November 2010 in Graz. In einem Laufhaus wird eine Sexarbeiterin lebensgefährlich verletzt. Schnell steht fest, wer der Täter ist. Der als "Waldmensch" bekannte Mann war eigentlich im Gefängnis, befand sich aber im gelockerten Vollzug. Kurz nach seiner Flucht ins steirisch-niederösterreichische Grenzgebiet gibt es auch dort Mordalarm.
Transkript
David Knes:
November 2010 in Graz. In einem Laufhaus wird eine Sexarbeiterin lebensgefährlich verletzt. Schnell steht fest, wer der Täter ist. Der als Waldmensch bekannte Mann war eigentlich im Gefängnis, befand sich aber im gelockerten Vollzug. Kurz nach seiner Flucht ins steirisch-niederösterreichische Grenzgebiet gibt es auch dort Mordalarm. Herzlich willkommen bei Delikt, dem Kriminalpodcast der kleinen Zeitung mit Fällen aus der Steiermark und aus Kärnten. Mein Name ist David Knies, ich bin der Host dieses Podcasts und mir, ihr kennt ihn schon alle, gegenüber steht wieder Hans Breiteker, der langjährige Kriminalreporter der kleinen Zeitung. Grüß dich Hans.
Hans Breitegger:
Servus David.
David Knes:
Ja Hans, unser heutiger Fall führt uns in die, ich sag hier jetzt einfach einmal jüngere Vergangenheit, ins Jahr 2010 bzw. 2011 ist dann die Gerichtsverhandlung, zu der wir auch noch kommen werden und unser Fall beginnt mit einer Bluttat in Graz und zwar in einem Laufhaus, also es war auch Herbst gerade und es war ein Samstagabend. Was ist da passiert in der Grazer Prankergasse?
Hans Breitegger:
Das war in einem Laufhaus. Da war unter anderem die Prostituierte Magdalena D., 29 Jahre alt, aus Bulgarien beschäftigt. Die hat dort ein Zimmer gehabt und sie hat Besuch bekommen von einem Freier. Das war schon kurz nach zwischen halb zehn, halb elf.
David Knes:
Am Abend, ja.
Hans Breitegger:
Der war schon öfters dort, dieser Kunde, dieser Freier. Und eine Kollegin hat noch gehört, dass es zu einem heftigen Streit gekommen ist zwischen der Magdalena und diesem Freier.
David Knes:
Die haben das aus dem Nebenzimmer mitbekommen?
Hans Breitegger:
Die haben das aus dem Nebenzimmer bzw. aus einem Stock höher gehört, dass da gestritten wird. Und plötzlich sind diese Schreie verstummt und dann hat die Kollegin nur noch ein Röcheln gehört. Sie ist dann hinuntergerannt in den ersten Stock. Sie hatte nicht gewusst, welches Zimmer. Sie hat nur gehört, unten muss etwas passiert sein. Und auch eine andere Prostituierte ist aus ihrem Zimmer gekommen und hat gesehen, wie ein Mann – die Täterbeschreibung hat sie ziemlich genau abgeben können, diese Prostituierte – wie der geflüchtet ist. Und die zweite Prostituierte, die von oben heruntergekommen ist, ist ins Zimmer und hat gesehen, dass die im Blut überströmt dort liegt, die Magdalena, mit einem Schnitt vom Hals bis zur Wirbelsäule. Das war aufgeschnitten. Und wie sich dann herausgestellt hat, hat der Täter dabei ein Stanley-Messer benutzt, vorher aber noch ein Kabel und wollte sie erdrosseln.
David Knes:
Und davor glaube ich – und das Kabel stammt von einem Bügeleisen, wenn ich da einen Bericht von damals richtig im Kopf habe – mit dem Bügeleisen soll er auf sie eingeschlagen haben vorher noch, dann sie mit dem Kabel erwürgt und zusätzlich noch mit einem Stanley-Messer die Kehle aufgeschnitten.
Hans Breitegger:
Mit dem Stanley-Messer, das sollte der Mord dann sein, sie sollte sterben, das war zweifellos ein Mord, den er geplant gehabt hat.
David Knes:
Also es war ein äußerst brutaler Angriff, offensichtlich mit Mordabsicht auf diese Frau. Sie hat aber überlebt.
