„Es war einmal in Wirklichkeit vor ungefähr 89 Jahren, da begab es sich im Aichfeld, dass im Laingerwald in der Nähe von Zeltweg dieser Mann seit zwei Tagen zwischen Gestrüpp und Bäumen wehklagend umherstolpert und aus dem Wald nicht hinausfindet. Sein Rufen verhallt in den Ästen der Bäume oder versinkt in den Wellen des vorbeifließenden Mur-Flusses. Die Schmerzen des Mannes werden merklich größer und seine Rufe, die keinen Empfänger haben, verzweifelter. Der Mann versucht an den Fluss heranzukommen, um dort seinen Durst zu stillen. Im Wasser könnte er auch seinen Kopf kühlen, der wie Feuer brennt. Er könnte seine Hände waschen, die sich glitschig anfühlen. Der Mann weiß, dass es Blut ist, das beständig aus seiner Schläfe tropft. Er schreit ständig um Hilfe, ohne Rücksicht darauf, ob es tiefe Nacht oder heller Tag ist. Die Zeit ist ihm verloren gegangen, so wie ihm die Orientierung verloren gegangen ist.“

„Wildwest in Zeltweg“

Diese Passage aus „Albins letzte Tage oder Gute-Nacht-Geschichten eines Verrückten“ von Hans T. Tafner, erschienen im Wolfgang Hager Verlag, geht auf eine wahre Begebenheit zurück, beziehungsweise auf einen Murtaler Kriminalfall aus dem Jahr 1931: Im November 1931 kam es zu einem Raubüberfall auf den Kaufmann Heinrich Stibitzhofer in Neufisching bei Zeltweg. „Am 20. November abends um viertel 8 Uhr drangen zwei vermummte Burschen ins Kaufgeschäft (...) ein und forderten mit vorgehaltenem Revolver die Herausgabe von 1000 Schilling“, schrieb die „Murtaler Zeitung“ am 28. November 1931 auf Seite sieben, unter dem Titel „Wildwest in Zeltweg“. Die Kaufmannsfrau suchte das Weite, der Kaufmann näherte sich den beiden Räubern. „Der jüngere der Banditen“, wie es in der Murtaler Zeitung heißt, hatte einen Schuss an die Frau abgegeben; diese blieb unverletzt, doch Stibitzhofer selbst wurde an der Hand getroffen. Als auch der Haushund und der Hausgehilfe Max Pilz durch das Getöse aktiviert wurden, traten die beiden Täter die Flucht an. „Auf der Straße gaben sie noch mehrere Schüsse ab, um ihre Flucht zu decken. Von der Hofseite trat ihnen jedoch der Hausgehilfe, mit einer Rollbalkenstange bewaffnet, entgegen und verprügelte den jungen Banditen derart, dass dieser nicht unerhebliche Verletzungen davontrug und die Stange dabei in Trümmer ging“, wie die „Murtaler Zeitung“ weiter berichtet.

Täter waren verwandt

Aufgrund dieses „Denkzettels“ des Hausgehilfen ist es kaum verwunderlich, dass der jüngere der Räuber noch am selben Tag durch die Zeltweger Gendarmerie verhaftet und dem Kreisgericht Leoben ausgehändigt wurde. „Es ist dies der 16 Jahre alte Bäckerlehrling Viktor Wagner. Es konnte dadurch festgestellt werden, dass der andere Täter der Onkel des Festgenommenen ist, der 22-jährige Brotausträger Eduard Wagner“, nennt die „Murtaler Zeitung“ die Identität der beiden Kriminellen.

Der Jüngere wurde gefasst, der Ältere dürfte aus Angst vor einer Festnahme von Panik ergriffen worden sein: „Die Rote Fahne“ schrieb am 24. November 1931, auf Seite sieben, dass Eduard Wagner nach dem Raubüberfall „in den Lainkerwald [Laingerwald]“ (vermutlich Linderwald bei Zeltweg, Anm.) flüchtete, „wo er viele Geräusche hörte und glaubte, die Gendarmerie sei ihm auf den Fersen. Aus Furcht vor der Verhaftung schoss er sich in die linke Schläfe. Die Revolverkugel durchbohrte die Sehnerven beider Augen, sodass Wagner vollständig erblindete. Unter furchtbaren Schmerzen irrte er ohne Nahrung und Trank im Walde umher und erlitt immer wieder Verletzungen. Seine Hilferufe wurde erst gestern Vormittag gehört. Man brachte Wagner im Rettungswagen nach Knittelfeld, wo die Ärzte feststellten, dass sein Sehvermögen unrettbar vernichtet ist.“

Kopfschuss führte zum Tod

„Nach Redaktionsschluss erfahren wir, dass der schwer bestrafte Täter seinen Verletzungen bereits erlegen ist“, schreibt die „Murtaler Zeitung“, und in den Matriken der Pfarre Knittelfeld, findet sich im Sterbebuch acht, auf Seite 254, folgender Eintrag: „Eduard Wagner, lediger Brotausträger, geboren am 21.VI. 1908, gestorben am 25. November 1931, Krankenhaus Knittelfeld nach Schädeldurchschuss, subdurales Hämatom.“