Interview: Aljoscha Neubauer"Wer die Daten hat, hat die Macht"

Ist künstliche Intelligenz gleich menschlicher Intelligenz? Und was könnte überhaupt als "Intelligenz" bezeichnet werden? Ein Gespräch mit Intelligenzforscher Aljoscha Neubauer.

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Intelligenzforscher Aljoscha Neubauer
Intelligenzforscher Aljoscha Neubauer © Christian Wind (www.christianwind.com)
 

Aljoscha Neubauer gilt als einer der weltweit führenden Intelligenzforscher. An der Karl-Franzens-Universität in Graz setzt sich der gebürtige Deutsche für die Intelligenz seiner Studenten ein und lehrt Differentielle Psychologie. Der 58-Jährige erklärt im Interview mit Christian Albrecht und David Marousek, ob Roboter intelligent sein können und woran es ihnen mangelt, um eine Bedrohung für die Menschheit darstellen zu können.

Wie intelligent muss man sein, um Intelligenz zu erforschen?

Ich denke, man muss so intelligent sein, wie man es für den Bereich der Psychologie generell sein muss, da ich nicht glaube, dass sich die Intelligenzforschung in dieser Hinsicht von anderen Gebieten der Psychologie unterscheidet. Und so muss man, was die Erforschung der Intelligenz betrifft, wahrscheinlich schon überdurchschnittlich intelligent sein, aber nicht hochbegabt. Um Intelligenztests für hochintelligente Menschen zu kreieren, vor allem solcher für Hochbegabte, sollte man dafür wohl auch hochbegabt sein, da diese Aufgaben extrem komplex sein können. Grundsätzlich muss man aber so intelligent sein, wie man als Wissenschaftler intelligent sein muss.

Es gibt da keinen entscheidenden Unterschied zwischen den Wissenschaften?

Bei bestimmten Disziplinen ist Intelligenz besonders wichtig, wie zum Beispiel in der theoretischen Physik. Da muss man hochintelligent sein und man benötigt vor allem ein hohes Maß an fluider Intelligenz, also Intelligenz, die im Gegensatz zur kristallinen Intelligenz nicht wissensabhängig ist. Bei fluider Intelligenz geht es um Umstellfähigkeit im Denken, um in- und deduktives, beziehungsweise um schlussfolgerndes Denken, wohingegen die kristalline Intelligenz – wie der Wortschatz oder die einfache Rechenfähigkeit – relativ mehr bildungsabhängig ist. Da die fluide Intelligenz ab dem Alter von 35 bis 40 Jahren wieder abnimmt, muss ein theoretischer Physiker seine bahnbrechende Entdeckung wohl schon bis zu diesem Alter gemacht haben.

Es gibt viele Modelle dazu, was Intelligenz ist. Woran machen Sie fest, ob jemand intelligent ist oder nicht?

An den Ergebnissen von etablierten, psychometrisch überprüften Intelligenztests. Deren gibt es einige, die nach hohen Standards so entwickelt worden sind, dass sie das erfassen können, was wir Psychologen unter Intelligenz verstehen.

Bis dato gibt es aber noch keine klare Definition von Intelligenz.

Dieser Aussage muss ich widersprechen. In der Psychologie gibt es spätestens seit den 90er-Jahren eine klare Definition, der sich die meisten Wissenschaftler anschließen. Kurz gesagt, verstehen wir unter Intelligenz die teilweise genetisch veranlagte Kompetenz, kognitiv zu denken, die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen, die Lernfähigkeit. Das Problem ist, dass manche Leute noch immer Begriffe wie soziale oder emotionale Intelligenz benutzen. In Medien werden manchmal gar Begriffe wie Party-Intelligenz und sexuelle Intelligenz propagiert. Das ist natürlich Blödsinn: Wenn man den Begriff Intelligenz auf alle Eigenschaften anwendet, die Menschen gerne hätten, wird er inhaltsleer.

Manche Menschen haben das Empfinden, dass Menschen mit hoher Intelligenz sozial weniger kompetent sind. Gibt es da Zusammenhänge?

