Historiker Kaser über Jugoslawien"Völlig vergessen wird dieses Land wohl nie"

In­ter­view. Ju­go­sla­wi­en zog Karl Kaser früh in den Bann. Hier spricht der Grazer His­to­ri­ker und Balkankenner über Tito und fil­ter­lo­se Dri­na-Zi­ga­ret­ten und warnt vor zu sim­plen Ant­wor­ten auf die Frage, warum das Land so blu­tig un­ter­ging.

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Karl Kaser in seinem Büro an der Abteilung für Südosteuropäische Geschichte der Universität Graz
Karl Kaser in seinem Büro an der Abteilung für Südosteuropäische Geschichte der Universität Graz © (c) Stefan Winkler
 

Vor 30 Jah­ren be­gann der Zer­fall Ju­go­sla­wi­ens, das Sie kann­ten wie nur we­ni­ge. Was war es für ein Land?

KARL KASER: Ich möch­te diese Frage an­hand per­sön­li­cher Er­in­ne­run­gen be­ant­wor­ten, nicht als His­to­ri­ker. Es sind die Er­in­ne­run­gen eines da­mals jun­gen Ös­ter­rei­chers, der Ju­go­sla­wi­en nur von außen kann­te. Frag­men­te eines chao­ti­schen, aber le­bens­wer­ten Lan­des, das Dinge her­vor­brach­te, die ich in Ös­ter­reich miss­te – die Spra­chen- und Kul­tu­ren­viel­falt, aber auch seine Spiel­art des Kom­mu­nis­mus, die mit Tito ver­knüpft wurde. Zum Le­bens­wer­ten ge­hör­ten der ob­li­ga­te Es­pres­so mit Sli­wo­witz oder Ko­gnak und einer fil­ter­lo­sen „Drina“, die für einen Ös­ter­rei­cher fan­tas­tisch an­mu­ten­den Filme des jun­gen Kus­tu­rica und die un­zäh­li­gen Pop- und Rock­kon­zer­te, die schein­bar ein ei­ni­gen­des kul­tu­rel­les Band unter Ju­gend­li­chen kre­ierten. Diese Er­in­ne­run­gen um­fas­sen auch so tri­via­le Dinge wie wegen Ben­zin­knapp­heit ge­schlos­se­ne Tank­stel­len, aber auch ernst­haf­te­re Phä­no­me­ne wie den auf­kei­men­de Na­tio­na­lis­mus in der zwei­ten Hälf­te der Acht­zi­ger­jah­re, der, im Un­ter­schied zu frü­he­ren Jahr­zehn­ten, etwa mit Miloševic nun re­al­po­li­tisch wirk­sam wurde. Ju­go­sla­wi­en wurde von mei­ner Ge­ne­ra­ti­on auch als ein Land zwi­schen Ost- und West emp­fun­den. In Šent­ilj mit dem Auto die Gren­ze über­que­rend und den be­rühmt-ge­fähr­li­chen Au­to­put nut­zend, lan­de­ten wir in an­de­ren Wel­ten – in Is­tan­bul oder Athen.

Und dann gab es Ju­go­sla­wi­en mit die­sem be­gab­ten po­li­ti­schen Füh­rer Tito. Er hatte es ge­schafft, mutig einen ei­ge­nen so­zia­lis­ti­schen Weg zu gehen. 1948 hatte Tito mit Sta­lin ge­bro­chen.

Und doch war es eine Dik­ta­tur, in der man als Dis­si­dent im Ge­fäng­nis oder im Lager lan­den konn­te. Trübt das nicht jede Nost­al­gie?

