Nach einem Jahr Coronakrise ist Österreich ein gespaltenes Land. Wohin steuern wir, was bereitet Ihnen Sorgen?
MONIKA KIRCHER: Ein demokratisches Land kann nicht wie ein Unternehmen gesteuert werden. Unternehmen sind es gewohnt, mit Krisen umzugehen, anders als ein Staat. Ich wünsche mir, dass wir entscheiden, wann wir zu den Bürgerrechten, wie sie vor der Ausnahmesituation gegolten haben, zurückkehren. Das sollte nicht vergessen werden.

Ist Österreich nur ein Schönwetterstaat, anders als krisenerprobte Länder wie Israel oder die USA?
Was wir einfordern sollten: mehr Managementkompetenz im Staat und in der Verwaltung. Das eine ist, dass man diese in über 99 Prozent der Zeit nicht braucht. Wenn man sie aber braucht, sollte schnell und klar entschieden und gut gemanagt werden. Das ist aus meiner Sicht ausbaubar. Positiv ist, dass die Politik manche Dogmen über Bord geworfen hat, etwa beim Modell der Kurzarbeit. Oder bei der Sommerschule, wo man nun Dinge umsetzt, die vor drei Jahren indiskutabel gewesen wären. Ich wünsche mir mehr Abkehr von Dingen, von denen es geheißen hat: „Gibt’s nicht, geht nicht.“

Die Unzufriedenheit mit der Politik steigt – nicht nur bei uns.
Es ist wichtig, eine alte Tugend einzubringen, nämlich Geduld. Wir leben in einer Anspruchsgesellschaft: „Ich will heute, ich will morgen.“ Am Beispiel der Impfungen: Vor einem Jahr gab es noch keinen Impfstoff, jetzt sprechen wir über mehr als eine Million Geimpfte. Ein bisschen Geduld – und nicht nur Ansprüche formulieren – können wir auch alle in dieser Pandemie lernen.

Die Corona-App wurde nicht angenommen, das Kaufhaus Österreich ein Flop, dazu Probleme bei Impfanmeldungen – warum sind wir bei Innovationen so schwach?
Beim Thema der Zukunftsfähigkeit und der Innovation gibt es leichte Alarmsignale. Die Bereitschaft, innovative Produkte auf den Markt zu bringen, hat nachgelassen. Risikoaverses Verhalten wird sich negativ auswirken. Wir müssen daher Impulse setzen in Richtung Klimaneutralität, Digitalisierung und Diversität der Kulturen. Kein Zurück, sondern mehr Tempo und bei Zukunftsthemen bewusstere Akzente setzen.

Monika Kircher: "Was wir einfordern sollten: mehr Managementkompetenz im Staat und in der Verwaltung"
Monika Kircher: "Was wir einfordern sollten: mehr Managementkompetenz im Staat und in der Verwaltung"
© Kleine Zeitung/Weichselbraun

Welche Lehren ziehen Sie noch aus der Krise?
Brauchen wir wirklich die vielen Doppel-, Dreifach- und Vierfachgleisigkeiten, die zu weniger statt zu mehr Output führen? Darum geht es bei Reformen: Nicht ums Kürzen, sondern wie schaffe ich den größten Output mit dem geringsten Input? Da haben wir ganz viel zu tun – nicht nur beim Thema Föderalismus.

Europa verliert weiter Terrain gegenüber Asien und Amerika. Wie sehr beunruhigt Sie das?
Wir haben die Vielfalt als Stärke in Europa, als Schwäche das Tempo. Es alarmiert uns in der Industrie schon lange, dass wir kaum mehr Neugründungen großer Digitalunternehmen sehen – die letzte war SAP vor einigen Jahrzehnten. Da fehlt uns Zukunftsfähigkeit. Wir brauchen eine europäische Agenda, die aber nicht naiv ist, was das Öffnen allen Mitbewerbern gegenüber betrifft.

Die neue 300-mm-Dünnwaferfabrik von Infineon, deren Vorstandschefin Sie bis Mitte 2014 waren, eröffnet im Sommer in Villach. Ist den Menschen bewusst, wie bedeutend diese 1,6 Milliarden-Euro-Investition ist?
Das wird es sein, wenn der Standort Österreich und Europa erkennen, was hier in der Wertschöpfungskette noch möglich ist. Daraus könnte ein Multiplikatoreffekt entstehen. Die Leuchtturminvestition von Infineon ist eine Chance nicht nur für Österreich, sondern für Europa. Es wäre zu hoffen, dass sich viele an der Chance anhängen.