Nein, im Prinzip nicht. Man kann sowohl sehr intelligent und sozial kompetent sein, nur eines davon oder auch gar nichts von beidem. Dass Menschen mit besonders hohen kognitiven Fähigkeiten Nerds wie Sheldon Cooper [ein Physiker in der TV-Serie “The Big Bang Theory”, Anm.] sind, ist eher ein Vorurteil. In manchen Fällen, wo Personen mathematisch extrem hochbegabt sind, kann aber schon eine geringere soziale Kompetenz damit einhergehen. Im Großen und Ganzen gibt es aber diesbezüglich keine Zusammenhänge.

Um aufs Thema Künstliche Intelligenz zu kommen: Kann ein Roboter überhaupt intelligent sein?

Das ist die Frage! Wir gehen davon aus, dass Fähigkeiten, wie sie in Intelligenztests erfasst werden, überwiegend das sogenannte konvergente Denken betreffen. Wenn es also eine logisch richtige Lösung auf eine Aufgabe gibt, kann man die KI in den meisten Bereichen darauf trainieren. Die eigentliche Frage ist jedoch, ob menschliche Intelligenz das ist, was wir mit künstlicher Intelligenz vergleichen sollten oder ob es nicht andere menschliche Eigenschaften sind, die zwar mit Intelligenz zusammenhängen, die aber das gewisse Etwas draufsetzen, was den Menschen ausmacht. Denn nur durch Errungenschaften der menschlichen Intelligenz hat man künstliche Intelligenz so weit gebracht, dass sie jene der Menschen übersteigen kann.

Was wären diese menschlichen Eigenschaften?

Hauptsächlich die Kreativität, also das divergente Denken, das Generieren von neuen Ideen und Konzepten, – das ist eine Fähigkeit, die ich in der KI nicht sehe und die komischerweise auch nie benannt wird. Es ist keine Rede von „Artificial Creativity“, dabei ist das die Frage, die wir uns stellen müssten. Ist es nicht Kreativität, die wir anstreben? Man könnte sagen, Kreativität ist Intelligenz + x, wobei x verschiedene andere Eigenschaften des Menschen sind, die ihn kreativ werden lassen. Bei Intelligenz geht es um Anwendung von bestehendem Wissen auf neue Probleme, nicht jedoch um das Entdecken neuer Probleme und damit möglicher neuer Lösungen. Es gibt die Annahme, Intelligenz ist für die Kreativität eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Erst, wenn gewisse Persönlichkeitseigenschaften und divergente Denkfähigkeit dazu kommen, dann entsteht Kreativität.

Zu Ihren Forschungsschwerpunkten zählt die individuelle Unterscheidung zwischen Intelligenz, Kreativität und Praktischer Intelligenz. Wie unterscheiden sich all diese drei zu Künstlicher Intelligenz und wo gibt es Parallelen?

Viele Denkaufgaben von Intelligenztest können mit Sicherheit von künstlicher Intelligenz effizienter gelöst werde, als von Menschen. Daher sehe ich starke Parallelen in den Bereichen der kognitiven und der praktischen Intelligenz, wobei diese beiden oft korrelieren.

Inwiefern?

Die praktische Intelligenz ist in der Psychologie nicht klar definiert, manche sagen Hausverstand dazu. Heißt, bei alltagsnahen Problemen schnell eine Lösung zu finden. Was kann man zum Beispiel tun, wenn man mit einem Löffel Eis aus der Box holen will, aber alles kleben bleibt? Wissen Sie die Lösung?

Man kann den Löffel unter Wasser halten?

Genau! Dabei handelt es sich meist um physikalische Prinzipien, die auf alltägliche Situationen angewendet werden. Andere definieren praktische Intelligenz auch mit komplexeren alltagspraktischen Problemen: Wie geht man bei der Suche nach einem neuen Auto am besten vor und wie finanziert man es sich? Das Thema ist aber schlichtweg nicht gut erforscht, da man die Forschung auch relativ schnell wieder aufgegeben hat.