Hans Breitegger:
Ja, sie hat nur deshalb überlebt, weil die eine Kollegin von ihr erste Hilfe geleistet hat. Und nach stundenlanger Operation im Krankenhaus, da sind die lebensrettenden Maßnahmen dann gelungen. Die war wirklich an der Kippe. Sie hat auch einige Tage nicht einvernommen werden können.
David Knes:
Also ihre Kollegin hat sehr geistesgegenwärtig reagiert und sofort versucht, diese Blutung zu stoppen und da alles richtig gemacht in dieser Ausnahmesituation.
Hans Breitegger:
Richtig, richtig. Die hat ihr de facto das Leben gerettet.
David Knes:
Es gab dann eine Zeugenbeschreibung, wie du schon gesagt hast, und relativ bald ist man auf einen Verdächtigen gekommen, nämlich Friedrich O. Und Friedrich O. sitzt eigentlich im Gefängnis.
Hans Breitegger:
Ja, der sitzt im Gefängnis wegen diverser Straftaten. Er hat unter anderem – das war ein 48-jähriger Mann aus Niederösterreich, aus dem Wechselgebiet, auf niederösterreichischer Seite. Der ist gesessen wegen Einbrüche, diverser Einbrüche, wegen Vergewaltigung, wegen Körperverletzung. Insgesamt jetzt, nicht durchgehend, aber insgesamt bis dorthin 18 Jahre. Er war mit 30 das erste Mal mit dem Gesetz in Berührung gekommen. Im negativen Sinne, er ist dort verurteilt worden, damals verurteilt worden. Und er war zum Tatzeitpunkt, wie das mit der Prostituierte dann passiert ist, 48 Jahre alt.
David Knes:
Ja, und zu diesem Zeitpunkt ist er wegen Eigentumsdelikten – habt ihr damals, glaube ich, geschrieben – in der Justizanstalt Karlau gesessen eigentlich. Aber eben am Abend dieser Tat war er nicht im Gefängnis. Darauf kommen wir vielleicht noch. Er war nämlich im gelockerten Vollzug und im Zuge dessen durfte er mehrere Stunden, ich glaube immer abends, also er konnte im Gefängnis gewissen Arbeiten nachgehen und am Abend eben ein paar Stunden im Freien verbringen. Das ist jetzt kein klassischer Freigänger, aber ein gelockerter Vollzug, der eigentlich dann auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereiten soll. Aber er nutzte das für dieses Verbrechen.
Hans Breitegger:
Ja, an drei Tagen durfte er sich am Abend frei bewegen und da ist er jedes Mal in dieses Laufhaus gegangen und da hat er die Magdalena D. kennengelernt und möglicherweise hat er sich mehr erwartet als nur eine Geschäftsbeziehung, ich formuliere es jetzt mal so, möglicherweise hat er sich in die Frau verliebt. Das ist nie so richtig herausgekommen, auch nicht beim Gerichtverfahren. Faktum ist halt, dass es einen Streit gegeben hat und dass er dann halt zum brutalen Gewalttäter geworden ist. Der Friedrich O. ist dann geflüchtet.
David Knes:
Er ist natürlich nicht ins Gefängnis zurück.
Hans Breitegger:
Spurlos verschwunden und man hat sofort vermutet, dass er sich im steirisch-niederösterreichischen Wechselgebiet oder Grenzgebiet herumtreibt. Der Grund war klar, er hat jahrelang als Waldmensch in seiner Heimat im Bereich Kirchschlag am Wechsel – dort hat er vorher, bevor er oder zwischen seinen Inhaftierungen, jahrelang im Wald gelebt. Also er hat sich dort ausgekannt, er hat die Gegend wie seine Westentasche gekannt und deshalb hat sich die Fahndung auch dorthin verlegt oder konzentriert, sagen wir so.
David Knes:
Und da hat er diesen, du hast diesen Begriff jetzt schon erwähnt, Waldmensch, der wurde auch von den Medien, ich glaube auch die kleine Zeitung hat einmal so getitelt, der hat da wirklich gelebt, zeitweise im Wald.
Hans Breitegger:
Der hat im Wald gelebt. Der hat sich von Früchten oder auch, was er bei den Einbrüchen erbeutet hat, natürlich, ernährt, aber er hat sich dort eine Bleibe aufgebaut gehabt unter Ästen im Freien. Der hat im Wald dort gelebt.
