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75 Jahre SportunionPräsident McDonald: "In der Politik hat man die Bedeutung des Sports noch nicht erkannt"

Die Sportunion Österreich feiert diese Woche ihren 75. Geburtstag. Präsident Peter McDonald über schwierige, Zeiten, Ziele, Lobbyismus und die Nöte des Sports. Und warum Österreich doch ein Sportland ist und zumindest den Sportverein in der DNA hat.

VARIOUS SPORTS - BSO press conference
Seit 2018 ist Peter McDonald, im "Zivilberuf" Vorstand bei Johnson & Johnson Medical, ehrenamtlich Präsident der Sportunion Österreich © GEPA pictures
 

Die Sportunion, einer der drei Sport-Dachverbände, feiert 75. Geburtstag. Fragen Sie sich als Präsident diese Woche öfter, ob es diesen Rahmen mit Corona-Krise und Lockdown wirklich geben musste?

PETER MCDONALD: Für viele Sportvereine ist es im Moment mit Sicherheit ein schmerzvoller Verlust, für einige geht es an die Existenzgrenze. Aber wir verhandeln ja gerade mit der Bundesregierung, damit Einnahmenausfälle kompensiert werden können. Aber ich bin Optimist, ich sehe auch Gutes.

Das wäre?

PETER MCDONALD: Ich spüre den Mut und die Kraft von 75 Jahren Erfahrung der Union. Unsere Tradition zur Innovation. Wir haben es geschafft, innerhalb von zwei Monaten einen eigenen Kanal für Digital Sports auf sportunion.at einzurichten. Da ist von Zumba bis Triathlon alles dabei, 200 Vereinssporteinheiten gemeinsam live im Wohnzimmer konsumierbar. Wir sehen da enormen Zulauf, knacken bald die Hunderttausendergrenze. Das zeigt uns: Ja, die Menschen wollen das Homeoffice für Sport unterbrechen – aber nicht zwingend alleine. Sie wollen es gemeinsam tun, mit Videokonferenzen. Sie vermissen wohl auch den sozialen Aspekt der Sportausübung.

Zur Person

Peter McDonald, geboren am 4. August 1973 in Wels.
Karriere: Direktor des Österreichischen Wirtschaftsbundes (seit 2009), Geschäftsführender Obmann der SVA (2011 bis 2014), Vorstandsvorsitzender des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger (2014-2015), Generalsekretär der ÖVP (2015-2016), Vorstand bei Johnson & Johnson Medical (seit 2017) 

Seit 2017 ehrenamtlich Präsident der Sportunion Wien, seit 2018 ehrenamtlich Präsident der Sportunion Österreich

Ist das nicht auch logische Folge der Situation?

PETER MCDONALD: Ich finde es trotzdem beeindruckend, welch Kraft und auch welche Geschwindigkeit unsere Vereine an den Tag gelegt haben. Unseren Vereinen liegt Innovation einfach im Blut. Und ehrlich: Für mich ist Digital Sports auch unsere Antwort auf eSport. Es ist die weit gesündere Alternative. Und wir können unserem Motto: „Wir bewegen Menschen“ – weiter treu bleiben. 

Wie wird die 75-Jahr-Feier jetzt aussehen? Ganz ohne Festakt?

PETER MCDONALD: Klassisch wäre ein Festakt, eine Messe, eine Zusammenkunft vieler Leute. Ich bin der zehnte Präsident in der Geschichte der Sportunion, aber mit Sicherheit der erste, der so einen Festakt mit Messe per Videokonferenz und Online abhält. Wichtig ist, dass wir nicht darauf verzichten, uns daran zu erinnern, was unsere Vorväter gegründet, was sie geleistet haben.

Was wäre das?

PETER MCDONALD: Die Union war immer schon Innovationstreiber. Wir haben uns schon 1952 als Erste für die tägliche Turnstunde stark gemacht. Wir hatten als erster Verband Frauen in Führungsgremien. Wir haben den Fitnesstrend erkannt und verstärkt. Wir haben erkannt, dass Sport Leistungssport sein kann, aber auch Gesundheitssport. All das lebt bei uns weiter, wir sind sehr aktiv. Vor allem im Bestreben, Kinder zu bewegen, in Verschränkung mit Sozialversicherung und Ministerien Angebote zu schaffen. Übrigens: Bei einem Drittel unserer rund 4400 Vereine sind Frauen als Präsidentinnen tätig, zwei Drittel meiner Vorstandskollegen sind auch weiblich.

