Bei den letzten Kollektivvertragsverhandlungen für die Pflegekräfte ging es um eine Arbeitszeitverkürzung. Um diese Forderung wurde zäh gerungen, letztlich wurde sie abgelehnt. Das Bezeichnende dabei war: Die Pflegekräfte wollten nicht kürzer arbeiten, denn das tun sie ohnehin schon. Für viele von ihnen ist ein Vollbeschäftigung in ihrem Job einfach nicht mehr verkraftbar.

Gleichzeitig sind allerdings die finanziellen Abstriche, die sie machen müssen, weil ihnen die Gesellschaft Arbeitbedingungen aufbürdet, unter denen die Arbeit nicht schaffbar ist, nicht leistbar. Die "Arbeitszeitverkürzung" hätte also für die Betroffenen "nur" den Umstand mit sich gebracht, dass ihnen das Teilzeitarbeitsverhältnis besser abgegolten wird. Abgelehnt.

Bei einer Podiumsdiskussion der Arbeiterkammer erzählte Journalist Josef Gepp ("profil") von einem Pilotversuch in Schweden: Die Arbeitszeit wurde dort auf 30 Stunden reduziert, mit vollem Lohnausgleich. Das Ergebnis war ein durchschlagender Erfolg: Minus 10 Prozent bei den Krankenständen, zufriedenere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Leute waren produktiver. Win-win für alle Beteiligten? Nicht ganz. Die Beschäftigten schafften mehr, aber nicht genug, unterm Strich mussten doch einige Leute zusätzlich angestellt werden. Das Projekt wurde nach zwei Jahren gestoppt, denn zusätzliche Arbeitskräfte wollte man sich nicht leisten.

Ein "fairer und chilliger Arbeitsplatz"

Was also für alle gesünder und besser wäre, wird ökonomisch als nicht "effizient" genug  betrachtet. Außer es handelt sich um kleine, aber rentable Betriebe wie den Grazer Eistee-Hersteller Makava. Maximal 30 Stunden wird hier gearbeitet, mit einem Gleitzeitmodell, das bei Bedarf mehr Stunden ermöglicht, die später abgebaut werden. Das Modell funktioniert seit dem Jahr 2015, also seit sechs Jahren. Ein "ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeits- und Lebenszeit ist uns allen ein persönliches Anliegen", heißt es auf der Homepage. Ein "fairer und chilliger Arbeitsplatz" ist den Unternehmesgründern wichtig.

Es sind vorwiegend junge Leute, die bei Makava arbeiten, und auch in anderen Betrieben sind es die Jungen, von denen der Wunsch nach weniger Arbeitszeit ausgeht. Gerade in höher entlohnten Berufen sind ihnen ein paar Euros mehr weniger wichtiger als die "Lebens"-Zeit.  Viele junge Männer und Frauen wollen gar nicht mehr als ein 80-Prozent-Arbeitsverhältnis, auch wenn sie noch nicht an Familiengründung denken. Nicht nur, weil die Arbeit zu anstrengend ist, wie in der Pflege, sondern weil sie schlicht auch mehr Luft für ihre Freizeitaktivitäten brauchen.

Teilzeit als Einbahnstraße

In geringer entlohnten Berufen ist das Teilzeitverhältnis oft keine ganz freiwillige Angelegenheit. Was als Entgegenkommen für betreuungspflichtige Mütter begann, mündet oft eine Einbahnstraße: Frauen, die das Vollzeitarbeitsverhältnis nicht vertraglich als Basis fixiert haben, wird es später oft verwehrt, von der Teilzeit aus wieder aufzustocken. Der Grund dafür ist, dass die Arbeitgeber den Vorteil erkannt haben: Viele Köpfe erhöhen die Personalreserve - die meisten Kollektivverträge machen es möglich, dass im Bedarfsfall Mehrstunden angeordnet werden können, die dann auch nicht als teure Überstunden verrechnet werden müssen.

