MeinungSchon wieder ein Bildungsminister, der den Retourgang einlegt

Die Reform der Reform der Reform: Es geht wieder zwei Schritte zurück bevor ein Schritt nach vorne getan wird. Auch Heinz Faßmann, laut eigenen Worten ein Bildungsminister ohne Ideologie, kann sich nicht vom Zwang befreien, die Spuren der Vorgänger zu löschen. Ein Kommentar.

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Child dough play in school. Plasticine for children.
Gute Lehrer bringen Kinder weiter, unabhängig davon welche Vorschriftenund Ideologien sie behindern © Gennadiy Poznyakov - stock.adobe
 

Eine Sache hat Bildungsminister Heinz Faßmann repariert - wenn auch nicht so, wie von den Reformkräften unter den Lehrerinnen und Lehrern erwartet: Eine Rückkehr zu Schulnoten bei gleichzeitiger Beibehaltung der Anfangsphase, die vorsah, dass die ersten beiden Volksschulklassen im Zuge von maximal drei Jahren absolviert werden könnten, wäre widersinnig gewesen. Noten bedeuten eine abschließende Beurteilung - diese ist derzeit nach zwei Jahren eben noch nicht möglich.

Diese Möglichkeit, die Anfangs-Schulzeit zu verlängern, war als Ersatz für das Vorschuljahr eingeführt worden, als dieses abgeschafft wurde. Nun wird die Eingangsphase wieder abgeschafft. Was mit Kindern passiert, die mit sechs Jahren noch nicht schulreif sind, bleibt im Dunklen.

Es soll jetzt "bundesweit einheitliche Kriterien" geben, nach denen die Schulreife beurteilt und auf Basis derer Förderbedarf festgestellt werden wird. Fördern ist immer gut, aber mit dieser Reform der Reform der Reform wird endgültig die Möglichkeit abgeschafft, Kindern die noch nicht schulreif sind, ein Jahr Aufschub zu gewähren.

Will man damit Eltern entgegenkommen, die, getrieben vom eigenen Ehrgeiz,  Angst haben, dass ihr Kind ein Jahr zu spät in die neu beschworene  "Leistungsgesellschaft" eintritt? Die im September geborene Autorin dieser Zeilen hatte weiland noch die Möglichkeit, erst mit sieben Jahren in die Schule gehen zu dürfen. Es hat ihr nicht geschadet.

Die Reformkräfte unter den Bildungsexperten treten für die verbale Beurteilung ein - nicht nur in der Volksschule sondern weit darüber hinaus. Weil diese eine echte Rückmeldung über den Lernstand, vor allem aber auch darüber, was die Kinder noch nicht können, erlaubt. Erst vor ganz kurzem, und nach vielen, vielen Jahren der Erprobung, war diese verbale Beurteilung ins Gesetz eingeflossen.

Jetzt wird auch diese pädagogische Entwicklung wieder umgedreht. Die Kinder und Jugendlichen bekommen keine aktive, verständliche Rückmeldung über ihren Wissens- und Leistungsstand, sondern die Ziffern beruhen auf "Bewertungsrastern", an denen sich die Lehrerinnen und Lehrer orientieren sollen.  Der Transparenz aus "Kundensicht" ist das eher ab- als zuträglich. Dass es verpflichtende Eltern-SchülerInnen-Gespräche geben soll ist gut, aber das eine schließt das andere nicht aus.

Was ärgert, ist nicht das Detail. Gute Lehrer werden Kinder in jeder Schule weiterbringen, unabhängig von den bürokratischen Regeln, die sich Beamte und Politiker ausdenken. Und gute Lehrer werden ihren Schülern auch brauchbare Rückmeldungen geben.

Was nervt ist aber, dass die Schule das ideologische Schlachtfeld jeder Regierung ist,  dass jeder Bildungsminister nichts Besseres zu tun hat, als im ersten Schritt zunächst einmal die vermeintlichen Schandtaten seines Vorgängers rückgängig zu machen.

Es ist eine Schlacht, die auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Und dass sich nicht einmal der aktuelle Bildungsminister, der im Gespräch mit der Kleinen Zeitung einmal von sich gesagt hat, er habe keine ideologische Agenda, davon befreien kann, spricht Bände.

Faßmann hat sich auf seine Fahnen geschrieben, keine neuen Reformen auszurufen, sondern die begonnenen zu einem guten Ende zu bringen. Dass er damit zum Teil buchstäblich deren Ende meint, überrascht.

 

Kommentare (15)
6ENFD31PYAP5G79W
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Frau Gigler liegt falsch

denn alle Systeme vorher, wie A/B-Klassenzug und dann die Leistungsgruppen, waren um Längen besser als das dann folgende Theater mit den Neuen Mittelschulen. Frau Gigler, wollen sie weiterhin alle Kinder über einen Kamm scheren? Das Niveau weiter sinken lassen? Leistungsfähigere Kinder sich langweilen lassen damit weniger gute Schüler (wird es immer geben) auch leicht durchkommen können? Ihre Kinder gehen sicher in eine Privatschule, meinen Enkeln hätte ich gerne diese Problem-Neue Mittelschule erspart. Am Arsch der Welt gibt es halt keine Privatschule und keine Unterstufe. Daher ist eine leistungsfähige (Neue)Mittelschule notwendiger denn je. Die Bildungsexperten der letzten Jahre haben rundum versagt. Daher ist gut, dass Faßmann das Lenkrad herumreißt.

ww100
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Nein!