David Knes:
Höchst ungewöhnlich. Ich würde das Bild kurz unseren Hörerinnen und Hörern beschreiben, wenn du es mir reichen kannst. Das Bild ist entstanden kurz nach seiner Festnahme. Es zeigt einen schmalgesichtigen, einen hageren Mann mit einem auffälligen Dicht, einen dunkelbraunen Schnurrbart und der geht zeitlich so über in einen wuschigen Backenbart – so, als hätte Hulk Hogan sich einige Zeit lang nicht rasiert. Am Kinn ist es so ein kürzerer, teilweise schon erkrauter Bart und sein Gesicht wirkt eingefallen, also er schaut nicht gut aus, die Wangenknochen treten daher vor, es sind sehr helle Augen und eben irgendwie blass insgesamt und wenn man sich einen Waldmensch vorstellt, dann könnte man sich so einen Menschen vorstellen.
Hans Breitegger:
Ja, man hat sich auf die Gegend, die steirische, niederösterreichische Seite, auf das Wechselgebiet, man hat sich da mit der Fahndung dorthin konzentriert. Es hat aber keine Spuren gegeben, das muss man schon sagen. Das waren nur Vermutungen.
David Knes:
Aber die Fahndung war im Gange, man wusste nicht genau, wo er ist, hat vermutet, er wäre in dieser Gegend, bis es dann zu einem weiteren Verbrechen kam. Was ist da passiert?
Hans Breitegger:
Es wurde eine Bäuerin in Wolzeck – das ist in Niederösterreich bei Kirchberg am Wechsel, also nur 20 Kilometer von Kirchschlag, wo der Friedrich O. zu Hause war, dort entfernt – ist die Frau umgebracht worden auf dem Bauernhof, der liegt auf einer kleinen Anhöhe. Das war am 27. November, einem Freitagvormittag. Entdeckt wurde diese Grausamkeit, die wurde auch erstochen, von einem der Brüder. Das war der Josef. Zum Vormittag, zum Tatzeitpunkt, haben der Josef und der Franz Birnbauer im Wald Holzarbeiten durchgeführt. Und die Schwester, die Maria Birnbauer, hätte sollen das Mittagessen zubereiten.
David Knes:
Die haben sich da einen Haushalt geteilt.
Hans Breitegger:
Die haben sich den Haushalt geteilt. Sie hat die Männer versorgt. Die Männer haben in der Wirtschaft gearbeitet. Ja, und dann sind die beiden Brüder nach Hause gekommen und es ist ihnen sofort aufgefallen, dass die Haustür offen stand, die Küche, dass die offen stand. Es war ja Schnee, es war Winter. Und die haben sich gewundert, dass die Tür offen ist. Es war eingeheizt, es war aber die Tür offen. Jetzt ist der Josef in die Küche gegangen und hat sofort gesehen, was passiert ist und hat laut geschrien und dann ist der zweite Bruder dort hinein. Und dann ist eh die Polizei verständigt worden und gekommen. So, der Gedanke natürlich, dass das der Friedrich O. sein könnte, der im Zuge der Fahndung auf der Flucht natürlich diese Bäuerin da unter Umständen ermordet hat. Das war der erste Verdacht. Ich bin aus dem Grund hingefahren, weil wir eigentlich von Graz aus nicht einen Bauernhof in Niederösterreich besuchen, wo ein Mord passiert ist, wenn es nicht eine ganz spektakuläre Geschichte ist. Aber wir haben vermutet – auch so wie die Kriminalbeamten –, dass da möglicherweise ein Bezug mit Friedrich O. da ist.
David Knes:
Das hast du von Anfang an vermutet?
Hans Breitegger:
Das war die Vermutung und das haben auch die Kriminalisten vermutet. Das war der Grund, warum ich am Samstagvormittag mit einem Fotografen nach Wolzeck gefahren bin. Und da kann ich mich jetzt noch genau erinnern, wir kommen hin, es war sehr schwer dort hinzukommen, weil Schnee gefallen war, weil es eisig war. Aber wir sind hingekommen und wir haben auf dieser Anhöhe aus dem Autobarken ausgestiegen. Kurze Worte mit Kollegen aus Niederösterreich, die wir gekannt haben von anderen Geschichten. Und dann läutet bei mir das Handy. Ich hebe ab, ist ein Beamter des Landeskriminalamtes Steiermark, den ich kenne. Der sagt, wir haben den Friedrich erwischt, gerade vor einer halben Stunde in der Nähe seines Elternhauses und er wird jetzt zum Posten Kirchberg hingebracht. Und wir sind alle zusammen ins Auto eingestiegen und sind nach Kirchberg gefahren, in der Hoffnung, dass wir die Möglichkeit haben, einfach ihn zu fotografieren. Das ist nicht geschehen, der Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, hat uns erklärt, dass sie das deshalb nicht machen, weil wir schon dort warten mit den Fotografen. Und ich habe dann gesagt, wir brauchen aber ein Foto. Wir haben die ganze Woche in eurem Sinne mitgefahndet, öffentlich, und jetzt tut's was für uns. Und dann hat er uns dieses Foto anfertigen lassen, das du beschrieben hast. Das war das Foto nach der Verhaftung von irgendeiner Dienststelle, weil in Kirchberg war er ja nicht gemacht worden, da ist er fotografiert worden.
