehörigen davon betroffen sind.