Gold bei OlympiaAnna Kiesenhofer nach Sensation: "Ich bin einfach drauflos gefahren"

Anna Kiesenhofer hat für die wohl größte Sensation im heimischen Radsport gesorgt. Die 30-Jährige hat sich mit einem Husarenritt die Goldmedaille im Straßenrennen der Damen geholt. Silber für Annemiek van Vleuten, Bronze für Elisa Longo Borghini.

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OLYMPISCHE SOMMERSPIELE TOKIO 2020: STRASSENRENNEN FRAUEN KIESENHOFER (AUT) GEWINNT GOLD
Anna Kiesenhofer gelingt die Topsensation © APA/AFP/GREG BAKER
 

Die Medaille war eine taktische Meisterleistung von Anna Kiesenhofer gepaart mit großartigen fahrerischen Qualitäten. Schon bei Kilometer Null setzte die einzige heimische Dame im Peloton eine Attacke und fuhr mit der Fluchtgruppe bis zu zehn Minuten Vorsprung heraus. Im Feld der großen Favoritinnen wurden die Qualitäten der Fahrerin von Cookina Graz unterschätzt und vorne zollten einige Wegbegleiterinnen dem Tempo Tribut.

Zufallsprodukt war das ganze sicher nicht. "Wenn sich Anna etwas in den Kopf setzt, dann zieht sie das durch", sagt ihre Teamkollegin Sarah Bärnthaler, "und wenn sie etwas macht, dann ist das stets durchdacht und sie überlässt nichts dem Zufall." Als Mathematikerin verdient sich die gebürtige Niederösterreicherin mittlerweile ihr Geld an der Universität von Lausanne und hatte mit ihrer Rad-Karriere schon beinahe abgeschlossen. Die sportliche Konzentration galt in den vergangenen Jahren mehr dem Zeitfahren und  Bergrennen. Ein Jahr versuchte sie sich als Berufsradfahrerin. Im Jahr 2017 hatte sie einen Vertrag bei der belgischen Equipe Lotto Soudal Ladies.

So war auch die Attacke auf dem letzten brutalen Anstieg des Kagosaka-Passes ein toller Kniff. Damit zerlegte sie ihre polnische und israelische Kolleginnen Anna Plichta und Omer Shapira und war von da an solo unterwegs. In der Abfahrt und dem kupierten Gelände des Finales konnte sie ihre Qualitäten als Zeitfahrerin perfekt ausspielen und hielt die Gruppe der Profis auf Abstand. Am Ende durfte sie ihren Erfolg auf der Zielgeraden des Fuji Speedways auch auskosten – der Vorsprung auf die herannahenden Stars war noch groß genug. Am Ende distanzierte sie Annemiek van Vleuten um mehr als eine Minute. Die Niederländerin dachte bei der Zieleinfahrt noch, das Rennen gewonnen zu haben. Bronze ging an die Italienerin Elisa Longo Borghini.

Kiesenhofer konnte ihren Sieg auch nach der Siegerehrung nicht fassen: "Es fühlt sich unglaublich an. Ich konnte es nicht glauben. Selbst als ich die Ziellinie überquert habe, habe ich mir gedacht: Ist es wirklich aus? Muss ich noch weiterfahren? Ich hatte die Attacke bei Kilometer null geplant und war froh, in Führung gehen zu können. Davon konnte ich nicht ausgehen, da ich nicht gut darin bin, im Peloton zu fahren. Ich war froh, dass ich nicht zu nervös war, bin einfach drauflos gefahren. In der Ausreißergruppe haben wir mehr oder weniger zusammengearbeitet - das war hilfreich. Ich habe gemerkt, dass ich am stärksten in der Gruppe war, und wusste, ich habe den Anstieg vor der langen Abfahrt. Ich bin ziemlich gut bei Abfahrten, dann war es wie ein Zeitfahren bis ins Ziel."

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Gold für Österreich in Tokio: Anna Kiesenhofers Sensationsfahrt in Bildern

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Somit gelang Kiesenhofer, die mit Lob und Glückwünschen überschüttet wird, was Christiane Soeder-Richter bei den Spielen 2008 um Haaresbreite nicht geschafft hat. Die ehemalige Rennfahrerin aus Graz musste sich mit Blech zufriedengeben. Vier Sekunden fehlten ihr damals auf das Podest.

Anna Kiesenhofer

  • Geboren: 14. Februar 1991
  • Wohnort: Niederkreuzstetten in Niederösterreich und Lausanne in der Schweiz
  • Größe/Gewicht: 1,67 m/55 kg
  • Team: Cookina Graz
  • Siege: 5
  • Größte Erfolge: Olympia-Gold Straßenrennen 2021 in Tokio; Etappensieg Ardeche-Rundfahrt 2016; Staatsmeisterin Straße 2019 und Zeitfahren 2019/20/21; EM-Fünfte Einzelzeitfahren 2019; WM-18. Einzelzeitfahren 2020; Gesamt-Zweite Ardeche-Rundfahrt 2016; Gesamt-Dritte Ardeche-Rundfahrt 2020

Für Österreich war es die zweite Goldmedaille im Radsport bei den Olympischen Spielen. 1896 siegte Adolf Schmal auf der Bahn. Damals holte er auch noch zwei Bronzene auf den Holzleisten. Eine zweite Medaille bei diesen Spielen ist für Kiesenhofer allerdings nicht möglich. Im Zeitfahren hat sie keinen Startplatz. Das ÖOC jubelte erstmals seit den Spielen 2004 in Athen wieder über Gold bei Sommerspielen. Damals waren zuletzt die Tornado-Segler Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher erfolgreich, drei Tage zuvor hatte Triathletin Kate Allen Gold geholt.

