Hinweis: Dieser Text ist ursprünglich bei Futter, dem jungen Magazin der Kleinen Zeitung, erschienen.

An ihren ersten Tag im Kindergarten kann sich Katja Schöffmann noch so erinnern, als wäre es gestern gewesen: "Es war laut und furchtbar. Ich bin in einer Ecke gesessen und habe mich mit mir selbst beschäftigt, bis mich meine Mama um dreiviertel 2 abgeholt hat." Da war Katja gerade einmal drei Jahre alt. Mit vier fing sie bereits an Dinge zu machen, die eigentlich für Volksschulkinder vorgesehen sind. "Ich war intelligenzmäßig schon weiter. Da habe ich zum Beispiel schon die Kleine Zeitung vorgelesen, auch wenn ich den Text vielleicht noch nicht verstanden habe", erzählt sie.

Auch in der Schule fühlte sich Katja nicht unbedingt wohl: "Heute denke ich mir, ich wollte alle meine Mitschülerinnen und Mitschüler auf den Mond schießen und mich mit den Lehrerpersonen einsperren. Dann hätte ich noch mehr gelernt." Und heute weiß sie auch, warum das so war: Katja hat Autismus. Diagnostiziert wurde das aber erst Jahrzehnte später, da war sie bereits 33. "Im Kindergarten und in der Schule hat keiner was gemerkt. Damals, Anfang der 90er, hatte keiner eine Ahnung", sagt die heute 37-Jährige, die an der Uni erstmals richtige Freundinnen und Freunde fand. Dort studierte sie Spanisch und Publizistik. Dass sie ihre Diagnose erst so spät bekommen hat, ist nicht überraschend. Generell schätzt man, dass in Klagenfurt gut 1000 Menschen im Spektrum einzuordnen sind, aber nicht alle befinden sich in Betreuung, so Katja: "Bei Frauen bleibt Autismus oft ein Leben lang unerkannt." 

Katja Schöffmann
Katja Schöffmann
© Mann

Autismus-Diagnose als Erleichterung

Für Katja war ihre Diagnose jedenfalls eine große Erleichterung. Plötzlich ergab vieles Sinn: "Ich bin in Tränen ausgebrochen. Es hat sich ja nie jemand etwas gedacht, nie ist es aufgefallen." Aber wie wirkt sich der Autismus auf ihren Alltag aus? "Ich lebe damit gut. Ich habe extrem viele Talente, aber ich bekomme alles mit. Das muss kein Nachteil sein", sagt sie, während ihr Blick zum Fenster schweift. "Mir fallen viele Details auf. Zum Beispiel bei Häusern, dass Ziegel anders gefärbt sind." Ihre Ohren aber laufen 24 Stunden auf Hochtouren. Da können Lärm oder ein klingelndes Telefon schon unangenehm sein. "Doch es hilft mir auch bei der Musik. Ich spiele Klavier und Violine."

Medizinisch gesehen wird Autismus als Entwicklungsstörung eingestuft. "Ich finde nicht, dass es eine Behinderung ist, eher eine Fähigkeit", sagt die Kärntnerin, die bereits seit ihrem 18. Lebensjahr alleine lebt und seit der Diagnose zwei soziale Autismusgruppen für Erwachsene besucht. "Je nachdem, wo man am Spektrum ist, braucht man mehr oder weniger Unterstützung", weiß Birgit Bierbaummer. Sie arbeitet als Gesundheitspsychologin beim Verein Inklusion Kärnten. Manche Betroffenen leben alleine und haben sogar einen Job – oder mehrere, wie im Fall von Katja, die nicht nur Journalistin ist, sondern auch in mehreren Sprachen Nachhilfe gibt. Zuvor hat sie unter anderem ein Praktikum in Brüssel absolviert. Andere Betroffene wiederum haben Schwierigkeiten in der Kommunikation und im sozialen Bereich. Bierbaumer weiß, dass Menschen mit Autismus im Alltag oft diskriminiert werden. "Das fängt schon an, wenn man das Wort 'Autist' als Schimpfwort verwendet. Mobbing ist definitiv ein Problem und oft traut man den Betroffenen sehr wenig zu." 

Autismus und Stereotypen

Das mag daran liegen, dass Autismus mit vielen Stereotypen behaftet ist. So werden Menschen mit Autismus in Filmen und Serien gerne mit Sonnenbrille und Kopfhörern dargestellt, weil sie so äußere Reize abschirmen wollen. "Ich kann mich aber gut konzentrieren und fokussiert arbeiten. Nur wenn im Büro zwei Telefone läuten, dann brauch ich meine Kopfhörer", sagt Katja, die auch nicht unbedingt jeden Tag das Gleiche essen muss – ein weiteres Vorurteil. "Bis ich 18 war, hat die Mama gekocht. Als ich an der Uni war, habe ich jeden Tag irgendwas gegessen und jetzt schau ich mehr auf meine Gesundheit und mache mir einen Plan." 

Im Interview hält die junge Frau regelmäßig Blickkontakt: "Auch das ist überhaupt kein Problem."  Dass es Menschen mit Autismus an Empathie fehlen soll, kann sie ebenfalls nicht bestätigen: "Wir sind hypersensibel und auch hyperempathisch und nehmen viel zu viel wahr, auch emotional." Nur was das Deuten von Gesichtsausdrücken angeht, so liegt sie oft falsch: "Da tu' ich mir schwer. Ich denke, warum sieht jemand überrascht aus? Er oder sie könnte auch irritiert sein." 

Generell ist es so, dass jeder und jede Betroffene seinen bzw. ihren eigenen Platz im Autismus-Spektrum hat. Deshalb sind die Auswirkungen oft so verschieden.

Mehr als eine Diagnose

Ohnehin ist es aber so, dass Katja viel mehr auszeichnet, als ihre Diagnose. Manche ihrer Eigenschaften mögen vielleicht damit zusammenhängen – so hat sie bereits als Kind Bücher immer akribisch nach Titeln sortiert, der Teppich musste immer gerade liegen und Schubladen fest verschlossen sein. Aber sie ist auch begeisterte Klavier- und Violinespielerin, hat vor Kurzem das Schachspielen aufgenommen – "Gegen den Computer waren acht Spiele unentschieden, zwei habe ich gewonnen" – und sie ist Hobbyastronomin. Covid-19 machte ihr wie anderen auch zu schaffen. "Die Coronapandemie macht mir schon zunehmend Angst. Am Anfang war es für mich und andere Autismus-Freundinnen und -Freunde noch angenehm, da haben wir den Supermarkt für uns allein gehabt und konnten autismusfreundlich einkaufen gehen. Ich war zufrieden", sagt sie. "Aber ich mache mir Sorgen um den Planeten."