Faszinierend und respekteinflößend. Irgendwo dazwischen liegt das Gefühl beim Betreten des Roten Platzes in Moskau. Basilius-Kathedrale, Lenin-Mausoleum, die Kreml-Mauern geben Zeugnis davon, wie oft auf diesem Platz Geschichte geschrieben wurde. Ein Ort schrecklicher Verbrechen, pompöser Feierlichkeiten, beängstigender Propaganda- und Militäraufmärsche. Auf diesem Platz, dessen russischer Name eigentlich "schöner Platz" bedeutet, wurden Gottesdienste gefeiert, Zaren gekrönt, Hunderte Menschen hingerichtet, legendäre Konzerte veranstaltet, immer wieder Fahnen geschwenkt.
 
Ich erinnere mich dunkel an den 7. November 2003. Auf dem Roten Platz wurden viele Fahnen geschwenkt, Schilder mit Lenin-Bildern in die Höhe gehalten, militärische Formationen präsentiert. Der Tag der Oktoberrevolution war einst der wichtigste Nationalfeiertag in der Sowjetunion. Auch in Russland wurde er jahrelang noch gefeiert, bis er schließlich als Feiertag abgeschafft und 2005 durch den Tag der Einheit des Volkes am 4. November ersetzt wurde. Dieser 7. November 2003 war ein strahlend sonniger Novembertag. "Wenn es eine Parade gibt, scheint hier immer die Sonne. Dafür sorgt das Militär mit seinen Flugzeugen", sagten die russischen Kommilitonen damals, als die erste Amtsperiode von Präsident Wladimir Putin sich dem Ende zuneigte.
 
Auch heute, wenn Russland
mit der jährlichen Parade am 9. Mai den Sieg über Nazi-Deutschland feiert, wird wohl wieder die Sonne scheinen. Mit "Wolkenimpfungen" scheint die russische Luftwaffe gute Erfahrungen gemacht zu haben, auch wenn Meteorologen nur eine begrenzte Wirkung sehen. Jedenfalls werden künstliche Kristallisationskerne (Silberiodid) in Wolken eingebracht, an denen sich dann Wasserdampf niederschlägt. Die Wolken, falls sie eine "Bedrohung" darstellen, sollen in einigen Kilometern Entfernung abregnen – und über dem Roten Platz wird sich ein Sonnenfenster für die Parade auftun.
 
Abgesehen davon wird heute in Moskau vieles wie so oft am 9. Mai sein. Tausende Soldaten werden aufmarschieren, Panzer anrollen, Raketen und anderes Kriegsgerät präsentiert. Russland will dem Westen seine vermeintliche militärische Überlegenheit präsentieren. Präsident Putin gab gestern schon einen Vorgeschmack auf die jenseitigen historischen Parallelen, die er heute wieder ziehen wird. "Wie 1945 wird der Sieg unser sein", sagte Putin am Sonntag. "Heute kämpfen unsere Soldaten wie ihre Vorfahren Schulter an Schulter für die Befreiung ihrer Heimat vom Nazidreck." Eine Gleichsetzung, die auch nach mehr als zehn Wochen Krieg noch fassungslos macht. "Unter enor­men Op­fern hatte die So­wjet­uni­on Hit­ler be­siegt. Opfer, die vom rus­si­schen, aber auch von an­de­ren Völ­kern er­bracht wur­den – vor allem auch von Ukrainern", schreibt unsere Russland-Expertin Nina Koren in ihrem sehr lesenswerten Leitartikel. "Am heu­ti­gen Tag wird Putin seine Nach­barn, die von einem jü­di­schen Prä­si­den­ten an­ge­führt wer­den, er­neut als Nazis dif­fa­mie­ren."
 
Putin wird sich feiern lassen, auch wenn er von einem "Sieg" in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine, weit entfernt ist. Der "Tag des Sieges" wird wieder einmal politisch und propagandistisch instrumentalisiert – aus Rückbesinnung auf die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und Versöhnung wurde über die Jahre eine Art Kriegshysterie. Acht Kampfflugzeuge werden über dem Roten Platz eine "Z"-Formation, in Anlehnung an die "Spezialoperation" in der Ukraine, fliegen. Insgesamt sollen 77 Flugzeuge Teil einer Flugshow sein. Was wird der russische Präsident heute machen? Putin könnte der Ukraine offiziell den Krieg erklären und die Generalmobilmachung befehlen. Oder er wird einen "Sieg" in der Ost-Ukraine verkünden. Unverhohlene Drohungen gegen den Westen wird es auch geben. Und über dem Roten Platz wird die Sonne scheinen – obwohl der Himmel allen Grund zum Weinen hätte.
 
Einen ruhigen Wochenstart wünscht