Wie lässt sich jahrtausendealte Geschichte lebendig vermitteln? Besonders kreative Ansätze lassen sich in Deutschland rund um den Bodensee finden. Etwa im Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen, wo die Pfahlbaukultur der Stein- und Bronzezeit, 4000 bis 850 vor Christi, zum Leben erweckt wird. Die Tour beginnt drinnen im Archaeorama mit einem virtuellen Tauchgang mit 360-Grad-Panorama. Mittels Multimedia-Schau wird erklärt, wie Taucharchäologen versunkene Dörfer unter Wasser erforschen und warum diese auf Pfählen gebaut wurden. Spätestens, wenn sich das Tor nach draußen öffnet und den Blick auf die 23 rekonstruierte Pfahlbauhäuser freigibt, fühlt man sich auf magische Weise in eine andere Zeit zurückversetzt.

Einblicke in das Leben vor 6000 bis 3000 Jahren

Dann beginnt der Rundgang am Ufer des Bodensees durch die verschiedenen Häuser, von der Speisekammer über Werkstätten bis zur Dorfhalle. Nachbildungen und Originalfunde, etwa Werkzeug, Schmuck, Tongeschirr oder Reste von Äpfeln und Brot, machen den Alltag der Steinzeitmenschen erlebbar. Das Museum ist Teil des Unesco-Weltkulturerbes der "Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen", gehört zu den größten archäologischen Freiluftmuseen Europas und feiert heuer sein 100-jähriges Jubiläum.

Schulklassen dürfen unter Anleitung der Museumsmitarbeiter selbst Hand anlegen und mit steinzeitlichen Methoden Messer aus Feuerstein herstellen. Gar nicht so schwer, mit einem zuvor mit Sandstein zurecht geschliffenen Holzstück, in dem das Messer mittels Birkenteer-Kleber befestigt wird.

Messer aus Feuerstein selbst gemacht
© Friesenbichler

Auf den Spuren der Steinzeitjäger

Knapp 50 Kilometer nordwestlich vom Bodensee geht es im Eiszeitpark Engen noch weiter in die Geschichte zurück: Im Brudertal rund um die bedeutende urzeitliche Fundstelle Petersfels können Besucher die Umwelt der steinzeitlichen Rentierjäger vor 15.000 Jahren erkunden. Anhand eines Naturlehrpfads wurde dort die späteiszeitliche Vegetation rekonstruiert.

Umgeben von grünen Hängen befindet sich die Petersfels-Höhle, wo Jägergruppen damals regelmäßig ihr Lager aufschlugen, um Rentiere, Wildpferde und andere Tiere der eiszeitlichen Kältesteppe zu jagen. Bei Ausgrabungen fand man 1,5 Tonnen Knochen von eiszeitlichen Tieren, Feuersteinartefakte, Geweihgeräte sowie Kunstwerke aus Gagat. 2003 wurde der Eiszeitpark angelegt, der ganzjährig kostenlos zugänglich ist. Auch die dazugehörige Gnirshöhle, wo Siedlungsspuren von Eiszeitmenschen gefunden wurden, kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

Hinunter in die Gnirshöhle, wo Eiszeitmenschen siedelten
© Friesenbichler

Kochen und essen wie in der Eiszeit

Wie damals gekocht wurde, zeigt Experimentalarchäologe Rudolf Walter, stilecht in selbst gefertigtem Hirschledergewand, alle zwei Jahre bei den Petersfelstagen, die er mit Kollegen organisiert. Während der in Kräuter gewickelte Pferdebraten zwischen heißen Steinen im Erdbackofen schmort, garen Spieße mit Rentierfleisch, Pilzen und Beeren über offenem Feuer. Dann wird verkostet.

Neben dieser geschmacklichen Zeitreise gibt es noch weitere Programmpunkte auf den Petersfelstagen: Jagdwaffen wie Speerschleudern werden vorgeführt, Steingeräte hergestellt, Muschelschmuck gefertigt und auf alte Weise geräuchert.

