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Damals in der Steiermark

1946: Vertreibung aus dem Abstaller Feld

Vor 71 Jahren wurden 3000 deutschsprachige Bewohner der steirischen Grenzregion vertrieben. Eine Reaktion auf die Last der Geschichte. Ein Zeitzeuge erinnert sich.

Das Abstaller Feld
Das Abstaller Feld © Reimann
 

Die Schatten der dunklen Zeit hatten sich noch längst nicht verflüchtigt, als am 13. Jänner 1946 die Lage eskalierte. Unsere heutige Zeitreise führt uns ins Gebiet zwischen Mureck und Bad Radkersburg und von dort über die Grenze ins Abstaller Feld (heute Apaško polje). Diese etwa 40 Quadratkilometer große Ebene, die von Mur und den Windischen Bühel umschlossen wird, zählte bis 1919 zum politischen Bezirk Radkersburg der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. In den drei Schulen Abstalls wurde in deutscher Sprache unterrichtet.

Das änderte sich freilich nach 1918, nach dem Friedensvertrag von St. Germain wurde das Abstaller Feld 1919 auch rechtlich dem Königreich SHS der Serben, Kroaten und Slowenen zugewiesen. Ab 1920 wurde Slowenisch zur Amtssprache, was sich wiederum Ende der 30er Jahre mit dem Erstarken der Nationalsozialisten radikal änderte. Die kulturellen Gräben waren so groß geworden, dass 1938 – mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich – das Erstarken des Deutschtums „auch ein Großteil der Abstaller begrüßt“, schreibt Günther Kollau 2009 in seiner Diplomarbeit über „Das Schicksal der Deutsch-Untersteirer im Abstaller Feld“ für die Universität Graz.

 

1946

1. Jänner. Der Flughafen Heathrow in der Nähe von London wird eröffnet.
7. Jänner. Alliierte erkennen Österreich als Staat in den Grenzen von 1937 an.
10. Jänner. Erste Generalversammlung der Vereinten Nationen in London.
18. März. Die Weltbank nimmt ihre Tätigkeit auf.
2. April. Die Erstausgabe der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ erscheint in Hamburg.
1. Oktober. Der Nürnberger Prozess endet vor dem Internationalen Militärgerichtshof.
16. Dezember. Modeschöpfer Christian Dior richtet sein Atelier in Paris ein.

Ab 1941, mit dem Balkanfeldzug der deutschen Wehrmacht, verfolgten die Nationalsozialisten das Ziel, Slowenien einzudeutschen. Der Grazer Historiker Stefan Karner stellt aber auch fest, dass nicht die gesamte Volksgruppe der „Sloweniendeutschen“ von der NS-Ideologie im Zweiten Weltkrieg erfasst wurde. „Im Gegenteil, von Beginn an gingen zahlreiche Angehörige der Volksgruppe auch auf Distanz zum Regime, einige verfassten sogar offizielle Protest-Resolutionen an Repräsentanten des Dritten Reichs.“ Nichtsdestotrotz erfolgte eine Um- und Aussiedelungspolitik, die das Ansehen der Deutschen im Abstaller Feld beschädigte. Vermögen wurde beschlagnahmt, Tausende Slowenen umgesiedelt.

 

Abstall 1910
Abstall 1910 Foto © Archiv Bad Radkersburg/Prentner

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Niedergang des Nazi-Regimes folgten deshalb fast zwangsweise Ressentiments. Diese gipfelten 1946 schließlich in jene Tragödie, der alle 3000 deutschsprachigen Abstaller – egal, ob einstige Nazi-Sympathisanten oder nicht – zum Opfer fielen.

Es sind Zeitzeugenberichte wie jener von Alois Ornig, die jene Tage bis heute unvergessen machen. Seine Eltern wurden kurz nach Kriegsende von Partisanen verschleppt – die Mutter kehrte im Herbst 1945 wieder heim, sein Vater nie wieder. Doch auch nach der Rückkehr der Mutter hörten die Ressentiments nicht auf. Immer wieder kamen Partisanen, verhörten die Frau, auch unter Einsatz körperlicher Gewalt. Ornig betont heute: „Meine Mutter hatte als streng Gläubige mit dem Nationalsozialismus aber nie etwas zu tun.“

 

Abstall 1915
Abstall 1915 Foto © Verlag K. Fürst

An jenem Sonntag, dem 13. Jänner 1946, eskalierte die Lage: Partisanen forderten die Familie auf, die Sachen zu packen. „Jeder von uns hatte einen Jutesack mit dem notdürftigen Inhalt.“ Beim Gasthaus Holler vulgo Stehhansl in Wiesenbach (heute Trate) mussten die Vertriebenen auf offene Lkw steigen und wurden nach Oberradkersburg (Gornja Radgona) gebracht. Die rund 3000 Vertriebenen wurden in 84 Waggons gesteckt, die von außen abgesperrt wurden. „Erst nach Tagen wurden diese geöffnet, da gab es bereits erste Todesfälle.“

Die Menschen wurden über Kroatien, Ungarn nach Wien in die Ostzone deportiert, wo eine Hilfsorganisation Trinkwasser brachte. Doch die Sowjets schickten den Transport wieder retour. An der ungarisch-kroatischen Grenze bei Murakeresztúr kam es zu einem 16-tägigen Aufenthalt. Während dieser Zeit wurden die Türen nicht geöffnet – 77 Menschen starben bei eisiger Kälte und ohne Verpflegung. „Unabhängig von unserer Odyssee wurden damals etwa 500 Personen aus der Region hingerichtet und ermordet“, erinnert sich Ornig.

Abstall 1935
Abstall 1935 Foto © Verlag A. Reich

Seine eigene Familie überlebte, wurde nach Kärnten gebracht, wo englische Soldaten zum ersten Mal seit Wochen „normale Nahrung“ anboten und sie in die Freiheit entließen. „Mutter und Schwester kamen bei einem Landwirt in Graz-Umgebung unter.“ Er selbst schaffte es über Umwege zu Verwandten, die in der Nähe von Mureck eine Landwirtschaft betrieben. Bis heute vergisst Ornig die Strapazen nicht. Er lebt als Regierungsrat in Pension in Graz. Von der einst vertriebenen Bevölkerung kehrte später kaum jemand in die alte Heimat zurück.

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