David Knes:
Und den Medien zur Verfügung gestellt worden.
Hans Breitegger:
Richtig. Der Friedrich O., das hat uns der Franz Polzer damals vor der Dienststelle in Kirchberg erzählt, ist in der Nähe – ich habe es ja schon erwähnt – seines Elternhauses entdeckt worden von einer Nachbarin. Der sind aufgefallen Spuren im Schnee und das hat sie der Polizei mitgeteilt. Und da sind die Polizisten mit Hunden losgezogen und dann hat man ihn gefunden. Die Spuren haben direkt zu ihm geführt. Er war nicht weit weg. Er hat sich unter einem Holzstoß hinter dem Haus versteckt gehabt, aber die Spuren haben ihn verraten.
David Knes:
Da auch ein großes Glück eigentlich, dass da gerade Schnee gelegen ist, sonst wäre er vielleicht nie...
Hans Breitegger:
Ja, sonst wären wir vielleicht nie draufgekommen, da wären ja keine Spuren vorhanden gewesen. Er wäre sicher erwischt worden, früher oder später, aber in dem Fall ist es relativ rasch gegangen.
David Knes:
Wie ging es dann weiter? Hat man ihn sofort auch mit dieser zweiten Tat an der Maria Birnbauer, 20, 30 Kilometer weiter entfernt, in Verbindung gebracht?
Hans Breitegger:
Man hat ihn vorher schon in Verbindung gebracht, aber nach der Festnahme relativ rasch – zumindest zu dem Zeitpunkt, wie das Gespräch mit dem Franz Polzer und Journalisten stattgefunden hat – war schon klar, dass er nicht der Täter sein kann. Warum? Naja, er war nicht mobil. Es wäre sich nicht ausgegangen, dass er diese Strecke vom Tatort, vom Wolzeck dorthin geschafft hätte.
David Knes:
Zu Fuß bei Schnee.
Hans Breitegger:
Und man hat auch feststellen können, dass die Fußspuren zwar zum Versteck, aber vom Versteck weg keine Fußspuren mehr wegführen.
David Knes:
Aber laut Polizei war er dann, glaube ich, was ich... also ich habe vorher auch noch ein paar Lokalberichte aus dieser Gegend gelesen, der ist dann relativ lang, hat er trotzdem als Verdächtig gegolten, aus ermittlungstaktischen Gründen?
Hans Breitegger:
Nein, man wollte hundertprozentig ausschließen – also man hat ja keinen hundertprozentigen Ausschließungsgrund gehabt, man hat gesagt, die Spuren führen dorthin, es gehen keine Spuren weg, er war nicht mobil, das habe ich eh schon erwähnt. Aber man wollte das mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen. Ich kann mich erinnern, wie der Franz Polzer schon gesagt hat zu dem Zeitpunkt: Also für ihn kommt der Mann für diese Tat oben in Wolzeck kaum in Frage.
David Knes:
Und auch Friedrich O. selbst hat das bestritten, während er aber die Tat, den versuchten Mord, in Graz sehr wohl zugegeben hat.
Hans Breitegger:
Richtig, und das hat auch natürlich dafür gesprochen, dass er mit dem Mord unter Umständen wirklich nichts zu tun hat, weil natürlich, ein Mord und ein Mordversuch... aber bei ihm war es wurscht, weil er hätte sowieso lebenslang, aufgrund seiner einschlägigen Vorstrafen, lebenslang bekommen. Für mich ist noch eines interessant: Wir wollten... die Kollegen sind dann weggefahren, ich kann mich auch noch genau erinnern, und ich mit meinem Fotografen, wir haben dort noch den Posten fotografiert oder die Dienststelle, die Polizeidienststelle von außen und dann wollten wir uns auch zum Auto begeben und da ist mir dann der Josef Birnbauer entgegengekommen, der ist gerade von der Dienststelle heraus.