Kommentare (16)
Politisch_Unkorrekter
0
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In der Formel 1 nennt man sowas einen

Start - Ziel - Sieg.

aToluna
0
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Kuriosum

Mit 1:15 Minuten Rückstand kam Annemiek van Vleuten aus dem hoch favorisierten niederländischen Team ins Ziel und jubelte fast ebenso ausgelassen wie die neue Olympiasiegerin. Die Ex-Weltmeisterin ging davon aus, Nachfolgerin ihrer Landsfrau Anna van der Breggen zu sein, die in Rio 2016 Gold im Straßenrennen gewonnen hatte. Offensichtlich hatten die Favoritinnen die enteilte Kiesenhofer nicht mehr auf der Rechnung, was auch erklärt, warum die Niederländerinnen erst spät das Tempo anzogen. Man hat schlichtweg auf Kiesenhofer vergessen.

Stony8762
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Gratulation! Das kann für das ganze österreichische Team einen Ruck bedeuten!

dribblanski
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welch schöne Geschichten doch Olympia schreiben kann!

es fehlen für diese Leistung einfach die Worte über den Superlativen !!!

Reipsi
3
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Super, danke für

diese Leistung für Österreich, 5 Sterne !!!!!

dieRealität2020
0
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Achtung und Respekt vor dieser Leistung. WOW 1 Minute Vorsrpung.

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Ihr antreten und der letzte Kilometer hat mich an Eddy Merckx Ende der 60er Jahre erinnert. Wie eine Maschine. Unglaublich diese Trittsicherheit. Am Ende distanzierte sie Annemiek van Vleuten um mehr als eine Minute. Die Niederländerin dachte bei der Zieleinfahrt noch, das Rennen gewonnen zu haben.
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Während Anna Kiesenhofer nach ihrem Sensationssieg auf dem Boden des Fuji Speedways lag und nach Luft rang, fuhr ihre erste Verfolgerin über die Ziellinie und riss die Arme in die Höhe.
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"Wir dachten, wir machen alles richtig. Wir haben die Polin und die Israelin eingeholt und dachten, wir würden um die Goldmedaille fahren. Ich denke nicht, dass wir sie (Kiesenhofer, Anm.) unterschätzt haben. Ich kenne sie nicht. Was kann man falsch einschätzen, wenn man jemanden nicht kennt."
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Eine Goldmedaille ist also schon eingesackt.

wollanig
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Sensationell!

Gott sei Dank hab ich zufällig den Fernseher eingeschaltet.

seinerwe
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Ganz, ganz tolle

taktische und körperliche Meisterleistung.
Da sieht mann, dass bei strengen Dopingkontrollen jetzt auch ehrliche Sportler eine Chance haben.

MuskeTiere4
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Genau! Und im Gegensatz zur Artikelüberschrift

hatte Anna Kieshofer einen taktischen Plan vorab, wie es sich für eine Mathematikerin gehört 😏. Und die Frage muss offen bleiben, ob die Niederländerinnen, die spät und routiniert die Co-Ausreißerinnen aus Polen und Israel 4 km vorm Ziel noch eingeholt haben auch Anna Kieshofer, die ja den beiden 40 km vor dem Ziel davongefahren war, noch gekriegt hätten. Oder, ob der gemeinschaftlichen Fehlleistung im Team NL auf Anna Kieshofer zu vergessen, nicht auch auf eine allgemeine größere Erschöpfung zurück zu führen war, als die bei der Olympiasiegerin! So oder so: Herzliche Gratulation 🥂, super tolle Meisterleistung!

plolin
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Wahnsinn !!

Sensationell!
Herzlichen Glückwunsch!
Chapeau!

ronny999
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Supercool 💪💪💪

eine Amateurin wird zwischen all den Profis Olympiasiegerin und beweist, dass es offensichtlich auch hochintelligente Spitzensportler gibt.

levis555
36
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Hoffentlich fragen sie die vom ORF nicht, was

das für den Gesamtweltcup bedeutet…

aToluna
30
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?????

Von Bläulingen kann man nichts anders erwarten. Oder ein wenig eingeraucht.

levis555
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Tschapperl…

:-)

leserderzeiten
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👏

Unglaubliche Leistung, von km 0 an, war sie an der Spitze.
👏

SoundofThunder
0
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Congrats!

🔝 Leistung! 🥇🚴‍♂️. Das ist eine Überraschung! 🤩