Diese Frage ist mehr als be­rech­tigt. Aber viele eu­ro­päi­sche Staa­ten wur­den da­mals dik­ta­to­risch re­giert, die so­zia­lis­ti­schen in Ost­eu­ro­pa, aber auch west­li­che wie Grie­chen­land, Por­tu­gal und Spa­ni­en. Und dann gab es Ju­go­sla­wi­en mit die­sem be­gab­ten po­li­ti­schen Füh­rer Tito. Er hatte es ge­schafft, mutig einen ei­ge­nen so­zia­lis­ti­schen Weg zu gehen. 1948 hatte Tito mit Sta­lin ge­bro­chen. Die meis­ten Dis­si­den­ten, die in Ge­fäng­nis­sen und auf der Stra­finsel Goli Otok lan­de­ten, waren ja des Sta­li­nis­mus be­zich­tigt wor­den. Die Schär­fe der po­li­ti­schen Ver­fol­gung hat sich dann im Lauf der Zeit ge­mil­dert. In den Acht­zi­ger­jah­ren war es prak­tisch un­mög­lich, wegen ab­wei­chen­der po­li­ti­scher An­sich­ten in­haf­tiert zu wer­den.

War Josip Broz Tito ein Dik­ta­tor im Schafs­pelz?

Tito besaß er­heb­li­ches Cha­ris­ma. Sein in­nen­po­li­ti­sches Han­deln wurde als ge­recht und aus­glei­chend emp­fun­den, er stand über allen na­tio­na­lis­ti­schen Kon­flik­ten. Welt­po­li­tisch hatte er Ju­go­sla­wi­en in eine Füh­rungs­po­si­ti­on ge­rückt. Nicht nur, dass das Land mit ame­ri­ka­ni­scher Un­ter­stüt­zung einen re­la­tiv hohen Le­bens­stan­dard er­reich­te. Er schlug auch au­ßen­po­li­tisch einen ei­gen­stän­di­gen Kurs ein, indem er mit In­di­en und Ägyp­ten die Be­we­gung der Block­frei­en ins Leben rief, der sich viele asia­ti­sche und afri­ka­ni­sche Län­der an­schlos­sen. Tito war ein Dik­ta­tor, aber auch eine der schil­lernds­ten po­li­ti­schen Per­sön­lich­kei­ten sei­ner Zeit.

Kam der blu­ti­ge Zer­fall von Ju­go­sla­wi­en für Sie plötz­lich?

Bei­des kam für uns über­ra­schend: der Zer­fall und das Blu­ti­ge. Ohne Ju­go­sla­wi­en konn­ten wir uns die Land­kar­te nicht vor­stel­len. Der „Zer­fall“ ent­steht erst aus der his­to­ri­schen Be­trach­tung, für uns Zeit­ge­nos­sen war es lange eine ju­go­sla­wi­sche Krise. Erst mit der in­ter­na­tio­na­len An­er­ken­nung der Un­ab­hän­gig­keit Slo­we­ni­ens, Kroa­ti­ens und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­nas war un­miss­ver­ständ­lich klar, dass Ju­go­sla­wi­en sich in einem Zer­falls­pro­zess be­fand. Des­sen blu­ti­ge Seite soll­te sich aber erst 1992 de­fi­ni­tiv ma­ni­fes­tie­ren.

Das zwei­te Ju­go­sla­wi­en zer­fiel mehr oder we­ni­ger ent­lang jener Gren­zen, aus denen das erste Ju­go­sla­wi­en 1918 zu­sam­men­ge­stellt wor­den war. Dies ist eine Iro­nie der Ge­schich­te. Der Zer­fall nahm blu­ti­ge Aus­ma­ße an, weil das na­tio­na­lis­ti­sche Prin­zip keine Pa­tent­lö­sung war.

Warum zer­fiel das Land?