Österreich will bis 2030 27 Terawattstunden zusätzlich an erneuerbarem Strom produzieren – 50 Prozent der bisherigen Strommenge. Wie kann dieses Vorhaben überhaupt noch gelingen?
Wenn wir die Ziele der Bundesregierung wirklich erreichen wollen, müssten wir die Projekte heute schon in der Pipeline haben. Und wir müssen uns gleichzeitig ganz klar zum Ausbau der Wasserkraft, zu PV-Anlagen auf Freiflächen und zu Windkraftanlagen bekennen. Und wer Windräder nicht will, muss auch sagen, dass dann die Staukapazität von Wasserkraftwerken erhöht und bestehende Kraftwerke erweitert werden. 2030 wäre das Ziel nur erreichbar, würde heute die Bundesregierung gemeinsam mit der Energiewirtschaft mit größtem Druck Projekte identifizieren und schnellstmöglich umsetzen. Es braucht unglaubliche Anstrengungen, um es einigermaßen zu schaffen. Zusätzlich sind Netzabstützungen wie in Villach überlebenswichtig.

Als Vizebürgermeisterin formten Sie die Eisenbahnerstadt Villach zur Hochtechnologiestadt. Sind Sie stolz drauf?
Ja, schon. Das Grundstück des heutigen Technologieparks St. Magdalen war damals Sondermüll. Wir hatten eine Vision, waren schnell und hatten das Glück, dass die richtigen Personen am selben Strang gezogen haben.

Österreich hat eine Frauenquote für Aufsichtsräte. In Deutschland ist man bereits weiter und verpflichtet große Unternehmen zur Quote für Vorstände – in Österreich wird nicht einmal darüber diskutiert. Ein Fehler?
Das Quotengesetz in Österreich brachte binnen kürzester Zeit eine Verdoppelung des Anteils weiblicher Aufsichtsrätinnen. Das sind ja nicht irgendwelche Frauen, die diese Aufgabe ausüben, sondern top-ausgebildete, kompetente Frauen.

Mit dem Satz einer ÖVP-Lobbyistin im Zusammenhang mit dem ÖBAG-Aufsichtsrat – sie sprach von einer „Scheißquote“ – können Sie nichts anfangen?
Damit kann ich gar nichts anfangen. Quoten sind eindeutig messbare Ziele – mit ein bisschen mehr Druck dahinter. Studien belegen, dass Diversität eindeutig Wettbewerbsvorteile bringt – nicht nur Frauen/Männer, sondern auch internationale und Altersdiversität. Das Thema einer Quote im Vorstand ist schwierig umzusetzen. Es soll kein künstliches Vorstandsressort geschaffen werden, damit man eine Frau hat. Qualifizierte Frauen sollten Ressorts haben, mit denen sie Macht im Unternehmen haben.

Junge Menschen verbringen ihr zweites Jahr im Schullockdown. Wie umgehen mit den Jungen, die sich als Verlierer fühlen?
Durch die Pandemie wird deutlich, wie wichtig soziales Lernen und ein Bildungsbegriff, der nicht nur aus Wissensvermittlung besteht, sind. Nachdem wir die ältere Generation geschützt haben, muss jetzt ganz dringend der Fokus auf der jungen Generation liegen. Damit sie nicht das Gefühl bekommt, sie müsse für all das, was wir in den letzten Jahren verabsäumt haben, die Zeche zahlen. Wir müssen den Jungen eine Perspektive geben.

Wann?
Der Zeitpunkt kommt jetzt. Das gilt auch für Frauen am Arbeitsmarkt, die als Heldinnen gefeiert wurden – in der Pflege, Gesundheitsberufen und im Handel – und hoffentlich nicht als Teilzeitkräfte in zehn Jahren den Preis bezahlen, wenn wir zurückschauen. Es gilt die Wertigkeit solcher Berufe jetzt zu verändern. Es wäre eine Schande für ein hoch entwickeltes Land, wenn die Pandemie die Schwachen nochmals trifft.

Welches konkrete Angebot muss die Gesellschaft den Jungen jetzt machen?
Sobald ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist, müssen im Sommer soziale, kulturelle und psychologische Mobilitätsangebote geschaffen werden, damit die Jungen wieder Lebensfreude und Optimismus bekommen. Junge Menschen leben nicht wie Ältere von Erinnerungen, sie brauchen die Hoffnung, rasch solche Erfahrungen zu machen.