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Milchgipfel gefordert

Nach Milchpreisverfall liegen in Österreich die Nerven blank

Fünf Liter Milch für ein Krügerl Bier: Erstmals sinkt der Milchpreis für deutsche Bauern unter die 20-Cent-Marke. Auch hierzulande spitzt sich die Lage zu, zumal Trend meist nach Österreich überschwappt. Minister beruft Milchgipfel ein. Von Ulrich Dunst

Im gebirgigen Österreich sind die Milch-Produktionskosten höher als etwa in Norddeutschland
Im gebirgigen Österreich sind die Milch-Produktionskosten höher als etwa in Norddeutschland © Weichselbraun
 

Der europäische Milchsee füllt sich nach dem Quoten-Ende 2015 weiter – und die daraus resultierende Milchkrise spitzt sich weiter zu. Dieser europaweit fast einhellige Befund wird durch die aktuellste Entwicklung in Deutschland noch einmal bestätigt. Erstmals überhaupt fällt im Norden des Nachbarlandes der Preis, den Bauern für einen Kilo (Milch wird in Kilo abgerechnet) Milch erhalten, unter die 20-Cent-Marke. Der dortige Diskonter Aldi fuhr mit dem Einstiegspreis im Supermarktregal auf noch nie dagewesene 46 Cent je Liter hinunter.

2 Liter Milch für 1 Liter Wasser

Damit kostet ein Liter Milch im Handel oftmals nur noch die Hälfte von einem Liter abgefülltem Wasser. Oder anders ausgedrückt: Ein Bauer muss 20 Liter Milch verkaufen, um sich im Gasthaus ein Krügerl Bier kaufen zu können.
Die rasante Talfahrt bei den Nachbarn wird von heimischen Milchbauern und Molkereien mit allergrößter Sorge beobachtet, zumal auch in Österreich die Preise für konventionelle, genfreie Milch von 40 Cent 2014 auf nunmehr rund 27 bis 28 Cent gesunken sind. Tendenz weiter fallend. „Was in Deutschland passiert, kommt zeitverzögert meist auch zu uns“, sagt Milchmarkt-Analyst Michael Wöckinger. Das einzige Plus, das es in Österreich gebe, sei, dass heimische Molkereien im Vorfeld des Quoten-Endes Millionen investiert hätten „und bei uns mehr in höherwertige Produkte weiterverarbeitet wird“, so Wöckinger. Dadurch würden Tiefstpreise leicht abgefedert. „Dennoch: auch in Österreich wurde im ersten Quartal um 6,6 Prozent mehr Milch abgeliefert als im Vorjahr.“

Milchpreis in Cent je Kilogramm (Milch wird in Kilogramm abgerechtet) - Grafik zum Vergrößern bitte anklicken!
Milchpreis in Cent je Kilogramm (Milch wird in Kilogramm abgerechtet) - Grafik zum Vergrößern bitte anklicken! Foto © Infografik Kleine Zeitung

Folge: „Die Gefahr, dass der Preisdruck auch auf Österreich noch stärker überschwappt, ist hoch“, sagt der heimische Molkereien-Obmann Helmut Petschar. Schon jetzt gebe es in den Regalen großzügige Rabatte auf Milchprodukte. „Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis“, poltert Petschar. „Denn der Konsument ist bereit, für höhere Qualität, die bei uns produziert wird, auch mehr zu zahlen.“ Erhebungen würden laut Petschar zeigen, dass der Milch-, Butter- und Käseverbrauch der Österreicher unabhängig vom Preis über die Jahre gleich blieb.

