Die zunehmenden Versorgungsprobleme in manchen Spitälern bzw. Engpässe bei Kassenordinationen bestimmter Fachrichtungen haben für die Rektoren der Medizin-Universitäten nichts mit einem Ärztemangel, sondern mit einem Verteilungsproblem zu tun. Ein Ausbau der Studienplätze sei als Gegenmaßnahme deshalb sinnlos, würde aber die Qualität von Ausbildung und Studium und auch die Österreicher-Quote beim Aufnahmeverfahren gefährden, warnten sie bei einem Hintergrundgespräch.

Heuer gibt es 15.400 Bewerber und 1850 Studienplätze an den Medizinischen Universitäten Wien, Innsbruck und Graz sowie der Medizin-Fakultät der Uni Linz. Die Zahl der Anmeldungen ist seit Jahren leicht rückläufig. Der Aufnahmetest wurde diesmal um Fragen zu "Emotionen Regulieren" erweitert.

Vor allem aus den Ländern kommt regelmäßig der Ruf nach zusätzlichen Anfängerplätzen. Zuletzt hat sich auch Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) in seiner Rede "zur Zukunft der Nation" für eine Aufstockung ausgesprochen, um die Versorgung mit Kassenärzten sicherzustellen. Für die Medizinuni-Rektoren wird damit allerdings vom tatsächlichen Problem abgelenkt.

Probleme bei Verteilung

"In Österreich gibt es kein quantitatives, sehr wohl aber ein qualitatives Problem", betonte Markus Müller, Rektor der Medizin-Uni Wien am Donnerstagnachmittag vor Journalisten. Die Versorgungsdichte sei mit 5,5 Ärzten pro 1.000 Einwohner die zweithöchste in der OECD. Die Versorgungsmängel würden durch Probleme bei der Verteilung entstehen, etwa zwischen Stadt und Land oder Mangel in bestimmten Fachrichtungen. Gleichzeitig leide das System darunter, dass es deutlich weniger Pflegepersonal gebe als etwa in Deutschland oder der Schweiz.

Dass in den 1960ern bei 11.000 Ärzten noch vor einer Ärzteschwemme gewarnt wurden und man nun bei über 48.000 von einem Ärztemangel rede, nannte Medizin-Uni-Graz-Rektor Hellmut Samonigg "absurd". Die Ärzte seien offensichtlich nicht dort, wo man sie brauche. Die Forderung nach mehr Ausbildungsplätzen sei zur Lösung der aktuellen Probleme jedoch sinnlos, dauere es doch 13 Jahre, bis jemand zum Facharzt ausgebildet ist. "Das ist schlichtweg ein Ablenkungsmanöver." Ohne echte strukturelle Maßnahmen im System, die etwa die Abwanderung von Spitalsärzten in das Wahlarztsystem stoppen, drohe allerdings ein "Erdbeben".

Mehr Administrativkräfte

Als Gegenmaßnahmen plädierte Müller u.a. für mehr Administrativkräfte, damit Ärzte etwa nicht mehr ihre Zeit damit verbringen, freie Betten für Patienten zu suchen. Bei den Pflegekräften brauche es ebenfalls mehr Personal, das werde ohne Zuzug nicht gehen. Auch auf der Angebotsseite könnte man einiges ändern, sagte er mit Verweis auf das "sehr spitalslastige" System. Samonigg plädierte dafür, "ganz stark standes- oder lokalpolitische Dinge" zurückzudrängen. Es sei nicht nachvollziehbar, wenn in manchen Häusern Personal fehle, während andere überhaupt nicht ausgelastet seien, nur weil es "an jeder Ecke" ein Spital gebe.

Kein Teil der Lösung ist für die Medizin-Uni-Rektoren jedenfalls die Zahl der Studienanfänger. Österreich bilde schon jetzt deutlich mehr Jungärzte aus als die Nachbarländer, rechnete Müller vor. 1.850 Anfängerplätzen pro Jahr stünden in der ähnlich großen Schweiz 1.300 und im zehn Mal so großen Deutschland 12.000 gegenüber. Bis 2028 soll die Zahl an den öffentlichen Unis (Medizin-Unis Wien, Graz, Innsbruck, Medizin-Fakultät der Uni Linz) auf 2.000 Anfängerplätze steigen. Das ist für Müller "gerade noch qualitativ vertretbar", reize allerdings die Leistungsfähigkeit der Unis massiv aus.

Exportschlager

Ein weiterer Ausbau würde die Qualität der Ausbildung gefährden, die Absolventen - sollten die Rahmenbedingungen sich nicht ändern - aber ein "Exportschlager" bleiben. Aus Befragungen wisse man, dass 15 Prozent der Absolventen mit österreichischem Maturazeugnis nach dem Abschluss das Land verlassen, bei Deutschen und Südtirolern 45 Prozent. Und zwar weil sie andernorts gleich eine Ausbildungsstelle finden und im Wunschland die Qualität der postgraduellen Ausbildung besser sei. Die Absolventen würden sich mit ihren Qualitätsansprüchen eben nicht wiederfinden, wenn sie in einer allgemeinmedizinischen Kassenpraxis 3,5 Minuten Zeit pro Patient hätten, kommentierte das Wolfgang Fleischhacker, Rektor der Medizin-Uni Innsbruck.

Dazu komme, dass die EU bei einem weiteren Ausbau der Studienplätze die aktuelle Regelung, wonach 75 Prozent der Anfängerstudienplätze für Bewerber mit österreichischem Maturazeugnis reserviert sind, kippen könnte, warnte Fleischhacker. Immerhin sei diese mit dem Argument erlaubt worden, dass andernfalls ein Mangel in der ärztlichen Versorgung drohe.

Studiengebühren refundiert

Auch der jüngste Vorstoß von Sozialversicherungs-Chef Peter Lehner ist für die Rektoren keine Lösung, um mehr Ärzte an versorgungswirksame Stellen zu bekommen. Dieser hat vorgeschlagen, dass Medizin-Studierende Studiengebühren bezahlen und erst refundiert bekommen, wenn sie im solidarischen Gesundheitssystem arbeiten. Es sei zwar nachvollziehbar, dass man aus einem öffentlich finanzierten Gratis-Studium eine Verpflichtung ableite. Hier gebe es aber Einschränkungen durch EU- und Verfassungsrecht, erklärte Meinhard Lukas, Rektor der Uni Linz. Wähle man Konstruktionen, die die Erwerbsfreiheit garantieren, sei hingegen die Wirksamkeit nur noch gering, so der Jurist. Dazu kommt laut Samonigg, dass überhaupt nicht alle Medizin-Absolventen nach dem Abschluss als Ärzte arbeiten, sondern etwa auch in der Forschung.