Wendet sich das Blatt im Ukraine-Krieg nun tatsächlich – zugunsten der Ukrainer?
GERALD KARNER: Mit jedem Tag, den diese Entwicklung so weitergeht, muss man von einem Wendepunkt sprechen. Russische Streitkräfte zogen sich im Osten zurück. Dieser ungeordnete Rückzug dürfte auch sehr chaotisch erfolgt sein, unter Zurücklassung von großen Mengen von Waffensystemen: Diese können kurzfristig nicht 1:1 ersetzt werden. Auch eine Umgruppierung im Osten in Richtung Donbas würde mehr oder weniger wirkungslos sein, weil die Waffensysteme fehlen. Mit der Wiedereroberung der strategisch wichtigen Stadt Kupjansk wurde von der Ukraine zudem ein wesentlicher Verkehrsknotenpunkt in Besitz genommen – über diese Stadt laufen mehrere Nachschublinien für den Donbas. Die Verteidigung der Russen im Osten ist erheblich geschwächt.

Täuschten die ukrainischen Streitkräfte die Russen so brillant oder ist die russische Armee dermaßen unorganisiert?
KARNER: Es ist wohl eine Mischung aus beidem: Die von den Russen ganz offensichtlich nicht erkannte Täuschung der Ukrainer, wonach der Hauptangriff im Süden erfolgen würde, rächt sich nun. Deshalb wurden starke russische Verbände in den Süden verlegt. Mit diesem Schritt haben die Russen die Front im Osten zusätzlich entblößt. Der Ukraine gelingt es offenbar auch, die russischen Luftstreitkräfte mit leistungsfähigem Flugabwehrsystem in den ukrainischen Angriffsspitzen zu neutralisieren. Da fliegt kaum noch etwas – und das, was fliegt, wird relativ schnell abgeschossen. Auf der russischen Seite hat offenbar die Aufklärung – strategisch, operativ, taktisch – völlig versagt. Die Bereitstellung von derart starken Kräften seitens der Ukraine darf nicht unerkannt bleiben.

Glauben Sie, dass die Ukrainer nun ihren Druck in dieser Wucht aufrechterhalten können?
KARNER: Ich denke, in der Schlagart kann es jetzt nicht weitergehen. Auch die Ukraine wird einmal eine operative Pause einlegen müssen, vor allem für logistische Zwecke und Nachschub. Das ist Standardverfahren: Man rückt bis zu einer gewissen Entfernung von der operativen Basis aus vor, dann braucht es kurze Pausen, um die Kräfte aufzufrischen.

Gerald Karner ist Offizier, Militärexperte und Unternehmensberater - er war bis 2006 im Bundesheer tätig, zuletzt im Rang eines Brigadiers
Gerald Karner ist Militärexperte, ehemaliger Offizier und Unternehmensberater – er war bis 2006 im Bundesheer tätig, zuletzt im Rang eines Brigadiers.
© (c) Jürgen Fuchs

Braucht es noch mehr Waffensysteme aus dem Westen?
KARNER: Ohne zusätzliche Versorgung mit westlichen Waffensystemen wird der Angriff nicht durchzuhalten sein. Die Ukraine braucht dringend Kampfpanzer, Schützenpanzer, Fliegerabwehrpanzer. Es sollen z.B. auch zusätzlich weitere, offenbar sehr wirksame amerikanische HIMARS-Systeme (leichtes Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesystem auf Lastwagenfahrgestellen, Anmerkung) geliefert werden.

Bröckelt die Moral in den russischen Truppen zusehends?
KARNER: So ist es. Der Kreml kann im Moment überhaupt nichts tun, diese Milch ist bereits vergossen. Das Kernproblem: Das Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen in den russischen Streitkräften entspricht nicht westlichem Standard. Es ist Faktum, dass zu Beginn des Angriffs Soldaten "ganz unten", diese hatten auch die Hauptlast der Kämpfe zu tragen, gar nicht wussten, wann sie die Grenze überschritten und es kein Manöver mehr war – bis sie beschossen wurden. Keinerlei Information über Zielsetzung und Absichten der militärischen Führung! Die Behandlung der Vertragssoldaten und Rekruten war schon immer eine eher schlechte. Dazu kommt weit verbreitete Korruption in allen Ebenen des russischen Militärs. Jetzt wird aber auch den einfachen Soldaten klar, dass die Fähigkeiten der oberen und obersten Führung sehr begrenzt sind. Das Vertrauen schwindet – nicht nur in das eigene Bataillon, die eigene Kompanie oder das eigene Regiment, sondern auch in die Generalität: Das ist fatal. Der Rückzug geriet mehr oder weniger zur Flucht.

Haben die Russen Reserven?
KARNER: Mir ist bis heute nicht bekannt, dass es irgendwo den Einsatz von russischen operativen Reserven gegeben hätte. Das wirft ein ganz schlechtes Licht auf die militärische Führung.

Bedeutet das nicht automatisch auch einen Vertrauensverlust in die politische Führung?
KARNER: Natürlich. Auch viele einfache russische Soldaten fragen sich mittlerweile: Was hat man sich dabei eigentlich gedacht, als man das Ganze begonnen hat?