Billigmilch für Eigenmarken

Massive Kritik an Praktiken des Handels übte man zuletzt bei der Landwirtschaftskammer, als erste Ketten begannen, bei Milchprodukten ihrer Billig-Eigenmarken heimische durch günstigere ausländische Milch zu ersetzen. Indes plädiert der steirische Kammerpräsident Franz Titschenbacher, den von den Preistiefs besonders betroffenen Milchbauern ebenso wie Schweinebauern und vom Frost betroffene Obstbauern, im zweiten Quartal einen Teil Sozialsversicherungsbeiträge zu erlassen.
Während auf EU-Ebene und zwischen Molkereien heftig über freiwillige Lieferverzichte debattiert wird (siehe unten), gibt es auch Lichtblicke. Die Milchimporte Chinas sind zuletzt stark angestiegen. Und der Höhepunkt der Milchanlieferung im Jahreslauf ist traditionell im Mai überschritten.

Nein zu Quotenrückkehr, Ja zu  Milchgipfel

Der Milchpreisverfall war Hauptthema beim gestrigen Treffen der EU-Agrarminister in Brüssel. Da wurde klar: Die zuletzt beschlossene Möglichkeit, wonach Molkereien in der EU freiwillig die Milchmenge drosseln dürfen, greift bis jetzt überhaupt nicht. Warum? „Weil das nur funktioniert, wenn möglichst alle mitmachen. Österreichs Anteil am europäischen Markt liegt bei zwei Prozent. Wenn nur wir die Menge einschränken, werden wir am Pannenstreifen von anderen Ländern überholt“, so Milch-Analyst Michael Wöckinger. Auch Österreichs Agrarminister Andrä Rupprechter räumte nach dem Ministerrat, wo eine generelle Rückkehr zur Quote ausgeschlossen wurde, ein: Eine freiwilliger Lieferverzicht funktioniere nur, wenn die EU für jene, die freiwillig drosseln, Geld bereitstelle. Bei einem Milchgipfel spätestens im Juni will er Molkereien, Bauern und Handel an den Tisch bringen, um Auswege aus dem Milch-Dilemma zu finden.

 

Kommentare (6)

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e4fcf83a07ad0d2a0647aba67c3d7d8
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Der Konsument ist schon bereit mehr für die Milch zu zahlen:

Ich kann jetzt nur für mich sprechen:Ja! Sehr gerne! Für unsere gute österreichische Milch würde ich auch das Dreifache zahlen! Aber der Haken daran ist:Gibt der Handel den Erlös an die Bauern weiter?

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galli
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dreifache?

Entweder Biertrinker oder zuviel Geld..

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Profet
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der kleine Bauer ist selbst ein Bauer...

...läßt er sich doch von seinem eigenen Klientell vorne Füttern und am Hintern in den Arsch treten bzw. melken. Die Lobby der Superbauern schaut auf sich und läßt die Würschtel verkümmern, daher gibts viel Kohle für die Großen und Almosen für die Kleinen, obwohl die die eigentliche Arbeit verrichten.
Fazit: selber Schuld, wenn man sich von seinen eigenen Funktionären an der Nase rumführen läßt.
Muh, Muh und nochmals Muh

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alkemah
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Liebe Bauern,

wann werdet Ihr endlich einmal vernünftig und verarbeitet eure Produkte selbst und vertreibt sie auch selbst! Solange ihr euch von unseren Politikern treiben lässt wird es immer schlechter. Heute Milchwirtschaft morgen Schweinezucht übermorgen Rinderzucht usw.!! Ihr werdet meiner Meinung nur in die Schulden getrieben und die Banken u. Politiker grinsen sich eines! Den Rest besorgt die EU!!

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Nati
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an sich ja richtig

aber...die Auflagen die man hat um direkt vermarkten zu dürfen sind halt auch nicht zu unterschätzen. aber es ist sicher von oben so gerichtet, die kleinen wollens einfach weg haben. so schauts aus. und von den eigenen Vertretern bekommt man sehr schlechte Unterstützung und Beratung.

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alkemah
6
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Nati,

das ist schon richtig aber wenn ich Bauer wäre würde ich für mich investieren und mich nicht von der EU umhertreiben lassen.

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