Sehen Sie im Bereich der Kreativität auch Parallelen?

Nein, noch nicht. Dieser Bereich ist aber vermutlich der wichtigste. Machen wir uns nichts vor: Wenn ein Land heutzutage über keine nennenswerten Bodenschätze verfügt, heißt es, der wichtigste Schatz sitzt zwischen den Ohren der Einwohner. Dann fragt man sich, wie man die Kreativität der Bevölkerung fördern, stimulieren kann, damit neue Ideen, Konzepte, Produkte entwickelt werden können, die die Basis für eine positive wirtschaftlichen Entwicklung darstellen. Wenn neue Ideen in die Welt kommen, dann sind das aber immer noch Ideen von Menschen. Ich sehe im Moment noch keine KI, die auch kreativ ist und sich aus dem programmierten Raster lösen kann.

Intelligenz ist zu einem gewissen Grade erblich. Roboter werden aber nicht gezeugt, sondern erschaffen. Erben diese also den Intellekt ihrer Programmierer?

Bis zu einem gewissen Grad schon. Sie erben aber eher eine kollektive Intelligenz jener Personen, die an der Entwicklung beteiligt sind, also eine Art Schwarmintelligenz. Es ist ja kaum so, dass ein Roboter von einer Person entwickelt wird, vielmehr er hat viele Eltern. Eine 1:1-Übertragung, so wie das Kind die Gene der Eltern mitbekommt, gibt es hier nicht.

Die "Regression zur Mitte" besagt, dass zwei hochintelligente Menschen wohl kein ebenso hochintelligentes Kind bekommen, umgekehrt zwei weniger intelligente Menschen ein intelligenteres Kind. In der Forschung zu einer KI geht man jedoch eher davon aus, dass hochintelligente Menschen an einer noch intelligenteren Maschine arbeiten. Setzt dieses Phänomen bei Robotern aus?

Ich würde sagen, wenn es keine Reibungsverluste gibt, kann die Regression zur Mitte potenziell aussetzen. Das Problem ist, dass, wenn ich zwei oder mehrere hochintelligente Menschen zusammenspanne, das Gleiche passieren kann, wie bei Star-Ensembles im Fußball. Wenn ich mehrere Diven im Team habe, die alle selbst der Superstar sein wollen, wird es schwierig. Aus dem Zusammenspannen von vielen sehr fähigen Personen muss also nicht unbedingt resultieren, dass sich die Fähigkeiten addieren und eine Super-Mannschaft rauskommt. Dafür braucht es einen geschickten Trainer, der diese Stars bändigen kann. Wenn es also gelingt, superintelligente Personen zusammenzubringen, die nicht in Kleinkriege darüber verfallen, wer das Alphatier ist, kann die Intelligenz der KI jene ihrer Erzeuger durchaus übersteigen, da sie dann von jedem das Beste mitbekommen. Nur hakt es da leider oft, da es bei Personen mit Kompetenzen auf ähnlich hohem Niveau oft zu Reibungsverlusten kommt. Wenn ich jedoch Experten aus verschiedenen Feldern miteinander zusammenführe, wo klar ist, dass jeder in seinem Bereich der Superstar ist, kann ich eher das Optimum herausholen.

In einem Interview mit dem Spiegel sagten Sie, Intelligenz wird in den ersten 15 Lebensjahren entwickelt. Eine künstliche Intelligenz sollte aber bestmöglich sofort intelligent sein, wie kann das funktionieren?

Auch künstliche Intelligenz ist nicht sofort intelligent, auch, wenn sie vielleicht auf einem höheren Level startet. Facebook hat mit Sicherheit auch 15 Jahre gebraucht, um so zu werden, wie es heute ist. Oder wenn man bedenkt, wie lange man bereits an selbstfahrenden Autos arbeitet. Jedes Jahr werden die Prognosen, wann die autonomen Autos in den Verkehr einsteigen werden, weiter in die Zukunft verschoben. Die ersten selbstfahrenden Autos waren wahrscheinlich auch wie Kinder, die gerade Laufen lernen und dabei immer wieder hinfallen. Und mit der Zeit werden sie perfektioniert. So läuft das mit allen Technologien.

