Im Krisenfall: Ist Österreich potenzielles Ziel russischer Angriffe?
Österreich wäre im Krisenfall eine Drehscheibe der Nato – und damit vom ersten Tag an potenzielles Ziel russischer Angriffe. Schützen können wir uns derzeit nicht davor.
Letztes Wochenende war ich zu Gast in der Redaktion der Kleinen Zeitung, wo ich viele Leser dieser Kolumne persönlich treffen durfte, was mich sehr freute.
Wir kamen auf die Drohung von Dmitri Medwedew zu sprechen, dass Russland Österreich als Gegner sehen würde, sollte unser Land der Nato beitreten. Medwedew sagte Anfang 2025 wörtlich: „Wenn Österreich der Nato beitritt, wird es für uns ein legitimes Ziel.“ Die eigentliche Frage, die viele bewegte, war: Würde Russland Österreich im Fall eines Krieges mit der Nato im Baltikum oder anderswo in Europa tatsächlich angreifen? Und wenn ja, wo und wie?
Für die meisten Österreicher bleibt die Vorstellung von militärischer Bedrohung abstrakt. Als Militäranalyst mit öffentlichem Profil sehe ich meine Aufgabe darin, solche abstrakten Szenarien greifbar zu machen. Was könnte geschehen, wenn Medwedews Drohung Realität würde?
Erstens muss ich jene enttäuschen, die glauben, dass unsere Neutralität uns vor russischen Angriffen schützen würde. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind wir längst im Fadenkreuz russischer ballistischer Raketen, Marschflugkörper, elektronischer Angriffsoperationen und Cyberattacken. Der Grund: Österreich ist wie Deutschland eine zentrale logistische Drehscheibe der Nato im Krisenfall. Das bedeutet, dass im Ernstfall Truppen und Versorgungsgüter aus Italien, Slowenien, Deutschland und anderen Teilen Europas über österreichisches Territorium und unseren Luftraum Richtung Osten verschoben werden.
Russland hat ein direktes Interesse daran, diesen Nato-Nachschub schon zu unterbrechen, bevor Verstärkung die Front erreicht. Experten bestätigen regelmäßig, dass Wettrüsten heute nicht mehr nur eine Frage der Panzer und Soldaten ist: Kritische Infrastruktur, Bahnbrücken, Tunnel, Stromnetze und Verkehrsknoten sind genauso im Visier.
Wettrüsten ist nicht mehr nur eine Frage von Panzern und Soldaten. Infrastruktur ist genauso im Visier.
— Franz Stefan Gady
Österreich, als bündnisfreies Land im Herzen Europas, hätte im Eskalationsfall grundsätzlich zwei Optionen: Entweder sperrt es sein Territorium gegen die Nato und blockiert den Transit – was politisch und militärisch ein Ding der Unmöglichkeit wäre – oder lässt die Bewegungen zu und wird damit zum Angriffsziel russischer Streitkräfte. Selbst unter einer FPÖ-Regierung ist die erste Option praktisch ausgeschlossen, denn Österreich hat weder das Mittel, noch den Willen Nato-Verbände zu stoppen, die zugleich EU-Truppen wären.
Damit wäre Österreich sofort potenzielles Ziel für russische Angriffe: Drohnen, Raketen, Marschflugkörper, elektronische Störmaßnahmen und ausgeklügelte Cyberattacken auf Bahn, Brücken und Kommunikation. Parallel würde Moskau versuchen, die Bevölkerung mit gezielter Desinformation, Protestaufrufen und Störungen zu beeinflussen, damit Konvois behindert werden und die Stimmung kippt.
Können wir uns dagegen schützen? Im Moment kaum bis gar nicht. Erst in den kommenden Jahren werden wir dank des Aufbauplanes des Bundesheeres, besserer Luftabwehrsysteme und modernisierter Cyberabwehr langsam dazu in der Lage sein, solche Bedrohungen abzumildern. Die jüngste Übung des Jägerbataillons Steiermark, bei der Angriffe auf kritische Infrastruktur und die taktische Zusammenarbeit mit zivilen Behörden trainiert wurden, zeigt: Die Erkenntnis für konkrete Vorbereitung wächst – aber sie kommt spät.
Würde ein Konflikt schon 2026 oder 2027 ausbrechen, wären wir in Österreich nach der zweiten oder dritten Angriffswelle nahezu wehrlos – ohne Unterstützung unserer europäischen (Nato-)Partner. Das ist kein reißerisches Szenario, sondern die nüchterne Realität. Neutralität schützt uns nicht mehr vor der Logik moderner Kriegsführung. Nur Vorbereitung – militärisch, organisatorisch und gesellschaftlich – kann das Risiko für Österreich verkleinern. Es ist höchste Zeit, die abstrakte Bedrohung als konkrete Herausforderung ernst zu nehmen.

