Der Eiger ist kein gewöhnlicher Berg, nicht irgendein vergletscherter Kalkstock im Berner Oberland. Dieser 3967 Meter hohe Berg ist eine vielgestaltete Persönlichkeit, deren bizarrste Seite die Nordwand ist.


Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine Touristenattraktion, ein Lunapark aus Eis und Fels, wo die betuchte Klientel von der Kleinen Scheidegg aus mit dem Feldstecher das Sterben der Bergsteiger mit ansehen konnte. Durch dessen Herz eine Bahn tuckert. Mitten hindurch. Bis hoch hinauf auf das Jungfraujoch. Ein Felsenpalast in schwindelerregender Höhe mit Restaurants und Bars. Des Eigers Nordwand war in der Zeit, als Bergsteiger noch wie Heroen in die Berge zogen, der Gipfel der alpinen Möglichkeiten – und bleibt heute eine begehrenswerte Trophäe für Alpinisten mit der nötigen Schneid.

Peter Habeler und David Lama in der Eiger-Nordwand
Peter Habeler und David Lama in der Eiger-Nordwand
© Bergwelten Servus TV/ Stefan Siegrist
David Lama in Action
© (c) Ferrigato


Der Berg blieb aber auch Spielball der Weltelite, wenn der viel zu früh verstorbene Ueli Steck in 2 Stunden, 22 Minuten und ein paar Sekunden die Nordwand hochrannte, als wäre diese 1800 Meter hohe Vertikale in ihrer klassischen Heckmair-Route vom ersten Pfeiler über Götterquergang und Spinne nur ein Flanierstück (ein guter Alpinist braucht normalerweise zwei Tage). Gleichzeitig rückt diese Wand aber aus dem direkten Blickfeld der Kreativ-Alpinisten. „Jede logische Route ist schon gemacht“, sagt der Tiroler Ausnahme-Könner David Lama, der im Vorjahr gemeinsam mit dem großen Peter Habeler, damals 74 Jahre alt, die Nordwand machte. Der Eiger sei, so Lama, nicht mehr das Nonplusultra – extra vorbereitet habe er sich nicht.

 

Der Eiger mit seiner mächtigen Nordwand
© ServusTV / Stefan Voitl

Aber der Reihe nach. In den 1930er-Jahren entwickelte sich die Nordwand zur „Mordwand“, als der Berg Seilschaft um Seilschaft verschlang. 1936, nach einem Annus horribilis, als die zwei deutschen Bergsteiger Andreas Hinterstoißer und Toni Kurz sowie die Österreicher Edi Rainer und Willi Angerer sterben, wird der Berg gesperrt. Aber nur kurz. Zwei Jahre später steigen der Wiener Fritz Kasparek und der Kärntner Heinrich Harrer als Seilschaft sowie die beiden Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig Vörg in die Wand.
„Mich fasziniert die seelische Stärke dieser Männer. Die zwei Österreicher hatten ja nur mäßige Steigeisen und davon nur ein Paar“, erzählt Filmemacher Lutz Maurer, der 1987 einen Eiger-Klassiker produzierte: Die „Land der Berge“-Sendung „Nordwand – Mordwand“. Als Maurer mit Kameramann Fulvio Mariani und Manfred Gabrielli (wie Maurer Mit-Begründer von „Land der Berge“) im Berner Oberland auftauchte, war ihm klar, dass dies die Wand der Wände war. Und ebenjene Wand wurde am 24. Juli 1938 von den bereits verstorbenen Bergsteigern Harrer, Kasparek, Heckmair und Vörg, die sich in der Wand zu einer Seilschaft vereinten, erstmals durchstiegen. Der „Kampf“ um den Eiger wurde von der Propaganda der Nationalsozialisten ausgeschlachtet. Die Zeitungen überschlugen sich mit Jubelmeldungen. Vom „Führer“ des Deutschen Alpenvereins Arthur Seyß-Inquart bis hin zu Reichsminister Rudolf Heß reichte die Nazi-Gratulantenschar. Unabhängig von der grauenhaften Hochstilisierung „deutscher Tugenden“ durch die Nationalsozialisten bleibt die Durchsteigung der Nordwand eine alpinhistorische Leistung ebenjener Bergsteiger.

Lutz Maurer (dritter von liniks) mit Heckmair (fünfter von links) und Harrer (zweiter von rechts) bei der Präsentation des Eiger-Filmes
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Die Jahre gingen ins Land und die Rekorde purzelten am Stück. Die Nordwände von Eiger (3967), Grandes Jorasses (4208) und Matterhorn (4478) galten als Muss. „Das war eine Frage des Renommees. Die Durchsteigung der Eiger-Nordwand bleibt aber gefährlich“, sagt Alpin-Legende Kurt Diemberger, dem gemeinsam mit Wolfgang Stefan das Triple gelang. Man müsse schnell sein und sich vor Steinschlag und Lawinen in Acht nehmen.

Rekord in der Seilschaft

Auch Peter Habeler stellte am Eiger 1974 gemeinsam mit Reinhold Messner einen Rekord auf: schnellste Nordwand-Begehung in einer Seilschaft. Zehn Stunden hatten sie gebraucht. Und im Vorjahr ein weiterer Meilenstein: Mit 74 Jahren ging Habeler gemeinsam mit Lama die Heckmair-Route und gilt damit als bis dato ältester Nordwand-Begeher. Für Lama ist die Eiger-Nordwand jedoch etwas, „was dazwischen liegt“: „Wenn ich im Herbst zum Lunag Ri nach Nepal fahre, den ich solo erstbegehen möchte, bereite ich mich gezielt darauf vor. Da habe ich nur einen Versuch. Der Eiger ist zwar auch nicht an jedem beliebigen Tag möglich und es gehört auch ein bisserl Vorbereitung dazu, aber ich weiß, wo die Schlüsselstellen und die Biwakplatzerln sind.“ Den Eiger, so Lama, mache man gern, wenn es sich ausgeht: „Aber den Projekt-Status, wo man sich extra dafür Zeit nimmt, den hat die Wand verloren.“
Im Bergwelten-Film von „Servus TV“ wird deutlich, mit welcher Leichtigkeit Lama die Heckmair-Route geht: „Aber das muss man schon vorwegschicken, auch für Top-Alpinisten ist die Wand etwas, wo man nicht gerne drinnen ist, wenn die Verhältnisse schlecht sind.“ Unterschätzen dürfe man die einstige „Mordwand“ nicht: „Der Eiger hat nach wie vor seine Ernsthaftigkeit.“ Er bleibt groß und steil und eine Rettung ist extrem schwierig. Und worüber im Schatten der Nordwand niemand spricht: die Erstbesteigung des Eigers. Die war am 11. August 1858 und jährt sich jetzt zum 160. Mal. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Jungfraujoch
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