Sehr geehrter Frau Gigler,

so leid es mir tut, aber ich kann ihrem Artikel nicht zustimmen.

Wer schulpflichtige Kinder hat und evtl. beruflich in einer Position ist die es erfordert Arbeitskräfte einzustellen wird mir vielleicht zustimmen dass in den letzten Jahren vermehrt Menschen die Pflichtschule abgeschlossen haben wo es offensichtlich ist dass die Pädagogen ihr Ziel weit verfehlt haben.

Interessant sind die Argumente zur verbalen Beurteilung welche eben in kein Raster fällt. Und jedes Jahr im Mai/Juni/Juli gibts dann die Konterberichterstattung wie unfair doch die Zentralmatura ist.

Ja diese ist auch eine Bewertung nach einem Raster, aber sie hilft uns, den Menschen da draußen die junge Menschen aufgrund ihrer Bildung einstellen möchten, dabei diese richtig einzuschätzen. Ein gewisses Bild ergibt sich natürlich erst nach einer Zeit, aber für ein erstes Screening sind Noten gut.

Die Generation Y hat einfach das Problem dass sie für jeden Schmarrn nur Lob kassiert, auch wenns noch so ein Müll ist. Es folgt "Super gemacht", "Toll", "Weiter so". Der junge Mensch kann dabei ja nichts lernen, weil er nie eine Konsequenz erfahren musste. Plagen dürfen wir uns mit diesen Leuten dann in der Industrie, wo sie weltfremd das erste Mail auf die Realität treffen.

Bewohnerin2
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Das kann ich zu 100% unterschreiben.. So ist die Realität.. Auch in unserem Betrieb bewerben sich junge Leute die nach den ersten Tests die Katastrophe offensichtlich machen... Teilweise ist der allgemeine Wissensstand auf Niveau eines Viertklasslers stehengeblieben..

Und angegebene gute Computerkenntnisse entpuppen sich dann als nicht vorhanden bzw. gehen über ein ein-und ausschalten nicht hinaus..

illyespresso
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WMan sollte unterscheiden

zwischen Pflichtschule und weiterführender Schule. Ob Noten aussagekräftig sind und dazu geeignet, die Menschen besser auszubilden wage ich zu bezweifeln. Da große Problem ist eher in den höheren Schulen, es gibt keinerlei Aussortierungsmöglichkeit, jeder wird zu tode geschult, wenn man ihn nur lässt, keine Selektion etc. Wenn bis zur 7 Oberstufe irgendwie durchgehalten hast, dann kommst schon irgendwie weiter und LehrerInnen, die härter durchgreifen werden vom System alleinegelassen und haben keinerlei Rückhalt.
Ob Noten in der 2. Volksschule den gewünschten erfolg bringen, wage ich zu bezweifeln, aber dafür müssen die Eltern nicht mehr nachdenken, was ihr kind den kann oder nicht, oder gar eine verbale Beurteilung lesen, verstehen und Gott hilf, vielleicht sogar interpretieren - da sind die 5 Noten die es gibt schon weitaus bequemer.

arrigo
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Das Vorschuljahr

... wurde bisher noch nicht abgeschafft!

Bewohnerin2
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Gott sei Dank...

Denn was zur Zeit in die Arbeitswelt entlassen wird, entbehrt jeglicher Kritik... Die Wirtschaft darf nun wieder hoffen... Ein wertvoller Ansatz!!

4VYNX08ACGY2G8LP
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sowas kommt heraus wenn konservative mit Ewiggestrigen

koalieren.

carpe diem
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Ganz offensichtlich geht es nicht um Kinder und Jugendliche, sondern um politisches Kleingeld.

Wir brauchen eine MODERNE Schule mit Visionen für die Zukunft. Würde man nicht Banken retten, sondern das Geld in Schulen und Bildung stecken, hätten wir kein Bildungsproblem. Ziffernnoten werden uns nicht retten, Herr Faßmann, Herr Kurz und Herr Strache auch nicht. Aber Kurz von hinten gelesen heißt bezeichnenderweise "zruk" ...

Lodengrün
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Leider

es geht nicht um Kinder, Sie, ihn oder mich, es geht darum die eigenen Prozente hoch zu halten und da ist jedes Mittel und sei es der größte Schwachsinn recht. Das „Paket“ für nächste Woche liegt in der Lade und die Abteilung feilt schon am Pressetext.

Lamax2
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Hr Faßmann...

...legt nicht den Retourgang ein, sondern zieht die Notbremse.

aral66
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Wenn ein Schritt zurück

die Notbremse sein soll?, dann ja...

Lamax2
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aral

Es ist kein Schritt zurück, sondern ein kleiner vorwärts in Richtung einer guten Schule und weg von einer gleichmacherischen Serviceeinrichtung .

tagebuch
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"aral"

Kann mich nur anschließen...

aral66
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Das ist

Ihre Sicht der Dinge, ist ja ok, ich finde es aber sehr rückschrittlich!

scionescio
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Wieder ein gewohnt guter „Gigler Kommentar“ ...

... ich dachte, dass Faßmann etwas Niveau in die Regierung bringt und hatte bis dato eigentlich eine gute Meinung von ihm - und bin jetzt leider enttäuscht!