Dazu kommt, dass Beschäftigte mit einer kürzeren Arbeitszeit nachgewiesenermaßen weniger und kürzere Pausen einlegen, auch, weil sie nicht so erschöpft sind wie jemand, der acht Stunden lang gefordert ist. Die Arbeit wird damit "dichter", der Output größer. Auch in Krankenhäusern gibt es inzwischen Abteilungen, in denen gar keine Vollzeit-Arbeitskräfte mehr eingestellt werden.

Innovative Schichtmodelle

Bei der Voestalpine ging man einen anderen Weg. Schon im Jahr 2005 wurden dort innovative Schichtmodelle entwickelt. In der Kokerei in Linz entschieden sich alle 40 MitarbeiterInnen für eine Arbeitszeitverkürzung. Im April 2005 erfolgte daraufhin die Umstellung von einem Vier- auf einen Fünf-Schicht-Betrieb mit reduzierter Stundenanzahl. In der Warmbandbearbeitung  war die Bereitschaft zur Arbeitszeitreduktion geringer. Das Vier-Schichtmodell wurde adaptiert und mit individuellen Lösungen umgesetzt.

Ältere Menschen tun sich leichter mit dem Job, jüngere Beschäftigte genießen das mögliche Maß an Freizeit. Der Betriebsrat setzt zusätzlich auf Maßnahmen zur Gesundheitsförderung.  "Wir stehen mit unseren Arbeitszeitmodell gut da, probieren immer wieder Neues aus." Zum Win-win-Modell wird Arbeitszeitflexibilität dann, wenn beide Seiten profitieren.

Regeneration als Basis für Erfolg

Ali Mahlodji, Gründer des Webportals Whatchado, hat eine Lösung für die Arbeitsdichte, die so vielen Menschen so sehr zu schaffen macht, dass sie gesundheitlichen Schaden nehmen und damit erst recht ausfallen für das Unternehmen. Mahlodji sagte bei einer Veranstaltung der Arbeiterkammer, die ihn immer wieder gerne als Zeugen anruft: "Die Regeneration ist das Fundament für den Erfolg."

Mitarbeiter müssen für ihn nicht erreichbar sein, wenn ihre Arbeitszeit zu Ende ist. Eine Mail muss nicht sofort beantwortet werden, wenn es reicht, dass sie zwei Tage später erledigt und anderes wichtiger ist. Die Balance ist das Geheimnis. "Es ist ein falscher Denkansatz, zu glauben, dass mehr Arbeitszeit auch einen höheren Output bringt." Und: "Nur weil die Welt draußen Technologien gebracht hat, die uns ständig anspringen können, müssen wir nicht in der Sekunde darauf reagieren."

Mahlodji spricht vielen Jungen aus der Seele, wenn er sagt: "Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet und übersehen, dass wir dafür auch einen Preis zahlen. Diesen Preis wollen aber viele nicht mehr zahlen."

Die "gesunde Vollzeit"

"Gesunde Vollzeit" - was das ist, wurde an der Uni Graz beforscht: Ein Arbeitszeitausmaß von maximal 30 bis 35 Stunden pro Woche. Die Überlegungen entstanden im Vorfeld zu den Beschlüssen der Regierung zur Flexibilisierung der Arbeitszeit, die im schwarz-blau-initiierten 12-Stunden-Tag endeten.

Derzeit ist Teilzeit immer noch ein vorwiegend weibliches Phänomen, verbunden mit geringeren Chancen auf Ausstieg, weniger Einkommen und auch weniger Pension. Die langen Jahre der Teilzeit sind der Hauptgrund dafür, dass Frauen nur einen Bruchteil der Pensionen der Männer erhalten und von Altersarmut bedroht sind, man spricht von der "Teilzeitfalle".

Die faire Verteilung von Arbeitszeit und Profit, die Reduktion der Normalarbeitszeit, auf ein Maß, das gesünder ist und dennoch ein Einkommen sichert, von dem man leben kann - das wäre ein Ziel, das die Vereinbarkeit mit Familie und Freizeit sichert und Männern wie Frauen ausreichend Kraft für den Beruf lässt. Für Mahlodji ist es Zeit, "von den Erfahrungen und den Forschungsergebnissen auszugehen anstatt die Paradigmen der Vergangenheit zu beschwören".