Ein AppellZum Nationalfeiertag: Gabalier, Proll und die Frauen

Warum es nicht egal ist, wie Popstars, Bühnengrößen und Spitzenpolitiker auf den Umgang mit Frauen reagieren und was wir uns zum Nationalfeiertag wünschen.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
'ROMY-GALA 2017': NINA PROLL
Nina Proll © APA/HERBERT NEUBAUER
 

Sexuelle Übergriffe gegenüber Frauen: In periodischen Abständen erreichen Wellen der Empörung über Einzelereignisse die Öffentlichkeit, die sich über die sozialen Medien zu Tsunamis steigern.

Die sexuellen Avancen zu später Stunde des FDP-Politikers Rainer Brüderle gegenüber einer Journalistin, die Anfang 2013 unter dem Hashtag #Aufschrei tausende Frauen dazu veranlasste, ihre eigenen Erfahrungen von Bedrängung im beruflichen Umfeld sichtbar zu machen.

Die Silvesternacht von Köln, zum Jahreswechsel 2015/2016, die eine neue Form von männlicher Gewalt im öffentlichen Raum sichtbar machte, der sich Frauen schutzlos ausgesetzt sahen und die - einmal mehr  - Kämpferinnen wie Alice Schwarzer auf die Barrikaden trieb.

Der anzügliche Umgang von Donald Trump mit Schönheiten im Showbusiness, Trump, der 2017 inzwischen zum US-Präsidenten aufgestiegen ist und dem auch viele Frauen ihre Stimme gegeben haben, weil ihre eigenen Männer "eh auch so sind".

Die aktuell zum Thema gewordenen sexuellen Übergriffe im EU-Parlament, die transparent machen, dass Männer auch in hohen und höchsten Rängen von Politik und Gesellschaft die berufliche Existenz von Frauen davon abhängig machen, ob sie ihnen zu Willen sind.

Und zuletzt die US-Schauspielerin Alyssa Milano, die sichtbar machte, dass sie und viele ihrer Kolleginnen nur dann zum Zug kommen, wenn sie die sexuellen Erwartungen von Regisseuren und Produzenten befriedigen, was zahlreiche Berufskolleginnen in aller Welt dazu veranlasste, unter dem Hashtag #MeToo ähnliche Erfahrungen publik zu machen.

In Österreich hat Johanna Dohnal ab 1979 als Frauenstaatssekretärin und ab 1990 als Frauenministerin versucht, ein modernes Frauenbild zu etablieren und auch selbst zu leben, bevor sie von Kanzler Franz Vranitzky 1995 in die Wüste geschickt wurde.

Frauenministerin Helga Konrad beging den Fehler, das, was Dohnal erkämpft hatte, schon für gesellschaftliche Realität zu halten und ging glorreich mit ihrer mutigen Kampagne "Ganze Männer machen halbe - halbe" unter.

Unter Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek gelang es dann 2012, im Zusammenwirken mit den Frauen anderer Parteien, allen voran Maria Rauch-Kallat (ÖVP), den Text der Bundeshymne zu verweiblichen: Seitdem wird - auch am Nationalfeiertag - die "Heimat großer Töchter und Söhne" besungen, und aus den "Bruderchören" wurden "Jubelchöre".

Nicht für alle: Schlagerstar Andreas Gabalier tat sich zwei Jahre später dadurch hervor, dass er reuelos auf den neuen Text verzichtete und nur die Männer besang. Erst heuer im Sommer, während der Frauenfußball-EM in den Niederlanden, als die Perfomance des österreichischen Damenteams geschlechterübergreifend die Fans begeisterte, rang er sich zur Läuterung durch: Er stellte ein bei einer Autofahrt aufgenommenes Selfie-Video online: "Heimat seids ihr großer Töchter. Des muss man jetzt wirklich einmal sagen", hieß es dort. Sowohl der Facebook-Eintrag als auch das Video waren allerdings nur kurz online...

Und jetzt Proll. Die #MeeToo-Debatte im Netz ging ihr auf den Keks. Und vor wenigen Stunden postete sie auf Facebook: "Warum bestehen eigentlich immer die Feministinnen darauf, dass Frauen Opfer sind? Das verstehe ich nicht. Ich bin seit 20 Jahren in diesem Beruf tätig, und ich schwöre, ich bin dabei noch nie von einem Mann sexuell belästigt worden. Weder von einem Mächtigen noch von einem ohnmächtigen."

 

Und kassierte prompt Lob von wahrscheinlich nicht ganz erwarteter Seite, unter anderem von Frauenverachter Felix Baumgartner: "Nina Proll ist einfach toll!"