Ist Russlands Präsident Wladimir Putin mittlerweile auch innenpolitisch massiv angezählt?
KARNER: Noch traut man sich nicht wirklich, an Putin persönlich entsprechende Kritik zu üben. Es wird aber unterschwellig in diversen Shows des Staatsfernsehens allgemein Kritik an der ganzen Planung geäußert.

Ist zu erwarten, dass er die höchste militärische Ebene austauscht?
KARNER: Eigentlich sind Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow ablösereif. Putin zögert aber, weil damit gewissermaßen auch zugegeben würde, dass der Angriff nicht nach Plan verläuft. Es gibt aber immerhin eine – nicht geprüfte – Quelle, wonach in einer hochrangig besetzten Sitzung ein General direkte Kritik an Putin geübt haben soll. Er wurde dann offenbar in seinen Ausführungen "abgedreht", aber prinzipiell zeigt sich hier schon eine Veränderung.

Auf welche frischen Kräfte kann Wladimir Putin überhaupt noch zurückgreifen?
KARNER: Putin hat vor einiger Zeit per Dekret die Rekrutierung von weiteren 137.000 Mann ermöglicht. Das bedeutet aber nicht, dass diese Kräfte in ein paar Wochen bereits am Feld stehen – im Gegenteil. Je mehr vom Kriegsverlauf bekannt wird, desto weniger Erfolg werden Rekrutierungsaktionen haben. Wir wissen, dass viele Vertragssoldaten kommen, weil sie Geld riechen: Steht das Leben auf dem Spiel, ist das Geld aber nicht mehr ausschlaggebend. Die Gegenwehr der Ukraine ist dramatisch und abschreckend.

Die Zeit spielt also immer stärker gegen die Russen?
KARNER: Absolut. Wenn es den Ukrainern gelingt, die Russen unter Druck zu halten – und zwar bei möglichst geringen eigenen Verlusten –, dann spricht die Zeit für die Ukraine. Der russische Widerstand im Osten dürfte nicht allzu groß gewesen sein. Um es mit Winston Churchill zu sagen: "Es ist nicht das Ende. Nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist vielleicht das Ende vom Anfang."

Wie ist die Lage im Süden der Ukraine?
KARNER: Im Süden haben die ukrainischen Streitkräfte offenbar selbst schwere Verluste erlitten, sie halten die Russen aber weiterhin in offensiver Form unter Druck. Inwieweit die Ereignisse im Osten auch jene im Süden beeinflussen, bleibt abzuwarten. Gelingt es den Ukrainern, den Raum westlich des Dnipro zu erobern und größere russischen Gruppierungen einzukesseln, wird es für Russland ganz schwierig, noch irgendetwas zu halten.

Wird der Winter zur entscheidenden Zeit, so wie es der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht?
KARNER: Sollten den Ukrainern noch ein, zwei ähnliche Schläge gelingen – etwa in Richtung Donbas –, muss sich die russische politische Führung sehr schnell überlegen, wie sie reagiert, etwa mit einem Verhandlungsangebot. Wir wissen aber, dass Selenskyj es kategorisch ausgeschlossen, dass über ukrainisches Territorium überhaupt verhandelt wird. Aus seiner Sicht geht es so lange weiter, solange sein Land von Russen besetzt ist. Dafür, dass der Winter die Entscheidung bringen kann, spricht auch die Annahme, dass dann die westlichen Waffensysteme in noch viel größerem Ausmaß zur Verfügung stehen und in die Strukturen der Ukrainer integriert sind.

Ist davon auszugehen, dass die Russen weiter zivile Infrastruktur bewusst vernichten, wie zuletzt, als es im Osten der Ukraine zu weitläufigen Stromausfällen kam?
KARNER:
Ich befürchte, dass sie es versuchen werden. Die Frage ist, wie viele von den Marschflugkörpern am Ende noch zur Verfügung stehen: Man weiß, dass Russland Probleme hat, diese in ausreichender Qualität und Quantität zu produzieren, auch wegen der Sanktionen. Die Art der russischen Kriegsführung ist so typisch wie hanebüchen: Wenn die an sich guten Quellen stimmen, wurden die Kraftwerke nun mit zwölf Marschflugkörpern ausgeschaltet – dieses Dutzend kostet etwa 100 Millionen Dollar. Die Russen richten ihre Angriffe gegen zivile Infrastruktur und nicht gegen den militärischen Gegner. Sie verschwenden ihre wichtigsten Kapazitäten, um Vergeltung zu üben und die Bevölkerung zu bestrafen. Das widerspricht allen militärischen Grundsätzen.

Ist das Kriegsgerät, das die flüchtenden russischen Einheiten zurücklassen, für die Ukrainer verwendbar, sofern es noch intakt ist?
KARNER: Selbstverständlich. Die Fotos, die ich gesehen habe, zeigen teilweise unbeschädigtes Material, auch schon in diversen Arsenalen. Dieses wird vielleicht nicht in der ersten Frontlinie eingesetzt, aber es handelt sich um willkommenen Ersatz für verloren gegangenes Kriegsgerät.