Der Ort, an dem man am ehesten neue Kontakte knüpft, ist wahrscheinlich derjenige, an welchem man wenig anderes zu tun hat, als zu quatschen. Es geht um den Media Bus. In Los Angeles sind die Distanzen zwischen einzelnen Orten – zum Beispiel dem Media Center und dem Stadion – so weit auseinander, dass es Shuttles für all die Presseleute gibt. Auf den 30- bis 60-minütigen Busfahrten kommt man schnell ins Gespräch. Thema Nummer Eins ist natürlich der Sport. Nicht nur der Super Bowl, auch europäischer Fußball und die WM in Katar waren Diskussionsthemen.

Die Distanzen sind aber ein großes Problem. Am Freitag waren die einzigen Pressekonferenzen mit Spielern in Persona geplant. Die Stätten der Teams liegen allerdings fast eine Stunde Autofahrt auseinander, sodass die Zeit zwischen dem Ende der einen und dem Anfang der anderen Konferenz nicht ausreichen würde, die Journalisten mit dem Shuttle zu kutschieren. Anders formuliert: man musste sich entscheiden, ob man zu den Cincinnati Bengals oder zu den Los Angeles Rams gehen wollte. Das ausgelöste Unverständnis in diese Terminplanung wandelte sich dann aber flugs in „private Shuttleplanung“ um: Ein Journalist der "Baseler Zeitung", der dänischen "Gul klud" und der Kleinen Zeitung taten sich zusammen und bestellten sich ein gemeinsames Uber-Taxi, um an beiden Konferenzen teilnehmen zu können.

Starauflauf

Stars. Das ist der Moment, wenn Erwachsene zu Kindern werden. Wenn es Whatsapp-Gruppen gibt, und sich ein europäischer Journalist meldet, um darauf aufmerksam zu machen, dass ein NFL-Spieler hier oder dort sei und drei andere fast hinstürmen. Im Media Center, wo die Presse arbeitet und TV-Stationen ihre temporäre Heimat haben, tummeln sich jeden Tag Stars und Sternchen der NFL-Welt. Eine Aufzählung von (Ex-)Spielern oder TV-Experten, die bereits ihre Runden im Media Center gezogen haben:

  • TV-Stars und Ex-Spieler: Steve Mariucci, Cynthia Frelund, Michael Buffer, Hall of Famer Warren Moon, HOFer Michael Irvin, Pat McAfee, DeAngelo Hall, James Jones, Nate Burleson, Maurice Drew-Jones
  • Aktuelle Spieler: Justin Jefferson, Justin Herbert, Deebo Samuel, Dak Prescott, CeeDee Lamb, Jonathan Taylor, DeAndre Hopkins, Robert Woods, Travis Kelce, Austin Ekeler

Am Tag des Super Bowls finden sich dann auch die Musiker ein. Bevor man überhaupt ins Stadion geht, lauschen Fans den Chainsmokers bei der "Tailgate"-Party am Parkplatz. Beim Aufwärmen der Spieler im Stadion legt der DJ Zedd auf. Und dann gibt es natürlich die Halftime-Show, die mit einer gemeinsamen Anzahl von 46 Grammy-Auszeichnungen aufwarten können: Snoop Dog, Mary J. Blige, Kendrick Lamar, Eminem und Dr Dre.

Snoop Dog, Mary J. Blige, Dr. Dre, MJ Acosta, Nate Burleson (v. l.)
© Marco Tilli

Halftime-Show Pressekonferenz

Die größte Aufregung unter den Medien-Leuten war als die Pressekonferenz zur Halbzeitshow startete und Snoop Dog, Mary J. Blige sowie Dr Dre den Raum betraten. Reihe für Reihe stand auf und zückte das Handy oder die Kamera, um den ersten Blick auf die Hip-Hop-Stars zu ergattern (schlussendlich hatte man dann aber noch weitere 30 Minuten Zeit Blicke zu werfen). Auch der Co-Moderator Nate Burleson (seines Zeichen Ex-Spieler und CBS-Experte) bekannte sich: "Ich wird versuchen professionell zu bleiben, aber ich muss gestehen, ich bin ein großer Fan."

Dr. Dre, der auch die Fünfer-Gang für den Super Bowl zusammengerufen hat, war der professionelle Interviewer, während Snoop Dog hauptsächlich Spaß machte. Für beide ist aber eines besonders wichtig, mit der besten Halftime-Show zu zeigen, dass auch der Hip-Hop auf so eine große Bühne gehört, auch wenn es viele eigentlich nicht wahrhaben wollen. Mary J. Blige ergänzte: „Wir wollen inspirieren.“ In ihren und Snoop Dogs Augen legte bisher Michael Jackson die beste Performance hin, während für Dr Dre Prince der beste war. Am Ende wurden sie reihum gefragt, wie sie ihre Show mit einem Wort beschreiben würden. Snoop Dog musste beginnen und überlegte und überlegte: „Ich will das perfekte Wort finden!“ Dr Dre dauerte das zu lange und begann "Fucking Incredible" und erntete sofort Kritik von Snoop Dog, dass das ja zwei Wörter wären. Mary J. Blige stimmte Dr Dre mit einem "Yes excactly" einfach zu. Dann hatte Snoop Dog schließlich sein Wort: "Magnificio!"