Nachdem im Netz ein regelrechter Shitstorm losgebrochen war, postete Nina Proll: "...schön, wenn man absichtlich missverstanden wird. Ich habe nicht von Frauen gesprochen, denen tatsächlich Gewalt widerfahren ist, sondern von Schauspielerinnen, die behaupten, sie hätten Unzumutbares ertragen müssen, um Karriere zu machen. Das ist etwas völlig anderes. Wie weit ich gehe, um eine Rolle zu bekommen, oder "Karriere" zu machen, bleibt jeder Frau selbst überlassen. Ich bleibe dabei."

Die Antwort von Jungjournalistin Hanna Herbst vom Online-Magazin Vice wurde vielfach im Netz geteilt: "Ich freue mich für dich, dass du noch nie sexuell belästigt wurdest. Du gehörst damit zu einer glücklichen Minderheit. ... Wenn dein Chef dich belästigt, dann kannst du oft nicht so reagieren, wie du gerne würdest. Außer eventuelle berufliche Konsequenzen sind dir egal. Und wenn das so ist, dann gratuliere: Du bist in einer sehr privilegierten Situation. ... Es geht hier nicht um dich. Es geht auch nicht um mich. Es geht darum, dass durch die Geschichten all dieser Frauen eine globale Struktur aufgezeigt wird, in der Männer denken, sie hätten das Anrecht auf etwas, auf das sie nie eines hatten. Und deine Zeilen sind nur ein weiteres Symptom."

 

Warum Handlungen von Männern wie Andreas Gabalier und Aussagen wie die von Nina Proll so weh tun: Sie bestärken jene, die einen sexistischen Umgang mit Frauen haben oder Frauen nicht als gleichwertig betrachten, weil sie ihnen das Gefühl geben, den Opfern, also den Frauen mache das ja gar nichts aus beziehungsweise sie fühlten sich gar nicht als Opfer. Wo es keine Opfer gibt, kann es folgerichtig auch keine Täter geben.

Die neue Öffentlichkeit über die sozialen Medien wirkt in beide Richtungen: Einzelfälle werden über die Reaktionen von Tausenden als Massenphänomene enttarnt. Und Einzelreaktionen werden über die Reaktion von Tausenden zu Wegweisern. Aus der nachvollziehbaren Befindlichkeit einer Nina Proll wird damit eine Wegmarke für Täter, die sich bestätigt sehen und eine Barriere für Frauen, die ohnehin fürchten müssen, als Opfer nicht verstanden zu werden.

Was hat das alles mit dem Nationalfeiertag zu tun?

Was das alles mit dem Nationalfeiertag zu tun hat? Der Nationalfeiertag ist ein Tag, der an die Entstehung des Landes, an die Geschichte Österreichs erinnert.

Es mag auch Anlass sein, darüber nachzudenken, welche Geschichten die Menschen dieses Landes miteinander verbinden und was sie voneinander trennt. Die Lebenswirklichkeit der Österreicherinnen, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, ist eine andere als die der Österreicher: Als Einzelperson, als Gruppe, die die Hälfte der Bevölkerung ausmacht.

Wenn am Nationalfeiertag von Patriotismus die Rede ist, vom Stolz auf unser Land, von den Werten, die dieses Land prägen, so sollten wir uns  bewusst machen, dass auch in diesem Land, in unserem Österreich, noch ein weiter Weg zurückzulegen ist auf dem Weg zu einem Selbstbewusstsein, das Männern und Frauen die selben Chancen bietet, weil es die einen weder als Einzelwesen noch als Gruppe in Abhängigkeit von den anderen hält.

UMFRAGE

Sind Sie stolz auf Österreich?

Diese Umfrage ist seit Freitag, 27. Oktober 2017 23:30 Uhr zu Ende!

 

Kommentare (9)
KarlZoech
0
11
Lesenswert?

""Natürlich sind sexuelle Übergriffe zu verurteilen. Und natürlich haben Frauen recht, sich das nicht gefallen zu lassen."

So schrieb Userin Carpe diem, und sie hat völlig recht damit! Denn Ausnützung eines Machtverhältnisses oder gar Anwendung körperlicher Gewalt - das geht überhaupt nicht!

Ist es allerdings schon ein sexueller Übergriff, einer Frau Avancen zu machen, mit ihr zu flirten versuchen? Da ist meine - und hoffentlich nicht nur meine - Antwort nein. Und das ist ja auch Nina Proll's Conclusio.

Wenn Hanna Herbst meint "Wenn dein Chef dich belästigt, dann kannst du oft nicht so reagieren, wie du gerne würdest", so frage ich: Warum denn nicht? Wenn mir allerdings meine Karriere wichtiger ist, als meine persönliche Integrität, dann wird es wohl schwierig.

