Fünfmal täglich ertönt in Katar der Aufruf zum Gebet. Verstärkt durch Lautsprecher sind die Worte des Muezzins überall in der Umgebung der mehr als 2000 Moscheen im Land zu hören. Der sogenannte „Call to Prayer“ unterbricht auch Radiosendungen oder die Hintergrundmusik in Einkaufszentren. Die Staatsreligion Katars ist der Islam, der Großteil der Gläubigen sind sunnitische Wahhabiten. Das Land ist zwar kein islamischer Gottesstaat wie der Iran, in dem Kleriker Teil des Staatsapparats sind, aber die Katari sind sehr religiös. Das spiegelt sich stark im Alltag wider.

Zum Freitagsgebet, dem wichtigsten Gebet der Woche, bleiben alle Geschäfte, Restaurants und Freizeiteinrichtungen geschlossen, was dafür sorgt, dass Doha am Vormittag fast einer Geisterstadt gleicht. Erst nachdem die Predigt des Imams und das gemeinschaftliche Gebet in der Moschee beendet sind, nimmt das Leben um die Mittagszeit herum wieder Fahrt auf. Die Möglichkeit zu beten gibt es natürlich nicht nur in Moscheen. In öffentlichen Gebäuden, Einkaufszentren und vielen Unternehmen gibt es nach Geschlechtern getrennte Gebetsräume für Männer und Frauen.

Das Gebet, das zu den wichtigsten Riten des Islam gehört, hat auch großen Einfluss auf die Organisation von Veranstaltungen. So sind Fußballspiele oft so angesetzt, dass die Halbzeitpause genau in die Gebetszeit fällt. Muslimische Spieler, Trainer und Betreuer rollen dann vor der Umkleidekabine ihre Gebetsteppiche aus und beten gemeinsam Richtung Mekka.

Das Versammlungsverbot traf die gläubige muslimische Bevölkerung besonders am Anfang der Coronapandemie 2020 hart. Nachdem die Moscheen geschlossen werden mussten, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren, beteten Gläubige mitunter trotzdem gemeinsam vor der Moschee, was aber von der Polizei schnell wieder aufgelöst wurde. Daraufhin wichen einige für das gemeinschaftliche Gebet auf die Dächer von Hochhäusern aus. Mithilfe von Drohnen, die neben ihrer „Kontrollfunktion“ bald den Betenden in verschiedenen Sprachen die Coronaregeln erklärten, bekam der Staat dieses Problem schnell in den Griff.

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Der Parkplatz zur "Religious City" außerhhalb Dohas
© imago images/Joerg Boethling

Der Verkauf von Alkohol und Schweinefleischprodukten ist in Katar streng reglementiert. Ein Geschäft namens „Qatar Distribution Center“ (QDC), das sich versteckt in Abu Hamour, einem Randbezirk Dohas, befindet, war bis zur Eröffnung einer Zweigstelle in West Bay im Oktober 2022 lange Zeit der einzige Ort im ganzen Land, wo diese im Islam verbotenen Waren erhältlich waren. Und das nicht für alle: Nur Nicht-Golf-Staatsbürger, die Katar als ständigen Wohnsitz haben, älter als 21 Jahre sind und ein Grundeinkommen von mindestens 3000 Riyal (ca. 800 Euro) nachweisen können, dürfen einkaufen. Dazu brauchen sie die ausdrückliche schriftliche Erlaubnis ihres „Sponsors“ (dem Arbeitgeber, Anm.), um eine QDC-Bewilligung beantragen zu dürfen.

Abhängig vom Gehalt und anderen Faktoren wird für jeden eine individuelle Quote festgelegt, wie viel Geld man pro Monat für den Erwerb von Alkohol ausgeben darf. Der Erwerb von Schweinefleisch ist gänzlich auf Nicht-Muslime beschränkt. Da Alkohol nicht in der Öffentlichkeit gezeigt werden soll, werden die Einkäufe sorgfältig in schwarzen Plastiktüten versteckt. Aus Respekt vor der muslimischen Kollegenschaft wird unter „Expats“, wie Fachkräfte aus dem Ausland genannt werden, nicht offen über Trips zum QDC gesprochen. Vielmehr entwickelten sich für das besondere Kaufhaus Spitznamen wie „Washington“ als Deckname für gemeinsame Einkaufstouren.

Doch nicht nur der Erwerb von Alkohol und Schweinefleisch führt nach Abu Hamour. Einige Kilometer weiter außerhalb der Stadtgrenze Dohas erhebt sich in der Wüste ein Areal, das auf den ersten Blick eine Kaserne vermuten lässt. Tatsächlich befindet sich hinter den hohen Mauern und dem Security-Checkpoint aber der „Religious Complex“ – das Zentrum des Christentums in Katar. 2010 lebten in Katar rund 250.000 Christen, die meisten von ihnen stammen aus ostasiatischen Ländern wie den Philippinen oder Indien.

Aber auch Expats aus Afrika, Europa oder Südamerika sind bei den Messen in der „Catholic Church of Our Lady of the Rosary“, die mit einer Spende von 20 Millionen US-Dollar des ehemaligen Emirs, Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani, errichtet wurde, stark vertreten. Seit 2008 bietet die Kirche Tausenden Gläubigen einen Ort der Begegnung.

Aufgrund der sehr diversen Gemeinde werden täglich mehrere Gottesdienste in unterschiedlichen Sprachen – von Tagalog, Arabisch, Koreanisch, Englisch bis hin zu Urdu – angeboten. Neben der katholischen Kirche befinden sich in diesem abgesperrten Komplex auch eine anglikanische, eine griechisch-orthodoxe, eine ägyptisch-koptische, eine syrisch-orthodoxe und eine libanesisch-maronitische Kirche. Ein Kreuzzeichen sucht man übrigens auf den Gebäuden vergeblich.

Auch abseits der „Religious City“ gibt es christliche Messen in Privatvillen – oftmals mit dem Hinweis durch die Organisatorinnen bzw. Organisatoren, etwas entfernt vom Treffpunkt zu parken – schließlich wolle man nicht unnötig die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft auf sich ziehen.

Christliche Hochfeste wie Ostern oder Weihnachten sind in Katar gesetzlich zwar nicht frei, allerdings nehmen Arbeitgebende mitunter Rücksicht auf ihre internationale Belegschaft, indem sie anbieten, an solchen Tagen „Casual Leave“ in Anspruch nehmen zu dürfen – quasi Sonderurlaub, der keine Auswirkung auf den regulären Urlaubsanspruch hat. Zu Weihnachten kann man in internationalen Bäckereien und Kaufhausketten auch Kekse und Weihnachtsschmuck kaufen, das schwedische Möbelhaus hat die traditionellen Christbäume aus Plastik im Sortiment. Die großen Einkaufszentren bieten „saisonale Angebote“ (Season Sale, Anm.) – das Wort „Weihnachten“ wird allerdings bewusst vermieden.

In den großen internationalen Hotels ist alles anders: Hier findet man gigantische, prächtig geschmückte Christbäume, kann ein Weihnachtsfestessen für die ganze Familie buchen oder sich gar einen Glühwein genehmigen – während von draußen der Ruf des Muezzins zum Gebet erschallt.