Blick in den Broadcast-Raum des Media Centers
© Marco Tilli

Media Center

Laut Google öffnet das LA Convention Center, Heimat des Super Bowl Media Centers, um 8:00 Uhr seine Pforten. Drinnen herrscht allerdings schon Betrieb. Medienleute aus aller Welt, aber hauptsächlich aus allen Ecken Amerikas, bereiten sich auf den anstehenden Tag vor. Einige tauchen bereits um 7:00 Uhr auf. Im Erdgeschoss steht ein riesiger Saal allen TV-Stationen und Radios und Podcastern und Youtubern zur Verfügung. In der Mitte stehen Tische, an denen in jeder Größenordnung "kleiner" Medien ihre Mikrofone, Kameras und manchmal auch Hintergrundwände aufgebaut haben. Umrahmt werden sie von den großen US-Sendern und Shows, die schon Mini-TV-Studios mit Dutzenden Fernseher und auf der kleinen Bühne stehenden Tischen und Kulissen aufgebaut haben. Dahinter befinden sich jeweils die ganzen Techniker mit der Elektronik. Als Europäer, der die ganzen amerikanischen Experten nur vom Fernsehen oder Internet kennt, ist das bereits jetzt schon ein Promi-Auflauf. Im ersten Stock darüber finden sich zwei Pressekonferenz-Räume (Größe jeweils 531m²) und zwei Arbeitssäle (Größen: 323m² und 858m²) für alle anderen Journalisten und Reporter, die eigentlich nur Arbeitstische und Stühle beinhalten. Bereits ab 7:30 Uhr wird ein kleines Frühstücks-Buffet mit Obst, Kaffee, Joghurt, Haferporridge angeboten. Den ganzen Tag über gibt es Kaffee, Äpfel, Chips, Gatorade und Pepsi zur freien Entnahme, bis um 15 Uhr sogar noch ein kaltes Lunch-Buffet angeboten wird.

Will man sich die Füße mal vertreten, kann man in die Halle daneben stapfen. Diese ist dann allen zugänglich, dort befindet sich der riesige (und teure: z.B. 45 Dollar+ für ein T-Shirt) NFL Super Bowl Shop. Der nebenanliegende Gang ist gesäumt von den Chroniken aus jedem Jahr der NFL, Nachstellungen von besonderen Super Bowl Highlights und jedem einzelnen Super Bowl Ring auf große Aufsteller abgebildet. Eine Mittagspause alleine reicht nicht, um sich alles genau anzuschauen. Am Ende des Ganges befindet sich dann die sogenannte Super Bowl Experience, ein Mix aus Museum und Erlebniswelt in Football-Thematik.

Das SoFi-Stadion
© Marco Tilli

Das Stadion

Unter der Woche bietet die NFL neben der Vielzahl an Events und Pressekonferenzen auch einen Besuch ins SoFi Stadium an. Auch wenn es keine wirkliche Stadiontour ist, kommt man doch ganz an den Spielfeldrand runter und kann sich die Atmosphäre eines vollen Stadions vorstellen. Ist man im Stadion, fühlt man sich nicht wie in einem regulären Sportstadion. Es ist überdacht, aber hell; gigantisch, aber löst ein gewisses Wohnzimmer-Gefühl aus. Man fühlt sich willkommen. Ein dänischer Reporter fasste es perfekt zusammen: „Amerikas Kolosseum“. Unter dem Dach befindet sich eine ovale Videowall, die über ihren Namen eigentlich hinausgewachsen ist. Der „Infinity Screen“ ist ein doppelseitiges 4K HDR Videoboard mit 80.000.000 Pixel, ein 260-Lautsprecher Audio-System und 56 5G Antennen.

Viele ältere Football-Stätten in Amerika heißen "Bowl". Der Grund liegt darin, dass die Stadion Schüsselartig wirken. Beginnen die Tribünen im SoFi-Stadium noch einigermaßen flach, gehen die Oberränge steil nach oben. Harry-Potter-Fans können sich eine kleine Variante der Quidditch-Weltmeisterschaft vorstellen. Wenn man unten am Platz steht, fühlt man sich klein, aber doch groß. Von oben dringt der kalifornische Sonnenschein durch das helle Dach und bündelt sich auf das Feld, fast wie ein natürlicher Scheinwerfer. Obwohl das Stadion hoch ist, hat man das Gefühl jeden einzelnen Platz gut zu erkennen. Sieht man in der eigenen Vorstellung im inneren Auge auch die Fans, kribbelt es schon im Bauch. Es muss ein unfassbares Gefühl sein, in diesem Stadion ein wichtiges Play zu machen und das Stadion explodieren zu hören.