David Knes:
Der Bruder des Opfers.
Hans Breitegger:
Der Bruder der Maria Birnbauer. Und ich habe ihn dann angesprochen und habe ihn gefragt. Und der hat mir dann genau geschildert, wie das war, wie er seine 71-jährige Schwester vorgefunden hat. Ich kann die ganzen Details jetzt wörtlich einfach nicht nennen, wie er das geschildert hat. Aus Pietätsgründen möchte ich darüber jetzt gar nichts mehr sagen. Aber die beiden Brüder, das ist vielleicht auch noch ein Detail, haben ja auch lange als verdächtig gegolten. Die haben vom Freitag weg bis zu dem Zeitpunkt Samstagmittag, auch später noch einmal, man hat die auch nicht hundertprozentig ausgeschlossen.
David Knes:
Also dieser Fall ist für sich ein sehr mysteriöser Fall. Er hat zwar jetzt nur durch diese falsche Verdächtigung des Friedrich O. am Rande mit dem Fall von Graz zu tun, aber es sind trotzdem sehr bemerkenswerte Umstände, über die wir vielleicht kurz sprechen sollen. Unsere Podcast-Kolleginnen vom Kurier-Podcast Dunkle Spuren haben sich das vor einigen Jahren einmal genauer angeschaut und die berichten dann auch eben von vielen weiteren Verdächtigen – du hast jetzt schon die Brüder genannt –, die dann aber auch entlastet worden sind. Ein interessantes Detail in dem Fall: Einen Tag vor ihrem Tod hat die Maria Birnbauer 200.000 Euro abgehoben und nach dem Mord haben eben 1.000 Euro davon gefehlt. Später sind dann irgendwann einmal zwei fahrende Händler, also Gerhard R. und Maria R., unter Verdacht geraten. Das sind einfach... die fahren von Haus zu Haus und verkaufen ihre Güter und haben eben auch mit der Maria Birnbauer nachweislich Kontakt gehabt. Und die hat man sich genauer angeschaut, nachdem einer der Brüder der Polizei gemeldet hat, dass sich dieser Gerhard R. bei ihm gemeldet hat, weil angeblich hätte ihm die Maria Birnbauer noch Geld geschuldet, ungefähr 1.000 Euro, also dieser Betrag, der gefehlt hat, für eine Matratze, die er angeblich vor ihrem Tod noch verkauft hätte, und die wollte er dann zurückhaben. Die Beweise gegen Gerhard R. und Maria R. haben dann im Endeffekt auch nicht für eine Anklage ausgereicht, obwohl sogar DNA-Spuren auf der Geldbörse von Maria Birnbauer festgestellt worden sind. Und man hat auch feststellen können, dass man bei Gerhard R. geraubte oder gestohlene Geldtaschen von älteren Frauen auffinden konnte bei einer Hausdurchsuchung, aber im Endeffekt haben trotzdem all diese Beweise nicht ausgereicht für eine Anklage, weil auch diese DNA-Spur nicht ganz eindeutig war. Das ist aber eine längere Geschichte und eine ganz andere Geschichte. Es ist dann auch später noch eine Gruppe von Hausierern unter Verdacht geraten, die zuvor auch eine Frau umgebracht haben, in Salzburg war das, glaube ich. Aber auch da hat es nicht genügend Beweise gegeben bzw. konnte man in diesem Fall nachweisen, dass die das nicht waren. Und dieser Fall, der Mord an Maria Birnbauer, das ist ein Cold Case, der ist bis heute ungelöst. Aber jetzt kommen wir zurück zu unserem Fall in Graz und Friedrich O. Wie ging es da weiter? Der wurde ja dann, glaube ich, knapp zwei Monate erst nach dem Mord an Birnbauer durch ein DNA-Gutachten auch endgültig entlastet.
