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Im Freien ist ein Mund-Nasen-Schutz nutzlos, für Kinder unverhältnismäßig. Eine Maskenpflicht im öffentlichen Raum muss auch immer im Kontext des Infektionsgeschehens beurteilt werden. Martin Sprenger, Arzt und Public-Health-Experte

In einer Pandemie gibt es drei wesentliche Strategien: die Eindämmungs-, Schutz- und Folgenminderungsstrategie.

Teil dieser Strategien sind unterschiedliche wissensbasierte Maßnahmen, bei denen eindeutig belegt sein muss, dass die erwünschte Wirkung größer ist als die unerwünschte Nebenwirkung. Eine weltweit eingesetzte Maßnahme ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS).

Eigentlich würde man meinen, dass es dazu klare evidenzbasierte Empfehlungen gibt, von wem, warum, in welchem Kontext, welcher MNS getragen werden sollte. Das Gegenteil ist der Fall. In ganz Skandinavien wurde ein MNS lange nur empfohlen und eine Maskenpflicht gab es nur kurzzeitig oder auf den öffentlichen Verkehr beschränkt. Schulen blieben in Skandinavien maskenfrei. In Italien und Spanien hingegen gab es lange eine Maskenpflicht im Freien, sogar am Strand. Deutschland und Österreich wiederum verpflichteten ihre Bevölkerungen zum Tragen von FFP2-Masken, auch in den Schulen.

Wie kommt es zu so extrem divergierenden Sichtweisen und Empfehlungen? Die Antwort ist zweischneidig: Erstens ist die Wissensbasis zur Wirksamkeit eines MNS im öffentlichen Raum widersprüchlich und zweitens wurden „Masken“ zum Symbol eines politisierten Erkrankungsgeschehens, Teil eines Glaubenskrieges.

Soll also Österreich die Maskenpflicht im öffentlichen Raum aufheben?

Maske im Freien nutzlos

Ich meine Ja. Abgesehen davon, dass ein MNS im Freien nutzlos und ein MNS für Kinder unverhältnismäßig ist, muss eine Maskenpflicht auch immer im Kontext des Infektionsgeschehens beurteilt werden.

Die dänische Gesundheitsbehörde hat kürzlich eine umfassende Stellungnahme zu „Masken“ im öffentlichen Raum verfasst.

Darin werden auch Kontraargumente angeführt. Unter anderem das Risiko einer Kontaktinfektion bei unsachgemäßer Verwendung, aber auch Symptome wie Kopfschmerzen, Atemprobleme und allergische Hautreaktionen bei zu langer Verwendung, mögliche Kommunikationsprobleme und der entstehende Müll. Die dänische Gesundheitsbehörde hat auch berechnet, wie viele Personen eine Woche lang einen MNS tragen müssen, um eine Infektion zu verhindern. Das Ergebnis: Bei zehn positiv getesteten Fällen pro 100.000 Einwohnern sind das weit über hunderttausend Personen. Dänemark hat deshalb und auch aufgrund der hohen Immunisierungsrate die Maskenpflicht mit 14. Juni beendet. Sie gilt nur noch für stehende Passagiere in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Zur Person

Martin Sprenger ist Arzt und Public-Health-
Experte. Im Frühjahr 2020 war er kurzfristig Mitglied der Coronavirus-Taskforce des Gesundheitsministeriums

©KK/Privat

Kontra

Überall dort, wo wir ohne Gewissheit in geschlossenen Räumen vielen Menschen begegnen, sollten wir die Maske weiter aufsetzen. Ein kleiner Handgriff mit großer Wirkung, solange die Pandemie noch nicht vorbei ist. Katharina Reich, Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium

Einfache Maßnahmen zeigen im Leben oft ganz große Wirkung. Der Topflappen, der uns vor Verbrennungen bewahrt, die Sonnencreme, die uns vor dem Sonnenbrand schützt, oder der Regenschirm, der uns während eines Gewitters trocken hält. Oft ist es ein kleiner Handgriff, der uns weiterhilft und uns vor unangenehmen Folgen bewahrt. Ein weiteres dieser kleinen Werkzeuge haben wir in den letzten Monaten nur zu gut kennengelernt.

Die Masken sind seit Beginn der Corona-Pandemie zu unserem täglichen Begleiter geworden. Zuerst der Mund-Nasen-Schutz, danach die FFP2-Maske. Mittlerweile sind sie aus unserem Leben kaum mehr wegzudenken und sind weltweit zu einem Symbol der Pandemiebekämpfung geworden.

Sie schützen unsere Mitmenschen und uns vor Ansteckung und den unangenehmen Folgen einer Corona-Infektion. Gerade dort, wo wir nicht im Überblick haben, ob alle Menschen um uns herum getestet, geimpft oder genesen sind und uns somit potenziell anstecken könnten, geben sie uns im Alltag Sicherheit. Sie haben neben den Impfungen und Testungen auch dazu geführt, dass die Infektionszahlen in den letzten Wochen und Monaten deutlich zurückgegangen sind. So konnten wir bereits große Schritte zurück zur gewohnten Normalität machen. Doch ganz haben wir die Pandemie noch nicht besiegt.

Delta-Variante als Gefahr

Weltweit hatten viele Menschen noch immer nicht die Möglichkeit, sich impfen zu lassen, und die besonders ansteckende Delta-Variante ist in vielen Ländern auf dem Vormarsch. In Österreich sind wir derzeit auf einer Art Insel der Seligen, während aus Russland und Südafrika erneut Rekordinfektionszahlen gemeldet werden. Dennoch ist die Sehnsucht in Europa nach weiteren Öffnungen groß, was nach 16 Monaten Pandemie mehr als verständlich ist. Der Vorteil heute ist, dass wir dank des 3-G-Nachweises bzw. des Grünen Passes diese Öffnungsschritte auch gemeinsam gehen können. So haben wir sichere Rahmenbedingungen geschaffen und können dabei die Kontrolle bewahren.

Doch überall haben wir diese Gewissheit und Kontrolle nicht. Im öffentlichen Verkehr oder beim Einkaufen etwa, überall dort, wo wir ohne Gewissheit in geschlossenen Räumen vielen Menschen begegnen, sollten wir die Maske daher unbedingt beibehalten und sie auch weiter aufsetzen. Ein kleiner, einfacher Handgriff mit großer Wirkung, der nicht nur uns, sondern vor allem auch unsere Mitmenschen und Lieben schützt. Bewahren wir uns die Maske also noch ein Weilchen, solange die Pandemie noch nicht vorbei ist – zu unserem gemeinsamen Wohl!

Zur Person

Katharina Reich ist seit Dezember 2020 Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium. Davor war sie stellvertretende ärztliche Direktorin der Klinik Hietzing in Wien

©APA/Helmut Fohringer