Es braucht selbstbewusste, starke Frauen! Seinen Töchtern auf dem Weg dahin zu helfen, dass ist wichtiger, als alles jammern über die bösen Männer - für welche natürlich gilt: "Gewalt an und gegen Frauen, das geht gar nicht!"

Mein Graz
0
2
Lesenswert?

@karlzoech

im großen und ganzen stimme ich dir zu. sexuelle übergriffe und gewalt sind ein absolutes nogo.
flirtversuche oder komplimente zählen m.a. da nicht dazu!
allerdings hat gerade gewalt verschiedene gesichter und wird von frauen genau so wie von männern in vorgesetzten positionen ausgeübt. und in vielen fällen geht es gar nicht um die karriere sondern einfach nur darum seinen job zu behalten! bei der heutigen lage an arbeitsmarkt stellt sich dann die frage, ob man das aushält oder ob man geht, um dann vielleicht ohne job und einkommen dazustehen.
und zu meinem bedauern musste ich auch feststellen, dass verbale gewalt häufiger von frauen (an frauen) ausgeübt wird als von männern.

unterhundert
11
11
Lesenswert?

Also Männer,

wir sind alle Schweine. Ich kann mich aber nicht entsinnen, jemals von Männern gehört zu haben, die sich hoch geschlafen haben, Umgekehrt schon.Die Wahlen sind Geschichte, jetzt treten die Medien eine neue Debatte über sexuelle Übergriffe los. Die Frage wäre: warum erst jetzt ..?

Mein Graz
0
2
Lesenswert?

@unter

weißt warum sich männer nicht hochschlafen?
weil der mann in der geschäftswelt das sagen hat!

und das ist der knackpunkt: ich bestreite nicht dass es frauen gibt die sich hochschlafen. aber wie vielen frauen wird nachgesagt, dass sie das getan haben, wobei dahinter aber vielleicht doch missbrauch oder sogar vergewaltigung steckt?

heute wehren sich die frauen zum glück. es ist noch gar nicht so lange her, da wurden sogar hier in den foren vergewaltigungsvorwürfe ins lächerliche gezogen oder sogar die frauen beschuldigt, es ja gewollt zu haben.

carpe diem
8
18
Lesenswert?

Ehrlich?

Wer von Baumgartner (vielleicht auch von Gabalier) Zustimmung erhält, sollte zum Nachdenken anfangen. Ich finde es erstaunlich, wie wenige Menschen sich die Mühe machen, ernsthaft über dieses Thema nachzudenken, bevor sie ihren Stuss von sich geben. NATÜRLICH sind sexuelle Übergriffe zu verurteilen. Und NATÜRLICH haben Frauen recht, sich das nicht gefallen zu lassen. Wie leben im 21. Jahrhundert, aber in Österreich gibt es halt zu viele ewig Gestrige, die gar nichts verstanden haben.

juniors
6
9
Lesenswert?

Was hat das mit dem Nationalfeiertag zu tun?

Wir feiern heute unseren immerwährenden Opferstatus! Also bitte, immer schön neutral bleiben, gibt eh das Internet in dem man sich kennenlernen kann....

Spittalerpaar
10
13
Lesenswert?

ge bitte

Immer diese Propaganda von allen Zeitungen. Keine Frau wird weniger diskriminiert ( was sowieso nicht der Fall ist) wenn man die Hymne ändert. So a Blödsinn. nur in der Presse liest man solche Propaganda nicht. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sicherlich gegen diese dämliche Änderung und gegen Dritte Welle Feminismus. Diese realitätsfernen Akrltivistinnen haben nich NIE erwähnt welche Frauenfeindlichkeut und welche Weltbild gegenüber Frauen in unsrer Land weit 2015 aus Afgahnistan importiert wird. Syrien und Irak sind da eh noch gemäßigter. Wenns nach denen geht kann jeder Flüchtling der noch si radiksl ist herkommen ohne Wertekurse. Multikulti nennen sie das haha. Aber nein, für die Dritte Welle Feministinnen ist der Heterosexuelle Weiße Mann alles Böse.

onyx
6
5
Lesenswert?

.

Schöner Artikel!

ramba zamba
21
14
Lesenswert?

boah!

Die Nina Proll ist sicher auch eine 75igerin! Habe zwar kein Facebook aber über die KLZ gelesen was sie geschrieben hat. Super Frau die am Boden steht und offensichtlich einen gesunden Verstand hat . Es freut mich das es Leute gibt die in der Öffentlichkeit stehen (glaube sie ist Schauspielerin-oder Sängerin?) und Charakterstärke zeigen und nicht nur Richtung Hollywoodhills und badaregoodnews lookilooki machen und sich dementsprechend inszenieren müssen! Super-Danke!