Hans Breitegger:
Das war dann der hundertprozentige Beweis, dass er nicht der Täter sein kann. Aber de facto ist das vorher schon für die Ermittler, ist es vorher schon festgestanden. Es geht sich einfach aufgrund... es hat keine Indizien gegeben, die wirklich dann in die Richtung Friedrich O. hingewiesen hätten. Man hat zuerst vermutet, das war schon klar, weil er war flüchtig, er war in der Gegend, da hat man das nicht ausschließen können, aber dann, wie er in Haft war, hat man relativ schnell – was ich mich erinnern kann, und war das sogar an dem Tag, wie wir da das Gespräch geführt haben vor der Polizeiinspektion mit dem Franz Polzer, da hat er schon so zu 90 Prozent den Friedrich O. ausgeschlossen als Täter, als Mörder an der Maria Birnbauer.
David Knes:
Wie war das bei der Tat in Graz? Wir haben ja schon jetzt erklärt, er war geständig in dieser Sache und dann am 3. bis 5. Oktober 2011 gab es dann den Gerichtsprozess in Graz vor einem Geschworenengericht, musste er sich verantworten. Wie war das?
Hans Breitegger:
Was das Motiv betrifft, da hat er keine klare Auskunft gegeben. Er hat... wie man gesagt hat, er ist erst zum Täter geworden, weil die Prostituierte diese Bindung, diese intensive, was er sich vorgestellt hat, nicht wollte oder weil sie Schluss machen wollte. Und da hat er ehrlich gesagt, das ist Schwachsinn, Trennung ist kein Motiv. Ich kann ja 30 andere haben. Also einerseits wollte er zum Ausdruck bringen, er ist eine Persönlichkeit, er kriegt locker drei andere, die mit ihm eine Beziehung eingehen.
David Knes:
Aber er hat offensichtlich diese Kränkung trotzdem nicht vertragen.
Hans Breitegger:
Und hat diese Kränkung offensichtlich nicht vertragen. Aber wie gesagt, das Motiv ist ja nicht hundertprozentig klar geworden. Und dann hat er das Gericht ignoriert. Er war so überheblich. Er hat zur Tat selber gesagt, das ist passiert. Ich weiß nicht warum. Das hat sich ergeben. Mit dem Scheißkabel, hat er es formuliert. Warum er dann letztendlich noch das Stanley-Messer dazugenommen hat, ist alles offen geblieben. Und dann hat er noch gesagt, naja, ich weiß es eh, ihr werdet mich heute verurteilen. Wörtlich hat er gesagt: Heute ist es wurscht, also das Motiv, heute ist es wurscht, heute werde ich verurteilt von den ganzen unterbelichteten Steirern – das war die Formulierung, so hat er das Gericht bezeichnet. Und dann hat er noch zum Schluss hingewiesen, dass er schwer krank ist und hat gesagt, ich weiß, dass ich nur noch ein Jahr leben werde, infolgedessen kann mich der Staatsanwalt am Arsch lecken. Das waren seine letzten Worte.
David Knes:
Und dann hat er nicht einmal mehr mit seinem eigenen Verteidiger geredet, hat unser Kollege Alf Lodnig damals, glaube ich, geschrieben. Ja, bei den Geschworenen ist das natürlich nicht gut angekommen, aber es war ohnehin klar, dass er schuldig ist. Also er wurde auch mit 8 zu 0 Stimmen, glaube ich, schuldig gesprochen und du hast es vorher schon anklingen lassen, zu lebenslanger Haft erneut verurteilt. Was jetzt noch offen bleibt, ist die Frage, wie kann es sein, dass eine Person, die offensichtlich so gefährlich ist, die schon zahlreiche Gewaltverbrechen auf dem Kerbholz hat, dann in einen gelockerten Maßnahmenvollzug kommt? Beziehungsweise es ist fälschlicherweise damals auch in manchen Berichten von einem Freigänger gewesen. Das ist nicht das Gleiche. Was ist da der Unterschied?
Hans Breitegger:
Ja, der gelockerte Strafvollzug, wir haben ja eingangs schon ein bisschen gesprochen drüber, da konnte er sich frei bewegen, da konnte er fix hinaus.
David Knes:
Zu gewissen Zeiten.
