Sie kommen gerade mit dem E-Auto aus Radstadt hierher ins Gailtal. Finden Sie über die Berge genug E-Tankstellen in Kärnten und der Steiermark?
MARTIN KLÄSSNER: Wir sind gut aufgestellt. Europaweit haben wir auf unserer Plattform 40.000 Ladestationen, für die wir die Software für den Betrieb liefern und die Abrechnungen der Ladevorgänge für die Autolenker sowie den technischen Service machen. Insgesamt sind in Europa 225.000 Ladestationen zugänglich. In Österreich laufen 70 Prozent der Ladestationen über unsere Plattform has.to.be.

VW-Konzernchef Herbert Diess übte zuletzt Kritik über das Ladenetz von seiner Urlaubsfahrt im Trento.
Regional ist die Abdeckung sehr unterschiedlich. In Österreich und Osteuropa haben wir eine starke Klumpenbildung, mit engen Netzen, und auch weiten Flächen ohne Verbindung. Das ist eines der Probleme, auch in den ländlichen Regionen eine akzeptable Infrastruktur zugänglich zu machen.

Was erklärt den Erfolg, mit dem has.to.be Marktführer in Europa wurde und nun als Start-up um den Rekordpreis eines österreichischen Start-ups von 250 Millionen Euro vom US-Marktführer ChargePoint gekauft wurde?
Wir setzen seit Beginn 2013 auf das Motto „keep lean and fail fast“, also schlank bleiben und schnell aus Fehlern lernen. Wir versuchten, neue Produkte innerhalb von vier bis sechs Wochen ins Feld zu bringen. Damit haben wir Produkte generiert, die die Herausforderungen der E-Mobilität gezielt bedienen.

Wie etwa die lange Ladedauer.
Mit Powerchargern, die man mit Ionity alle 60 Kilometer findet, sind wir bei Ladezeiten unter zehn Minuten angelangt.

Österreich hinkt bei der E-Mobilität nach. 2020 waren von rund 85.000 angemeldeten Autos nur rund 8000 E- oder Hybrid-Autos.
Wir haben auch lange gebraucht, um österreichische Kunden gewinnen zu können. In der Ukraine hatten wir früher Kunden als in Österreich.

70 Prozent der stark geförderten E-Mobile kaufen Firmen und Kommunen. Was läuft da schief?
Private haben noch Respekt, wenn sie an die Verwertung des Fahrzeuges denken. Im gewerblichen Umfeld bringt E-Mobilität eine deutliche Verringerung der Kosten und die Mitarbeiter lernen, wie E-Fahrzeuge funktionieren. Der Anteil privater Nutzer wird in ein, zwei Jahren mit den ersten Leasing-Rückläufern deutlich steigen.

Sind Sie so wie Umweltministerin Leonore Gewessler für das Aus für Verbrenner bei Neuanmeldungen ab 2030?
Ich glaube, dass das der richtige Weg ist, in diesem Bereich stärker zu fokussieren.

Da widersprechen Sie Bundeskanzler Sebastian Kurz?
Bis 2030 sind doch noch einige Jahre. Wenn man sieht, wie sich erneuerbare Energie und Ladekapazität in den letzten drei Jahren entwickelt haben, dann glaube ich sogar, dass wir bereits vor 2030 keine Neuzulassungen bei Verbrennern mehr haben werden.

Was sagen Sie zu Bedenken über den schlechten ökologischen Fußabdruck von Batterien für Elektroautos bei Herstellung und Entsorgung?
Aktuell haben wir mit Lithium-Batterien noch nicht die ideale Technologie. Da passiert viel bei Feststoffbatterien, die den ökologischen Fußabdruck stark verbessern werden. Dazu kommt Zweitnutzung von Batterien als stationäre Speicher in Häusern bis zu 30 Jahren.

Hans Hueter, Präsident des Wirtschaftsforums der Führungskräfte Kärnten, mit Martin Klässner
© (c) Daniel Raunig

Wie konnte aus Radstadt ein Software-Unternehmen zum Europa-Marktführer mit 125 IT-Ingenieuren herauswachsen?
Das ist ein Beispiel für die Zeit und für die guten Chancen, die wir in Österreich haben. Der Standort in Radstadt hat im internationalen Wettbewerb sehr geholfen. Aus einem Umkreis von 75 Kilometern können wir die Top-Talente der Region anziehen. Mit unserem hohen sozialen Impact halten wir die Fluktuation gering, was wichtig ist, um Innovation aufzubauen. So können wir mit attraktivem Lohngefüge und top ausgebildeten und motivierten Mitarbeitern auch in einer touristischen Bergregion Innovationen schaffen, weil sie IT- und internetgestützt sind. Es ist ein Vorzeigeprojekt, wie die touristischen Regionen ein zweites Standbein entwickeln können.

Dafür brauchten Sie das entsprechende Startkapital.
In Österreich ist Venture Capital generell schwer aufzubringen. Es ist unheimlich wichtig, nicht „dumb money“ (dummes Geld) zu kriegen, sondern intelligentes Geld. Wir hatten mit den Investoren Ex-OMV-Chef Gerhard Roiss, Ex-Siemens-Chef Peter Löscher, Ex-BASF-Chef Jürgen Hambrecht und Paul Achleitner, dem Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, strategische Investoren mit Kompetenz und Erfahrung. Gerhard Roiss hat für diese Investment-Gruppe die Kümmerer-Rolle übernommen, mit dem ich mich zweimal die Woche ausgetauscht und viel von ihm gelernt habe, auch mit heftigen Strategie-Diskussionen. Das war wichtig, um langfristig und nachhaltig zu wachsen und auch dem US-Marktführer die Stirn bieten zu können.

Der jetzt zu einem höheren Preis has.to.be kauft, als Adidas für Runtastic hinblätterte. Was passiert nun nach der Übernahme durch ChargePoint in Radstadt?
Ich bleibe in der neuen Gesellschaft und als CEO in der has.to.be. Radstadt wird die Europazentrale von ChargePoint. Das war für uns eines der wichtigsten Kriterien. Der VW-Konzern, der mit 24,9 Prozent beteiligt war, bleibt wichtiger Kunde. Ich bin sehr optimistisch, dass wir unser Mitarbeiter-Portfolio von 125 auf knapp 300 Leute bis Jahresmitte 2023 in Radstadt aufbauen werden.