Experimentalarchäologe Rudolf Walter gibt Eiszeit-Kochkurse
© Friesenbichler

Klosterleben auf der Mittelalter-Baustelle

Ein Zeitsprung ins frühe Mittelalter erwartet einen im Campus Galli in Meßkirch zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee. Auf 25 Hektaren mitten im Wald wird dort seit zehn Jahren der St. Galler Klosterplan, der im 9. Jahrhundert von Mönchen des Klosters Reichenau gezeichnet wurde, nachgebaut. Die älteste überlieferte Architekturzeichnung des Abendlandes ist Basis für das Freilichtmuseum, das gleichzeitig Baustelle und somit in ständigem Wandel ist.

Hinter dem Projekt steht ein Verein mit 50 festangestellten Mitarbeitern, die Hälfte davon sind Handwerker. Unterstützt werden sie von etwa zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern pro Woche, egal ob Student oder Manager, jeder ab 16 Jahren kann mitmachen. Sie erleben das Mittelalter hautnah und können in den unterschiedlichen Werkstätten mitarbeiten – von der Schmiede über die Töpferei bis zur Weberei.

Holzkirche und Glockenturm auf dem Campus Galli
© Campus Galli

Soweit möglich wird dabei nur mit Mitteln und Werkzeugen gearbeitet, die es bereits vor 1200 Jahren gab – Hammer und Axt statt Motorsäge und Wasserwaage. Die Mittelalterkleider aus Leinen, die die Arbeiter tragen, werden im Campus Galli selbst genäht. Inszenierte Vorstellungen gibt es nicht – egal, ob geschnitzt, gedrechselt oder gehobelt wird, alles, was die Besucher sehen ist die täglich anfallende Arbeit.

Selbst Hand anlegen können Kinder im Rahmen einer "Begreifen-Führung" bei der sie sich zum Beispiel als Steinmetz ausprobieren oder versuchen, Feuer zu entfachen. Scheune und Holzkirche sind schon fertiggebaut – bis der gesamte Klosterplan mitsamt Schule, Krankenhaus und Ställen umgesetzt ist, wird es wohl noch einige Jahre dauern. Langeweile kommt am Campus Galli somit sicher nicht auf.

Freiwillige arbeiten in der Weberei
© Campus Galli

Eintauchen in die Welt schwäbischer Fürsten

Hoch über der Donau in der Kreisstadt Sigmaringen erhebt sich das prachtvolle Hohenzollernschloss. Einst als Burganlage erbaut, präsentiert sich Schloss Sigmaringen heute als fürstliches Residenzschloss, in dem die späteren Fürsten von Hohenzollern europäische Geschichte schrieben. Bis heute befindet sich das zweitgrößte Stadtschloss Deutschlands im Besitz der schwäbischen Linie der Hohenzollern.

Das spektakuläre Schloss Sigmaringen
© Hohenzollernschloss Sigmaringen/Meli Straub

Wer Lust hat, einen Blick hinter die Kulissen des Kulturdenkmals mit einer 1000-jährigen Geschichte zu werfen, kann unter anderem Prunkräume mit Kunstsammlungen und historische Möbel, imposante Salons, Ankleide- und Frisierzimmer von Fürstin Josephine, Schlossküche mit Speisenaufzug und eine Waffensammlung bestaunen. Das Schloss kann selbstständig mit Audioguide oder im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

Bei Letzterem entführen Schlossführer große und kleine Besucher anschaulich in die Welt des Adels. Um das Jahr 1900 spielt sich beispielsweise die "Kammerdiener- und Kammerzofen-Führung" ab, bei der man sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellen kann. Jeder Besucher bekommt eine Visitenkarte mit einer Rolle zugeordnet – von der adeligen Dame bis zum Hofzahnarzt, die in die Erzählungen eingebaut werden. Spaßfaktor garantiert.

 

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