Hans Breitegger:
Zu gewissen Zeiten, vor allem am Wochenende, am Abend. Und beim Freigänger ist es so, der Freigänger geht in der Früh arbeiten, irgendwohin oder er hat Freigang, um sich eine Arbeit zu suchen und kommt dann, bevor die Häftlinge eingeschlossen werden, wieder zurück. Und inwieweit jetzt auch der im gelockerten Vollzug der Häftling noch am Abend zurückkommen muss und ob er vorgeschriebene Zeit hat, das kann ich nicht beantworten, das weiß ich nicht. Aber es gibt einen Unterschied. Der ist hinaus, um seinem Vergnügen nachzugehen. Beim gelockerten Vollzug kann er ja machen, was er will. Als Freigänger, eigentlich müsste er sich daran halten, an die vorgegebenen Schritte. Zum Beispiel, wenn es heißt, du kannst Arbeit suchen, dann darf er Arbeit suchen. Aber genau kontrolliert wird weder der Freigänger noch der Mann aus dem gelockerten Vollzug.
David Knes:
Es ist ja in beiden Fällen dann zu einem gewissen Grad ein Vertrauensvorschuss der Strafvollzugsbehörden, weil man eben davon ausgeht, diese Person, die ist jetzt nicht mehr gefährlich für die Gesellschaft. Und das war auch offensichtlich in diesem Fall so, was nachher für Kritik gesorgt hat und darauf würde ich jetzt vielleicht noch gern kurz eingehen, weil nach den Berichten von damals gab es insgesamt elf Vorstrafen und das waren jetzt nicht nur diese Eigentumsdelikte, sondern auch Gewalt- und Sexualdelikte und es gab dann auch eine parlamentarische Anfrage, aus der dann noch aus der Beantwortung herauskommt, dass er seine ehemalige Freundin im Jahr 1998 drei Tage lang im Kofferraum gefangen hielt und sie dabei auch mehrfach missbraucht haben soll.
Hans Breitegger:
Das war ja die Vergewaltigungsgeschichte. Da hat man ihn ja wegen dieser Vergewaltigung verurteilt.
David Knes:
Deswegen war er zuvor in Haft, aber ab November 2005 war er dann für eine sechsjährige Freiheitsstrafe in der Justizanstalt – aber damals dann eben konkret nur wegen Vermögensdelikten. Und das reguläre Strafende wäre der 3. Dezember 2011 gewesen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, warum durfte er, obwohl man weiß, dass er fähig ist zu diesen Taten oder solche Taten begangen hat, warum durfte er hinaus? Und zwar wurde während seiner Haft eine mögliche bedingte Entlassung geprüft und das Gericht stellt bei einer entsprechenden Vorbereitung dann eine vorzeitige Entlassung in Aussicht. Die Anstaltsleitung wollte ihn dann anscheinend schrittweise auf das Leben außerhalb des Gefängnisses vorbereiten und das enthielt eben auch die Arbeit auf dem Anstaltsgelände und wie wir jetzt schon gesagt haben, die zeitlich begrenzte unbeaufsichtigte Bewegung im Freien, die es dann auch ermöglicht hat, dass er diese Tat begeht. Bis zu drei Stunden am Tag waren das, glaube ich. Und das Interessante in diesem Fall, was auch aus dieser parlamentarischen Anfrage hervorgeht oder aus der Beantwortung: Es gab ein Fachteam der Justizanstalt, das die Vollzugslockerungen, die für ihn in Aussicht standen, nicht befürwortet hat, eben genau wegen seiner kriminellen Vorgeschichte. Und trotzdem, trotz dieses Hinweises, dass das keine gute Idee ist, hat sich die Anstaltsleitung damals anders entschieden. Das wurde auch vom Gewerkschaftsvertreter dann öffentlich kritisiert und auch als systematisches Problem dargestellt. Es wurden damals ja – man kann fast von einem Justizskandal sprechen –, weil wäre diese Entscheidung anders ausgefallen, wäre es vielleicht nie zu diesem Mordversuch in Graz gekommen.
Hans Breitegger:
Ja, was wäre, wenn? Das sind immer diese Geschichten, die dann hinterher überlegt werden und man kritisiert und man untersucht. Faktum ist, er war im gelockerten Vollzug. Ich habe in den 70er Jahren, Ende der 70er Jahre, glaube ich, zum Mord gegeben. Da ist in Graz ein Mörder vorzeitig entlassen worden und der hat sofort wieder einen Mord begangen. Und ich habe gehabt in Stein in Niederösterreich in den Mitte der 80er Jahre, wo ein wegen Mordes verurteilter Täter entlassen worden ist, der, Mutter und Kind völlig fremd, der ist da vorbei, obwohl der – eine Uhr hat er geraubt – dann in dem Haus umgebracht hat. Und dann hat es auch in den Anfang der 80er Jahre diesen grausamen Dreifachmord gegeben in Niederösterreich, wo ein Häftling auf Freigang ist, eingedrungen ins Haus, hat den behinderten Sohn dort zur Geisel genommen, hat gewartet, bis Mutter und Tochter auftauchen, und hat dann zuerst den Hund umgebracht, dann den Burschen umgebracht, dann die Mutter umgebracht, dann die Tochter umgebracht. Und man ist dann aus allen Wolken gefallen und hat gesagt: „Wie kann sowas passieren?“ Also das ist immer, den haben sie als nicht gefährlich eingestuft.