Die Na­tio­na­lis­ten im kom­mu­nis­ti­schen Schafs­pelz haben ganze Ar­beit ge­leis­tet. Trotz aller Be­mü­hun­gen und Siege der ju­go­sla­wi­schen Fuß­ball-, Bas­ket­ball- und Was­ser­ball­mann­schaf­ten ging der Wille, für ein ge­mein­sa­mes und mul­ti­eth­ni­sches Ju­go­sla­wi­en ein­zu­ste­hen, ver­lo­ren. Das zwei­te Ju­go­sla­wi­en zer­fiel mehr oder we­ni­ger ent­lang jener Gren­zen, aus denen das erste Ju­go­sla­wi­en 1918 zu­sam­men­ge­stellt wor­den war. Dies ist eine Iro­nie der Ge­schich­te. Der Zer­fall nahm blu­ti­ge Aus­ma­ße an, weil das na­tio­na­lis­ti­sche Prin­zip keine Pa­tent­lö­sung war. Kroa­ti­en hatte seine ser­bi­sche Min­der­heit, der mehr­heit­lich al­ba­ni­sche Ko­so­vo war ser­bisch be­herrscht, Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na zer­fiel in seine bos­nia­ki­schen, ser­bi­schen und kroa­ti­schen Kom­po­nen­ten. Genau an die­sen Brenn­punk­ten bra­chen die Zer­fall­skrie­ge aus.

Wie er­klä­ren Sie die un­fass­ba­ren Gräu­el, zu denen es dann kam?

Dies ist eine sehr ge­fähr­li­che Frage, da sie dazu ein­lädt, allzu ein­fa­che Ant­wor­ten zu fin­den, die all das Schlim­me in den Krie­gen einer be­stimm­ten eth­ni­schen Grup­pe zu­schie­ben und alle an­de­ren exkul­pie­ren, oder im Bal­ka­ni­schen ein Kul­tur­mus­ter ver­mu­ten, das Lust am Töten und Bru­ta­li­tät in den Vor­der­grund rückt. Aber dies ist eine Zu­mu­tung, da die un­fass­ba­ren Gräu­el, von denen Sie spre­chen, in davor un­be­kann­ten Aus­maß von Na­zi-Deutsch­land be­gan­gen wor­den waren. Wir soll­ten es nicht wagen, die ein­zel­nen Gräu­el in den ju­go­sla­wi­schen Krie­gen über das ras­sis­tisch mo­ti­vier­te Mor­den der in­dus­tri­el­len Tö­tungs­ma­schi­ne­rie der Nazis zu stel­len. Das hieße, den Ho­lo­caust zu re­la­ti­vie­ren.

Haben Sie sich nie nach den Grün­den für die Ex­zes­se ge­fragt?

Na­tür­lich habe ich das. Ich hatte da­mals ge­ra­de be­gon­nen, mich mit der Kul­tur des Hel­den­tums, dem Männ­lich­keits­kult und dem Pa­tri­ar­cha­lis­mus am Bal­kan zu be­fas­sen. Die­ses kul­tu­rel­le Stra­tum schien vom Ti­to-Kom­mu­nis­mus über­tüncht wor­den zu sein und nun in den ju­go­sla­wi­schen Krie­gen wie­der durch­zu­bre­chen. Aber ich habe da­mals in­ten­siv mit einem US-An­thro­po­lo­gen zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, der lange in Ju­go­sla­wi­en ge­forscht hat. Seine Be­ob­ach­tun­gen waren es, die mich sehr vor­sich­tig wer­den lie­ßen – im kras­sen Un­ter­schied zu vie­len Ihrer da­ma­li­gen Kol­le­gen in der Me­di­en­welt, die wü­ten­de mit­tel­al­ter­li­che Bal­kankan­ni­ba­len in mo­der­nen Mi­li­tär­uni­for­men zu ent­de­cken glaub­ten.

Statt tra­di­tio­nel­le Werte in un­pas­sen­der Weise hoch­zu­ru­fen, soll­ten wir unser Au­gen­merk dar­auf rich­ten, was die Mo­der­ne an zi­vi­li­sa­ti­ons­bre­chen­den Po­ten­zia­len in sich birgt. In wel­cher Form spie­gelt sie sich in der mas­sen­haf­ten Ver­ge­wal­ti­gung von Frau­en im Krieg und in mör­de­ri­schen Frei­schär­lern, die am Frei­tag­nach­mit­tag nach der Ar­beit zu­sam­men­fan­den, um bis Sonn­tag­nach­mit­tag ihrem „Wo­chen­end­ge­schäft“ nach­zu­ge­hen?

Was genau mach­te Sie stut­zig?