Trotzdem ist Österreich keine Sportnation, oder?

PETER MCDONALD: Das würde ich so nicht sagen. Wir haben insgesamt 15.000 Sportvereine flächendeckend über ganz  Österreich verteilt, viele Länder beneiden uns darum. Jeder vierte Österreicher ist in einem Sportverein, jedes zweite Kind. Also gehört der Sportverein zur DNA in Österreich. Sport ist einfach die beste Lebensschule: Leistungsorientierung, Fairness, Zusammenhalt, Kampfgeist, Umgang mit Niederlagen, aber auch  Siegen. Wo bekommt man das sonst?

Und doch scheint es, als ob der Sport keine Lobby hat in diesem Land. . .

PETER MCDONALD: In der Politik ist die Bedeutung des Sports noch nicht angekommen, das mag stimmen. Ich war ja selbst Chef der Sozialversicherung und kann daher sagen: Wir sind in der Reparaturmedizin Weltklasse. Und doch sind wir, was gesunde Lebensjahre betrifft, schlechter als der Schnitt in Europa. Das liegt aber sicher nicht am Gesundheitssystem. Sondern daran, dass Vorschläge und Umsetzung in Richtung Prävention durch Bewegung von der Politik nicht kompromisslos genug getrieben werden.

Das Ergebnis ist derzeit: Kein Geld für den Sport, im Unterricht ist er gestrichen. Das kann es nicht sein, oder?

PETER MCDONALD: Ich halte nichts von Politiker-Bashing. Es ist enorm herausfordernd, das ganze System jetzt behutsam hochzufahren. Aber es gäbe Ansätze. Wir haben zum Beispiel die tägliche Sportstunde digital schon im Angebot. Sechs Bewegungspausen zu 15 Minuten, überall zu absolvieren. Schulbetrieb ohne Bewegung, das geht nicht. Das kann ich als Vater von fünf Kindern auch sagen. Da ist Bewegung ja fast eine gesellschaftliche Leistungsvereinbarung, die wir erfüllen.

Zurück zur Krise – was kostet sie den Sport wirklich?

PETER MCDONALD: Rein finanziell kann man das gar nicht abschätzen. Wir haben eine stichprobenartige Umfrage gemacht, hochgerechnet sind wir da im Moment bei rund 200 Millionen Euro, die weggefallen sind.  Tatsache ist: Wir brauchen rasch Schadensersatz, da unsere Vereine als gemeinnützige keine Rücklagen haben. Es geht um Liquidität.

Woran hakt es?

PETER MCDONALD: Ich will hier niemandem das Bemühen absprechen. Ich bin mit dem Vizekanzler und Sportminister in regelmäßiger Abstimmung, er versucht, zu helfen. Ebenso das Finanzministerium, die, alles in Verordnungen gießen müssen. Was nun aber klar scheint: Man wollte ursprünglich alle Organisationen, von NGOs bis zum Sport, unter ein Dach nehmen. Das wird aber so nicht funktionieren. Was ebenso klar ist: Das Ziel muss es sein, rasch zu helfen. Sonst laufen wir Gefahr, dass sich Vereine auflösen und wir sie nachhaltig verlieren. Und ich denke nicht, dass wir uns das leisten können. Sportstätten von heute sparen die Krankenbetten von morgen.

Bleibt eine Abschlussfrage: Braucht es in Österreich wirklich drei Dachverbände? Nach wie vor?

PETER MCDONALD: Gerade in Zeiten wie diesen merken wir, wie gut es ist, dass wir uns die Beratung und Servicierung der 15.000 Vereine aufteilen können. Und wir kämpfen zusammen kraftvoll für die Interessen des Sports. Ob das eine Organisation ist oder auch drei, die Ressourcen wären praktisch dieselben. Wir wollen alle Vereine unterstützen, das Wie ist unterschiedlich das Wie ist oft unterschiedlich, da belebt der Wettbewerb das Geschäft. Aber insgesamt marschieren wir Vereinsverbände Seite an Seite, in unseren Zielen einig, streitbar in der Sache. Lagerdenken gibt es heute zum Glück nicht mehr.

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