David Knes:
Das haben wir im Ort vorher gessen. In diesem Fall, im Fall von Friedrich O., hat ja eben genau ein Fachteam gesagt, nein, lasst den, also ermöglicht den nicht den gelockten Vollzug.
Hans Breitegger:
Ja, aber das ist dann die Entscheidung der Anstaltsleitung. Möglicherweise hat er sich gut geführt, das war ja bei den anderen auch so. Die haben sich gut geführt, dann kommt der Psychiater, der eine sagt, der ist nicht mehr gefährlich, der andere sagt, der ist gefährlich. Wir haben das immer wieder erlebt.
David Knes:
Eine Konsequenz daraus aus diesem Fall, weil ein Problem, so wurde das damals erklärt vom Justizministerium: Die damals geltenden Regeln, die haben nicht automatisch frühere Sexualdelikte oder Gewaltdelikte umfasst, sondern eben nur die Strafe wegen der aktuell bestraften Delikte. Also in seinem Fall waren das nur die Eigentumsdelikte, die als Grundlage für diese Entscheidung herangezogen worden sind.
Hans Breitegger:
Ja, aber das ist schon mal ein Fehler. Das ist schon mal ein gravierender Fehler. Man muss alles einbeziehen. Der endet ja nicht, wenn er Körperverletzungen vorher schon gehabt hat, dann zwar ein Einbrecher ist, was passiert, wenn aber ein Einbruch entdeckt wird von jemandem? Das muss man alles einbeziehen und das findet oft nicht statt.
David Knes:
Als Konsequenz hat das Ministerium damals dann eine Ausweitung der verpflichtenden Risikoprüfungen angeordnet und da soll auch frühere Sexualdelinquenz, wie es in dieser Antwort heißt, bei der Verbüßung späterer Strafen dann berücksichtigt werden. Also das war eine Änderung, die sich dann aufgrund dieses Falles Friedrich O. ergeben hat. Ja, lieber Hans, damit haben wir, glaube ich, diesen Fall ausführlich genug geschildert und auch das Problem, das damals bestanden hat mit dem gelockerten Vollzug, was auch bestimmt heute noch zu einem gewissen Grad ein Thema ist, ausführlich genug besprochen. Ich sage dir vielen Dank, dass du uns diesen Fall mitgebracht hast und wer unseren Podcast, unsere letzte Aufzeichnung von Delikt gehört hat, also unserer beide, der weiß, dass du ein neues Buch hast. Es heißt „Gendarmenmorde in der Steiermark seit 1881“. Den letzten Gendarmenmord in dem Buch und auch in der Steiermark insgesamt, weil die Gendarmerie gab es ja nur bis 2005, den haben wir uns in der letzten Folge eben angeschaut. Und für alle, die das Thema interessiert oder die sich auch für das Buch interessieren, es gibt eine Lesung am Freitag, dem 6.11.2026, um 19 Uhr. Wo findet das statt?
Hans Breitegger:
In der Raiffeisenbank Gratwein.
David Knes:
Ja?
Hans Breitegger:
Und ja. Es gibt auch ein Rahmenprogramm. Es gibt ein Rahmenprogramm. Eine Sängerin wird als Untermalung einige Krimi-Lieder, Krimi-Songs präsentieren. Eintritt: freiwillige Spende und der reine Erlös geht an die „Good Vibes“. Das ist ein karikativer Verein in Gratwein-Straßengel.
David Knes:
Okay, also eine tolle Veranstaltung, die ich allen ans Herz legen kann. Ich werde auf alle Fälle dort sein am Freitag, dem 6. November, um 19 Uhr. Ansonsten sage ich vielen Dank, lieber Hans, vielen Dank, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Bis zum nächsten Mal bei Delikt. Tschau.
Hans Breitegger:
Tschüss, baba.