Titos Equi­pe über­nahm 1945 ein Land, das in sei­nen Me­tro­po­len Bel­grad und Za­greb eu­ro­pä­isch mo­dern, aber in wei­ten länd­li­chen Ge­bie­ten sehr rück­stän­dig war, und un­ter­warf es einem ri­go­ro­sem Mo­der­ni­sie­rungs­pro­gramm: all­ge­mei­ne Schul­pflicht, Al­pha­be­ti­sie­rung, Kino, Thea­ter, Sport, Gym­na­si­en, Stra­ßen, Bahn­ver­bin­dun­gen, In­fra­struk­tur und Zu­rück­drän­gung der Re­li­gi­on. Dies alles soll­te Män­ner völ­lig un­be­rührt ge­las­sen haben, die zu den Waf­fen grif­fen, als der Krieg aus­brach? Statt tra­di­tio­nel­le Werte in un­pas­sen­der Weise hoch­zu­ru­fen, soll­ten wir unser Au­gen­merk dar­auf rich­ten, was die Mo­der­ne an zi­vi­li­sa­ti­ons­bre­chen­den Po­ten­zia­len in sich birgt. In wel­cher Form spie­gelt sie sich in der mas­sen­haf­ten Ver­ge­wal­ti­gung von Frau­en im Krieg und in mör­de­ri­schen Frei­schär­lern, die am Frei­tag­nach­mit­tag nach der Ar­beit zu­sam­men­fan­den, um bis Sonn­tag­nach­mit­tag ihrem „Wo­chen­end­ge­schäft“ nach­zu­ge­hen?

Spiel­ten die Ver­bre­chen von Us­ta­scha, Tschet­niks und kom­mu­nis­ti­schen Par­ti­sa­nen im Zwei­ten Welt­krieg, die Ab­rech­nung da­nach und ihre Ta­bui­sie­rung in Ti­to-Ju­go­sla­wi­en gar keine Rolle?

Das sind wie­der diese allzu leicht­fer­tig zu­sam­men­ge­bas­tel­ten west­li­chen Er­klä­rungs­mus­ter! Ich habe die Haa­ger Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le nicht stu­diert, aber ich bin über­zeugt davon, dass der ser­bi­sche Ge­ne­ral Mla­dic kein ein­zi­ges Mal mit den er­wähn­ten Ex­zes­sen im Zwei­ten Welt­krieg ar­gu­men­tiert hat, um sich zu ver­tei­di­gen. Die Er­klä­run­gen fin­den wir vor Ort, nicht in der fer­nen Ge­schich­te!

Wie le­ben­dig ist die Er­in­ne­rung an Ju­go­sla­wi­en am Bal­kan heute?

Sie ist in den ein­zel­nen Nach­fol­ge­staa­ten un­ter­schied­lich stark aus­ge­prägt. In Slo­we­ni­en ist es wohl so, dass dem zen­tral­eu­ro­päi­schen Land die Bal­kan­kom­po­nen­te ab­han­den­ge­kom­men ist. An­ders ge­la­gert ist der Fall in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na. Hier, in Jajce, wurde das neue Ju­go­sla­wi­en Ende No­vem­ber 1943 aus der Taufe ge­ho­ben. Hier ist die Er­in­ne­rungs­be­we­gung am stärks­ten ver­an­kert und küm­mert sich darum, dass Ge­denk­stät­ten, die an ent­schei­den­de Schlach­ten im Zwei­ten Welt­krieg er­in­nern, wei­ter­hin ge­pflegt wer­den. Ins­ge­samt sind die Gren­zen zwi­schen Ver­ges­sen und Er­in­ne­rung porös, al­ler­dings völ­lig ver­ges­sen wird die­ses Land wohl nie wer­den.

Karl Kaser wurde 1954 geboren. Er studierte Geschichte und Slawistik an der Karl-Franzens-Universität Graz und wurde dort 1996 zum ordentlichen Universitätsprofessor für Südosteuropäische Geschichte berufen. Kaser ist zudem Honorarprofessor an der Uni Shkodra.

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