Der Mathematiker Irving John Good schrieb: "Die erste ultra-intelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat." Halten Sie eine Superintelligenz, die dem Menschen in so gut wie allen Bereich überlegen ist, für möglich?

Wenn diese Superintelligenz dann eine ist, die einfach alle kognitiven Probleme lösen kann, dann halte ich das für möglich. Aber ist diese dann eine Bedrohung für uns Menschen? Ich glaube nicht. Gefährlich wird es für uns Menschen erst, wenn Computer selbstständig kreativ werden, nicht, wenn sie intelligenter sind als wir.

Und wenn das passieren sollte?

Dann wird es schwierig und dann haben wir Menschen vielleicht ausgedient. In vielen Dystopien übernehmen die Maschinen ja dann die Macht. In einer positiveren Fassung müssten wir nicht mehr arbeiten, bekommen das bedingungslose Grundeinkommen und wer noch arbeiten will, bekommt halt mehr. Aber auch da bin ich mir nicht sicher, ob wir wirklich nicht mehr arbeiten wollen. Der Mensch will Sinn haben in seinem Leben. Und eine wesentliche Sinnfindung ist Arbeit. Was mache ich den ganzen Tag, wenn ich nicht arbeiten muss? Befriedigt mich das? Für manche mag es eine Idealvorstellung sein, sich nur mehr den schönen Dingen zu widmen, aber die meisten Menschen wird das vermutlich nicht zufriedenstellen.

Wie gefährlich ist es, wenn der Mensch, für dessen heutige Intelligenz die Evolution Millionen von Jahren benötigt hat, versucht, Intelligenz in künstlicher Form in nur wenigen Jahrzehnten zu kreieren?

Das ist eine sehr komplexe Frage. Bereits bei vergangenen Entwicklungen sind solche Fragestellungen aufgekommen. Wo zuvor bei Pferdekutschen die Rossknödel auf den Straßen das Problem waren, sind es heute die Abgase der Autos. Mit neuen Technologien gibt es immer neuer Probleme, aber auch immer wieder neue Lösungen. Jedoch habe ich bei den neuen Informationstechnologien und bei jenen, die im Entstehen sind, schon den Eindruck, dass, wenn man nicht aufpasst, diese dem Menschen entgleiten könnten. Die größte Gefahr ist, dass die Macht zunehmend in der Hand einiger weniger konzentriert liegt. Wer die Daten hat, hat die Macht. Nehmen wir das ehemalige Datenanalyse-Unternehmen Cambridge-Analytica als Beispiel.

Dieses hat auf Basis von Facebook-Analysen bei der letzten US-amerikanischen Präsidentschaftswahl Personen, über deren Unentschlossenheit man im Vorhinein Bescheid wusste, über soziale Netzwerke gezielt mit Informationen bespielt und so vermutlich die Wahlen beeinflusst. Die Methoden der Datenanalytik kombiniert mit den Erkenntnissen der Psychologie lassen das Verhalten der Menschen immer besser vorhersagen. Und immer mehr Menschen befinden sich in ihren Online spezifischen Online-Bubbles. Das ist meines Erachtens auch mitverantwortlich für das extreme Auseinanderdriften von politischen Einstellungen. In den USA werden die besten Persönlichkeitspsychologen oft von Facebook, Google & Co angeworben. Dort beziehen sie dann weit überdurchschnittliche Gehälter, haben schier unglaubliche verhaltensbezogene Datenmengen, die sie auf ihre Vorhersagefähigkeit für alle möglichen Fragen analysieren können, und die dann kommerziell verwertet werden.

Und dort liegt heute die wahre Macht. Ob die Superintelligenz eine Bedrohung für uns darstellen würde, wissen wir derzeit noch nicht. Facebook, Google & Co sind meines Erachtens derzeit die viel realere Bedrohung, zumindest solange wir nichts dagegen unternehmen, die Macht der Datenkonzerne einzuschränken.

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