Aslı Erdoğan wurde in ihrer Wohnung in Istanbul festgenommen. Noch ist unbekannt, wo man die 49-jährige Schriftstellerin festhält. Sie war zuletzt im Beratungsrat der kurdischen Tageszeitung „Özgür Gündem“, die nun in Istanbul verboten wurde; insgesamt 23 Journalisten dieser Zeitung sind mittlerweile in Polizeigewahrsam.

Erdoğan arbeitete als Atomphysikerin am Kernforschungszentrum CERN in Genf und in Rio. In Südamerika begann sie, Bücher zu schreiben. Mitte der 90er kehrte sie in ihre Heimat zurück, wo aber die Regierung aufgrund ihrer journalistischen Kolumnen zunehmend Druck auf sie ausübte. „Die Angst, nachts verhaftet zu werden, war mein ständiger Begleiter“, sagte Aslı Erdoğan, als sie nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Zürich ab Herbst 2012 für ein Jahr Asylschreiberin in Graz wurde. In der Türkei engagierte sie sich danach trotz der Repressalien weiterhin bis dato für die kurdische Minderheit und politisch Inhaftierte sowie für Frauenrechte.

Die internationalen Feuilletons berichten ausführlich über Erdoğan Verhaftung, die Solidaritätswelle für die Autorin ist immens hoch. Bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller melden sich in der Sache, speziell auch in der Türkei, darunter Murathan Mangan, Burhan Sönmez oder Sehmuz Diken, die eine Petition lanciert haben und morgen (Freitag) in Istanbul eine Pressekonferenz zu der Verhaftung von Aslı Erdoğan veranstalten.

Bestürzt über die Verhaftung zeigt sich auch die Grazer Kulturstadträtin Lisa Rücker: „Aslı Erdoğan hat uns hier alle sehr beeindruckt - als Literatin, Journalistin, Feministin und Menschenrechtsaktivistin. Ich bin zutiefst betroffen darüber, dass ihre Rückkehr in die Heimat nun ihre Verhaftung zur Folge hat.“ Für  Rücker ist die zunehmende Bedrohung der Meinungsfreiheit in Europa Anlass, sich für mehr finanziell abgesicherte Zufluchtsorte für verfolgte Künstler, Journalisten und Literaten einzusetzen. „Ich bin bereits mit den Rektoren der Universitäten in Kontakt getreten, um auszuloten welche Möglichkeiten wir als Stadt gemeinsam mit den Universitäten über das bereits bestehende „Writer in exile“-Programm des Internationalen Hauses der AutorInnen hinaus anbieten können. In weiterer Folge wäre es wünschenswert, wenn andere Städte dem Beispiel von Graz folgen würden!“

Derzeit ist als „artist/writer in exile“ die junge Syrische Künstlerin Huda Takriti zu Gast. Mehr Informationen zu dem seit 1994 von der Stadt Graz angebotenen Stipendium unter http://www.ihag.org/

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Das Antrittsinterview, das unsere Kulturredakteurin Julia Schafferhofer im August 2012 mit der designierten Asylschreiberin Aslı Erdoğan führte:

Mit den Waffen der Poesie


Aslı Erdoğan ist die neue Asylschreiberin von Graz. Die türkische Autorin schreibt für die Rechte von Frauen, Kurden und Gefangenen. Ein Besuch auf dem Schloßberg.

Aslı Erdoğan ist eine Welt(en)reisende - geografisch und gesellschaftlich betrachtet. Als Hochenergiephysikerin forschte die gebürtige Istanbulerin mit der Physikerelite vor 20 Jahren am Gottesteilchen, dem Higgs-Boson (das man unlängst am Kernforschungsinstitut Cern wirklich entdeckt hat, Anm.). Sie stieg aus der Physik aus und tauchte in die betörenden, aber auch bedrohlichen Favelas von Rio de Janeiro ein, wo sie das Suchen gegen das Sein eintauschte. Im Buch "Die Stadt mit der roten Pelerine" (Unionsverlag) hat sie das Erlebte in einen atemberaubend anziehenden Sprachsog gepackt.

Texte, die Tabus brechen

Als Kolumnistin schrieb sie für die linksliberale Zeitung "Radikal". Eine einflussreiche Position. Sie verleiht Schwachen scharfsinnig eine Stimme, bringt Missstände wie Folter an die Öffentlichkeit, schreibt für Minderheiten, zum Beispiel über den Missbrauch von drei kurdischen Mädchen durch Milizsoldaten: einen Fall schilderte sie lyrisch, einen journalistisch und bei einem mussten die Worte des Autopsieberichts reichen. "Es handelte sich immer um reale Szenarien, dennoch arbeitete ich mit den Mitteln der Poesie", sagt Erdoğan. "So konnte ich vieles erzählen, ohne dass ich direkt werden musste." Die Folgen: Drohbriefe, Angriffe, Kündigung.

Eines Tages wacht sie in der bitteren Realität auf: Ein Verleger schrieb ein Hassbuch über sie, diffamierte sie. Medien griffen das Thema auf, der Autor tingelte durch diverse TV-Formate. "Er hat mich auf diesem Weg vergewaltigt", erzählt Erdoğan. "Ich war öffentliche Projektionsfläche." Sie tritt die Flucht nach vorne an. Verlässt Istanbul, kehrt wieder zurück.

Nächste Station: Graz

2011 wird die Situation brenzlig, Menschen werden festgenommen, ohne Grund. Erdoğan flieht. Neustart in Zürich, Durchatmen im Exil. Es folgt Paris. Seit Kurzem lebt sie als "Writer in Exile" auf Einladung des Internationalen Hauses der Autorinnen und Autoren in Graz. Ihre Homebase: das Cerrini-Schlössl auf dem Schloßberg, wo derzeit noch Stadtschreiberin Barbi Markovic und Autor Nikola Madzirov wohnen.

"Warum so plötzlich?"

Was im "Big-Brother-Land" Türkei passiert, macht ihr Angst. Der Verleger und Menschenrechtskämpfer Ragip Zarakolu sei nach Haftaufenthalt und Jahrzehnten des Kampfes still geworden. Zum ersten Mal. "Warum so plötzlich? Was muss da passiert sein?", fragt sich Erdoğan . "Ich habe nicht den Mut zurückzukehren. Auch wenn ich täglich, stündlich daran denke."

Wenn sie über ihre Ankunft in Graz spricht, dann hellt sich ihr Gesichtsausdruck auf. "Es war Liebe auf den ersten Blick", erzählt sie vom ersten Mal Auf-die-Stadt-Hinunterschauen. Sie schreibe wieder, ordne Gedanken, höre Musik und lese: Dostojewski. "Was habe ich seine Sätze jahrelang in mir herumgetragen." Sie bläst Zigarettenrauch aus und sagt: "Vielleicht gibt es keine Antworten." Worte als Waffen schon. Erdoğan schreibt weiter - etwa für die kurdische Zeitung "Özgür Gündem".