Immer mehr arbeiten nächtensCorona und die Entgrenzung der Arbeitszeit

Die Pandemie hat die Berufswelt verändert. Der Tagesrand und oft auch die Nacht wurden in Sachen Arbeitszeit zur neuen Normalität, wie aktuelle Studien belegen. Vor allem für Eltern entwickelte sich Homeoffice zur Falle.

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Arbeiten in der Nacht als neue Normalität
Arbeiten in der Nacht als neue Normalität © stock.adobe.com
 

Lockerungen hin, Verschärfungen her: Die zurückliegenden Lockdowns haben Spuren in der Arbeitswelt hinterlassen, die bis ins Heute reichen. Besonders computergebundene Büroarbeit war und ist davon betroffen. Aus der Notwendigkeit, den Arbeitsplatz in die eigenen vier Wände zu verlagern, hat sich eine Möglichkeit konserviert, die mittlerweile zunehmend auch als Belastung wahrgenommen wird: Das Homeoffice wurde zur Falle.

Wovor Soziologen und Arbeitnehmervertreter schon während der Hochphase der Pandemie vor einem Jahr gewarnt hatten, ist jetzt auch wissenschaftlich in Studien belegt. Fazit: Corona beschleunigte den schon seit Jahren schleichenden Prozess der ständigen Erreichbarkeit. Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit verschwimmen immer mehr, Homeoffice verstärkt diesen Trend. Besonders betroffen waren durch die Schließung von Betreuungs- und Bildungseinrichtungen für Kinder vor allem Eltern – und da vor allem die Mütter.

"Nachtschichten" bei Müttern nehmen zu

Eine Untersuchung des Wiener sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts Sora hat ergeben, dass Frauen im zweiten Lockdown noch häufiger frühmorgens oder nachts gearbeitet haben als im ersten Lockdown. So ist der Anteil der Mütter, die angeben, häufiger früh am Morgen von 21 auf 28 Prozent gestiegen, die Arbeit am Abend (nach 20 Uhr) nahm von 25 auf 30 Prozent zu, „Nachtschichten“ von sieben auf zwölf Prozent.

Auffallend: Bei Vätern ist das Arbeiten an bürozeitenunüblichen Tagesrand- und Nachtzeiten im Vergleich zwischen erstem und zweitem Lockdown zurückgegangen. Gleichgeblieben ist in beiden Lockdowns die Zunahme des Arbeitens an Wochenenden – wobei auch hier Mütter anteilsmäßig stärker betroffen waren.

Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der deutschen Bundesagentur für Arbeit kommt zu deckungsgleichen Ergebnissen. Demzufolge arbeitete im April 2020, zu Beginn der Covid-19-Pandemie, gut ein Viertel der Beschäftigten ganz oder teilweise zu anderen Zeiten als vor der Pandemie, also etwa am Wochenende oder abends. Und auch in dieser Untersuchung zeigt sich, dass Eltern deutlich stärker von der Pandemie betroffen waren und ihre Arbeit überdurchschnittlich häufig auf ungewöhnliche Zeiten wie den Abend oder das Wochenende verlagert haben als Haushalte ohne Kinder.

Auflösung der "nine to five"-Strukturen

Wie in Österreich kristallisierte sich auch in Deutschland die besondere Betroffenheit der Mütter heraus: So gaben 52 Prozent der Mütter mit Kindern unter 14 Jahren an, ihre Arbeitszeit zu Beginn der Pandemie zumindest teilweise auf die Abendstunden oder das Wochenende verlegt zu haben, bei Vätern waren es „nur“ 31 Prozent. Bis Oktober sank der Anteil wegen der verbesserten Infektionslage und des wieder dichteren Betreuungsangebots zwar auf 26 beziehungsweise 18 Prozent, der Geschlechterunterschied aber blieb.

Laut Gesundheitsmedizinern ist diese allgemeine Auflösung der „nine to five“-Strukturen aber ein zweischneidiges Schwert. Der wachsenden individuellen Freiheit und Flexibilität steht eine zunehmende Entgrenzung der Arbeitszeit gegenüber. Wenn eine klare zeitliche Trennung von Berufs- und Privatleben dauerhaft fehlt, kann das jedoch mit gesundheitlichen Risiken einhergehen.

Österreich gilt als "Homeoffice"-Land

In diese Richtung argumentiert auch die Gewerkschaft mit Verweis auf die Einhaltung gesetzlicher Ruhezeiten. Wenn diesbezüglich nicht klare Regeln geschaffen werden, befürchte man eine drastische Zunahme an psychischen Auswirkungen, wie Schlafstörungen, Suchterkrankungen, Burnout oder Depressionen, warnen die Arbeitnehmervertreter.
Sämtliche Bestimmungen des Arbeitszeit- und Arbeitsruhegesetzes sowie des Dienstnehmerhaftpflichtgesetzes behalten auch im Homeoffice ihre Gültigkeit, stellte man seitens des Arbeitsministeriums anlässlich des neuen Homeoffice-Pakets zu Jahresbeginn klar. Damals ging es schwerpunktmäßig eigentlich um steuerliche Absetzbarkeiten von beruflich genutzten Heimcomputern.

Wie viel wo und wann bei Auslagerungen von Büroarbeit ins private Umfeld gearbeitet wird, bleibt eine Frage gegenseitigen Vertrauens. Es bleibt ein Arbeitsalltag zwischen Kontrolle und Eigenverantwortung, bei dem der Arm des Arbeitszeitgesetzes plötzlich bis ins Wohnzimmer daheim reicht. Aber es bleibt auch ein Teil der neuen Normalität. Denn Österreich gilt als „Homeoffice“-Land: 42 Prozent der Arbeitnehmer gaben in einer Gallup-Umfrage Anfang dieses Jahres an, 2020 im Homeoffice gearbeitet zu haben. Überdurchschnittlich häufig war dies bei Menschen mit hohen Bildungsabschlüssen (68 Prozent) und jüngeren Arbeitnehmern unter 30 Jahren der Fall (54 Prozent). Aber auch Über-50-Jährige werkten zu 35 Prozent im Heimbüro.

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